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Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mein Freund hat mir verschwiegen, dass er HIV-positiv ist

Was passiert, wenn der eigene Partner einem bewusst verschweigt, dass er HIV-positiv ist? Und wenn er nicht mal darauf Wert legt, ein Kondom zu benutzen? Als Katharina von einem Freund ihres Partners die Wahrheit erfährt, bricht sie zusammen.

Katharina weiß nicht mehr, was sie tun soll. Muss sie sich von ihrem Freund trennen? (Symbolbild)

Katharina weiß nicht mehr, was sie tun soll. Muss sie sich von ihrem Freund trennen? (Symbolbild)

Liebe Frau Peirano,

Vor einer Woche habe ich die schlimmste Nacht meines Lebens verbracht und weiß seitdem nicht, was ich machen soll. Mein Leben ist momentan völlig durcheinander. Ich war mit meinem Freund Daniel auf einer Party, irgendwann ging Daniel weg und sein bester Freund (Julius) hat mich beiseite genommen und mich gefragt, ob Daniel mir schon etwas von "seinem Problem" gesagt hätte. Ich wusste nicht, wovon er spricht. Der Freund meinte dann, dass Daniel HIV-positiv ist und das wohl nicht immer sagt. Mir wurde schwindelig und ich hatte einen Schwächeanfall und musste sofort gehen. Julius blieb dann die Nacht bei mir, weil ich nicht allein sein konnte. Für mich ist die Welt zusammen gebrochen. Ich habe solche Angst, dass ich mich angesteckt habe. Wir hatten immer ungeschützten Sex, aber meistens ist Daniel nicht in mir gekommen (nur einmal). Am nächsten Tag kam er dann und hat sich ganz zerknirscht entschuldigt und mir erzählt, dass ihm seine HIV-Infektion unangenehm ist (kommt aus seiner Drogenvergangenheit) und er Angst hat, ausgestoßen zu werden. Er sagte, dass er mich gar nicht angesteckt haben kann und dass HIV nicht so ansteckend ist wie es immer gesagt wird. Dann hat er mich beschworen, niemandem davon zu erzählen.

Ich weiß jetzt nicht, was ich machen soll. Ich bin sehr verliebt in Daniel und diese Beziehung ist ganz anders als alle meine vorherigen. Er ist spannend, witzig, interessant, Künstler. Ich liebe ihn und will mich eigentlich nicht trennen. Aber ich habe riesige Angst, dass etwas passiert ist und ich mich angesteckt habe. Ich denke dauernd daran. Ich selbst komme aus einem sehr netten und "normalen" Elternhaus. Wenn ich meinen Eltern davon erzähle, rasten die aus. Sie wissen nicht viel von meiner Beziehung zu Daniel und glauben eh, dass er auf Dauer nicht der Richtige ist.

Ich bin völlig verwirrt.

Ihre Katharina S.

 

Liebe Katharina S.,

es ist furchtbar, was Daniel Ihnen angetan hat. Das ist ein klassisches Beispiel dafür, was für Gefahren in Beziehungen passieren können, in denen man eigentlich Schutz und Vertrauen erleben sollte. Ich habe schon viele Geschichten gehört, in denen der Partner (bzw. die Partnerin) zum Täter wird und einen in die Armut treibt, einem das eigene Kind wegnimmt oder, wie in Ihrem Fall, einen massiv gesundheitlich gefährdet. Das Schwierige daran ist: Wenn ein fremder Mensch einem etwas antut (einen z.B. überfällt, bedroht oder um Geld betrügt), kann man die Lage klar sehen, Wut entwickeln und das Ausmaß der Tat klar erkennen. Bei einer Beziehungstat, wie dieser, vermischen sich die Liebe und Vertrautheit mit der Verletzung. Es ist dabei extrem schwer, einen objektiven Blick zu entwickeln, weil man ja subjektiv betroffen ist. Lassen Sie mich deshalb das Geschehen von einem äußeren Blickwinkel beschreiben:

Daniel hat sich Ihnen gegenüber – und anscheinend bereits anderen Frauen gegenüber – fahrlässig verhalten. Sein Verhaltensmuster zeigt dass er egoistisch und klar auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist: Er möchte ungeschützten (!) Sex mit Frauen haben und befürchtet, dass ihm das verwehrt wird, wenn er von seiner Erkrankung erzählt. Darüber hinaus möchte er gerne vor seinem Umfeld als gesund dastehen. Das gelingt ihm nur, wenn er seine Drogenvergangenheit und die HIV-Infektion verleugnet. Um diese Vorteile zu erreichen, riskiert er, dass Sie und andere Frauen sich bei ihm anstecken. Das ist aus meiner Sicht nicht zu entschuldigen, und auch die Justiz sieht es als schwere Körperverletzung an, wenn man mit jemandem Sexualkontakt hat und die HIV-Infektion verschweigt. Die Haftstrafe kann mehrere Jahre betragen. Was Daniel gemacht hat, ist kein Kavaliersdelikt und so sollten Sie auch nicht damit umgehen. Die Situation wäre ganz anders gelagert, wenn Sie Bescheid gewusst hätten und sich bewusst dafür entschieden hätten, mit ihm Sex zu haben. Dann hätten Sie das Risiko kalkulieren können – oder eben auch nicht – und sich absichern können (insbesondere durch Kondome).

Was mich außerdem erschreckt: Als Daniel erfahren hat, dass Sie Bescheid wissen, hat er als Erstes versucht, Sie zu manipulieren. Für ihn steht nicht die Sorge um Ihre Gesundheit im Mittelpunkt seines Interesses, sondern er wollte Sie aus eigenem Interesse dazu verpflichten, sein Geheimnis zu bewahren. Wenn Sie sich darauf einlassen, tragen Sie eine zusätzliche Last. Sie haben Sorgen um Ihre Gesundheit, aber stehen mit Ihrer Angst ganz alleine da, weil Sie mit niemandem darüber sprechen können. Lassen Sie sich nicht darauf ein! Vertrauen Sie sich unbedingt den Menschen an, die es gut mit Ihnen meinen. Das Schweigegebot, das Daniel Ihnen auferlegen will, hilft nur ihm. Für Sie ist es schädlich. Sie brauchen Hilfe, um den Schock zu verarbeiten, der mit einer so heftigen Beziehungsverletzung einhergeht. Und Sie brauchen ein offenes Ohr für Ihre Ängste.

Holen Sie sich Unterstützung, wenn Ihnen danach ist. Ihre Familie und Ihre Freunde können Ihnen helfen, mit dieser belastenden Situation umzugehen.

Was Daniel angeht, ist mein Rat eindeutig: Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Tochter und jemand würde Ihrer Tochter das gleiche antun. Wie würden Sie sich fühlen und was würden Sie Ihrer Tochter raten? Für jemanden, dem das Wohl der Tochter am Herzen liegt, gibt es in diesem Fall nur einen Rat: Trenne Dich sofort!  Für Ihr Selbstwertgefühl ist es sehr schädlich, wenn Sie es zulassen, dass Sie weiterhin zum Opfer werden. Außerdem hätten Sie, wenn Sie die Beziehung mit Daniel fortsetzen, die ganze Zeit Angst. Das Vertrauen ist sowieso zerstört. Um aus Ihrer Opferrolle heraus zu kommen, empfehle ich Ihnen, über eine Strafanzeige nachzudenken. Nicht, um eine Strafe zu bewirken, sondern um Ihnen selbst zu signalisieren, dass Sie sich so etwas nicht bieten lassen, und um Daniel zu zeigen, dass sein Verhalten schwerwiegend ist. Allerdings könnte eine Strafanzeige auch Ihre Situation erschweren, weil Sie unter anderem Ihr Intimleben gegenüber der Polizei offen legen müssen. Überlegen Sie sich das also gut, indem Sie sich informieren und die Situation gedanklich durchspielen.

Zu Ihren Ängsten vor einer Ansteckung: Informieren Sie sich am Besten bei Aids-Beratungsstellen über das Ansteckungsrisiko und machen Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit einen Aids-Test. Lassen Sie sich von Menschen, denen Sie vertrauen, begleiten. Leider sollten Sie zwischen 6 Wochen und drei Monaten nach dem letzten Verkehr abwarten, bis die Inkubationszeit vorüber ist oder sich mehrfach testen lassen, um wirklich sicher zu sein. Zu Ihrer Beruhigung: Das Risiko, sich bei einem einmaligen vaginalen Kontakt mit Samenerguss angesteckt zu haben, ist relativ gering und liegt je nach Quelle unter einem Prozent. Sie haben also gute Chancen, dass Sie nicht infiziert sind.

Ich hoffe, dass Sie mit Hilfe Ihres Umfeldes unbeschadet aus dieser Situation heraus kommen.

Herzliche Grüße

Julia Peirano

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