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Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Exfrau hat mich betrogen – hat sie mir auch ein Kind untergeschoben?

Keine Frau muss sich darum sorgen, ob sie die leibliche Mutter ihrer Kinder ist. Der Vater hingegen ist auf das Vertrauen zu seiner Frau angewiesen. Doch was soll er machen, wenn er berechtigte Zweifel hat? Was tritt er mit einem Test los?

Familie mit drei Kindern

Thomas C. macht sich Sorgen, ob er der Vater seiner jüngsten Tochter ist. Sie sieht anders aus als ihre Geschwister. (Symbolbild)

Liebe Frau Peirano,
ich bin seit drei Jahren von meiner Exfrau getrennt. Wir haben drei Kinder: Katharina, 17, Simon, 15, und Lotta, 13. Meine beiden großen Kinder sehen mir sehr ähnlich und ich mache mir keine Gedanken, ob ich der Vater bin. Bei Lotta hege ich immer wieder Zweifel. Sie sieht mir überhaupt nicht ähnlich (ist eher klein und untersetzt, dunkelhaarig), während ich selbst groß, blond und schlank bin. Meine Frau hat mich im letzten Ehejahr betrogen und ihren Betrug so lange verheimlicht, bis ich handfeste Beweise hatte. Deshalb habe ich mich letztendlich auch getrennt. Ich frage mich jetzt, was sie in den Jahren davor gemacht hat.

Ich war beruflich viel unterwegs. Immer wieder denke ich darüber nach, einen Vaterschaftstest zu machen, um endlich Klarheit zu haben, ob Lotta meine Tochter ist. Ich weiß, dass es in Deutschland verboten ist, den Test ohne Zustimmung der Mutter durchzuführen. Ich frage mich auch, was passieren würde, wenn ich erfahre, dass Lotta nicht meine Tochter ist. Ich denke, dass sich zwischen Lotta und mir nichts ändern würde: Ich bin ihr Vater und ich würde weiterhin für sie da sein und für sie sorgen, so wie für Simon und Katharina auch. Aber was wäre mit meiner Exfrau? Da sehe ich rot.

Ich kann das Thema nicht mit Freunden besprechen und würde gerne von Ihnen eine Einschätzung haben.
Mit freundlichen Grüßen,
Thomas C.


Lieber Thomas C., 
das ist eine heikle Situation, in der Sie und Ihre Tochter sich befinden. Ich betrachte die Umstände jetzt einmal absichtlich unabhängig von den rechtlichen Verhältnissen (heimliche Vaterschaftstests werden mit Bußgeldern von bis zu 5000 Euro geahndet). Ich möchte mit Ihnen die Folgen für Sie und Ihre Familie durchdenken, falls Sie sich für einen heimlichen Test entscheiden und feststellen, dass Sie NICHT Lottas Vater sind.

Für Sie selbst würde es einen nicht zu ermessenden Aufruhr der Gefühle bedeuten. Sie wären wahrscheinlich verwirrt und vor allem wütend auf Ihre Exfrau, wie Sie es ja schon andeuten. Je nachdem, ob Sie Ihr Wissen für sich behalten oder Ihre Exfrau konfrontieren, würde es zu heftigem Streit oder zu einer totalen Distanzierung von ihr kommen. Sie beschreiben leider nicht, wie Sie beiden bislang als Eltern kooperieren – aber die Bestätigung, dass Ihre Frau Sie betrogen und Ihnen sogar ein Kind eines anderen Mannes als eigenes vorgetäuscht hat, dürfte Ihr Verhältnis massiv gefährden.

Ihre Kinder würden wahrscheinlich davon erfahren und wären betroffen. Und auch, wenn Sie Ihr Wissen für sich behalten, kann Lotta Ihnen das schweigende Mitwissen später vorhalten. Außerdem ist es gut möglich, dass Lotta unbewusst spürt, dass sich in Ihnen etwas verändert hat, ohne dass sie sagen kann, was es ist. Wenn der Betrug ans Licht kommt, erweist sich die Mutter der Kinder in deren Augen als Lügnerin und Betrügerin. Das ist für Heranwachsende mit geringer Lebenserfahrung und dem Wunsch nach Stabilität sehr schwer zu verdauen.

Sie als Vater wären auch nicht unschuldig, da Sie durch einen heimlichen Test die Wahrheit ans Licht gebracht haben. Die Kinder hätten das Gefühl, in einer solchen Situation für den Vater oder die Mutter Partei ergreifen zu müssen. Und was bedeutet es für Lotta, wenn Sie nicht ihr leiblicher Vater sind? Lotta ist mit 13 mitten in der Pubertät und muss sich mit den Veränderungen ihres Körpers, der Abgrenzung vom Elternhaus und der Entdeckung ihrer Identität auseinandersetzen. Das ist schon schwer genug. Dazu müsste sie sich mit den Lügen ihrer Mutter befassen und sich entscheiden, ob sie ihren leiblichen Vater kennenlernen will – und herausfinden, ob die Gefühle zu Ihnen trotz der genetischen Frage unverändert sind. Das kommt übrigens auch auf Sie zu, denn obwohl Sie jetzt meinen, dass Ihr Gefühl zu Lotta unverändert bliebe, können Sie es nicht wissen, solange es nur Theorie ist. Alles zusammen klingt das nach einer Destabilisierung der Familie und nach einem erheblichen Risiko für Explosionen aller Art.

Was würden Sie durch die Erkenntnis gewinnen? Ruhiger schlafen bestimmt nicht (es sei denn, Sie erweisen sich als der leibliche Vater). Lotta hat definitiv das Recht, Ihre Herkunft zu kennen. Nur stellt sich die Frage: Wann klärt man Kinder am besten über Ihre genetische Abstammung auf? Bei Adoptivkindern hat die Erfahrung gezeigt, dass diese mit der Wahrheit am besten klarkamen, wenn sie von klein auf Bescheid wussten. Diese Chance ist bei Lotta längst vertan. Also stellt sich die Frage, ob Sie es ihr jetzt, also mitten in der Pubertät, sagen, oder später, als junge Erwachsene. Dann wäre sie hoffentlich emotional gefestigter. Hinzu kommt die Frage , wer es ihr sagen würde. Eigentlich wäre dies die Aufgabe Ihrer Exfrau, da diese durch ihr Verhalten die Situation verursacht hat. Es ist aber nicht damit zu rechnen, dass sie Lotta die Wahrheit erzählt. Es besteht die Gefahr, dass irgendwann bei einer medizinischen Untersuchung herauskommt, dass Sie nicht der Vater sein können. Für Lotta wird das eine Erschütterung sein – aber zumindest hätte sie die Pubertät bis dahin ohne dieses zusätzliche Thema überstanden.

Sie merken, die Frage nach einem Vaterschaftstest ist sehr schwer zu beantworten, weil sie eine Vielzahl an kaum vorhersehbaren emotionalen Prozessen und inneren Konflikten nach sich zieht – für die ganze Familie. Denken Sie noch einmal in Ruhe darüber nach, was für einen Stellenwert die Gewissheit bei Ihnen spielt, auch wenn es eine negative Gewissheit ist. Und malen Sie sich die Folgen in allen Details aus.

Ich hoffe, dass Sie eine gute Entscheidung treffen.

Herzliche Grüße, 
Julia Peirano

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