HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe: Aus ein wenig Spaß wurde eine leidenschaftliche Liebe

Eine Liebe, die nicht sein darf: Ein Mann betrügt seine Frau - mit einem anderen Mann. In seinem Kopf darf es das nicht geben und er unterdrückt seine Gefühle, soweit er kann. Hat diese Liebe trotzdem eine Zukunft?

Von Julia Peirano

Schwules Paar verheimlicht seine Liebe

Martin S. hat sich verliebt - doch sein Freund schafft es nicht, zu seiner Homosexualität zu stehen (Symbolbild)

Hallo Frau Dr. Peirano und alle zusammen,

ich glaube, dass ich ordentlichen Liebeskummer habe. Vorab sei gesagt, dass ich schwul bin. Vor zwei Jahren habe ich im Internet einen Mann (46) kennengelernt. Eigentlich war es nur für ein wenig Fun gedacht, aber mit der Zeit entwickelte sich eine leidenschaftliche Affäre daraus. Zu dem Zeitpunkt wusste ich auch bereits, dass er verheiratet ist und zwei volljährige Kinder hat. Er hatte aber immer mal wieder One-Night-Stands mit Männern, durfte es aber nie ausleben, da bei ihm zu Hause ein polnisch, katholisches Bild gelebt wird. Homosexualität passt da nicht hinein.
In der Zeit unserer Affäre stellten wir fest, dass wir auch außerhalb des Bettes viele Gemeinsamkeiten, Interessen und Vorstellungen haben. Mit anderen Worten: Wir haben uns ineinander verliebt! Können nicht ohne den anderen sein, und er selbst beschreibt das, was er mit mir erlebt, als unglaublich. Er hätte so etwas noch nie gefühlt bzw. empfunden, noch nicht einmal bei seiner Frau. Er ist unvollkommen, wenn ich nicht in seiner Nähe bin. Der Topf hat seinen Deckel gefunden und mir geht es haargenau so.
Je größer jedoch diese Liebe wurde, umso größer wurden auch die Gewissensbisse gegenüber der Familie.

Wie ich zu ihm gesagt habe, der Verstand hat über die Liebe gesiegt oder anders ausgedrückt: Wir dürfen uns nicht lieben!
Aber man merkt seine innere Zerrissenheit und dass er eigentlich lieber bei mir sein würde, es aber durch seine Wertvorstellungen nicht schafft oder nicht kann. Nur ganz selten lässt er sein Herz sprechen und dieses spricht eindeutig für mich (das bilde ich mir nicht ein und er hat es auch nicht nur gesagt, um mich bei der Stange zu halten).

Ich habe ihm alle Zeit der Welt eingeräumt, was eine Entscheidung angeht. Kurzzeitig hatten wir auch keinen Kontakt, doch wir haben es beide nicht durchgehalten, weil die Nähe des anderen fehlt.
Wir können/dürfen nicht miteinander, aber es geht auch nicht ohne einander ... Momentan haben wir uns wieder für eine Funkstille ausgesprochen. Wieder aus oben genannten Gründen ... Meistens bricht er sie.

Meine Frage daher: Was kann ich tun, um die "Beziehung" zu retten? Kann ich überhaupt etwas tun? Und wenn nicht, wie komme ich aus diesem Strudel heraus?

Vielen Dank für Ihren Rat  

Martin S.


Lieber Martin S.,

das, was Sie gerade erleben, gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen, die man überhaupt machen kann. Sie lieben einen Mann, der Sie auch liebt - aber aus gewichtigen Gründen nicht zu Ihnen stehen und mit Ihnen zusammen sein kann. So, wie Sie es beschreiben, hat Ihr Freund panische Angst davor, die Erwartungen seines Umfeldes zu enttäuschen, indem er Ihnen zeigt, wie er ist und wie er fühlt. Mit seinen 46 Jahren hat er sich noch nicht von den Werten seines Umfeldes gelöst, auch wenn er selbst nicht nach diesen Werten leben kann. Er lebt stattdessen in einem zerreißenden Gewissenskonflikt und verleugnet seine Gefühle und Neigungen.

Er wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, sich seinem Umfeld zu zeigen. Und dass, obwohl er Sie kennen und lieben gelernt hat und einen starken Verbündeten hat. Deshalb befürchte ich, dass Ihr Freund jetzt - und wahrscheinlich noch in vielen Jahren - nicht in der Lage ist, zu sich selbst und zu Ihnen zu stehen. Wenn es, zum Beispiel durch einen Zufall, ans Licht käme, was er macht, ist sogar damit zu rechnen, dass er psychisch zusammenbrechen und für eine sehr lange Zeit extreme Schuldgefühle haben würde, die Perspektive und Orientierung verloren würde und instabil wäre.
Deshalb möchte ich Ihnen die Hoffnung nehmen, dass Ihr Freund sich entscheidet - und dass Sie und er aus dem Schattendasein treten und zusammen leben können. Das wäre nicht gesund für ihn und würde ihm den Boden unter Füßen wegreißen.

Es gibt aus meiner Sicht nur zwei Möglichkeiten: Entweder Sie richten sich mit Ihrem Freund ein Leben in der Heimlichkeit ein, in vollem Wissen, dass es sich nicht ändern wird. Vermutlich würde es Ihren Freund entlasten, wenn er sich nicht mehr unter Druck fühlt, sich entscheiden zu müssen. Spielen Sie, alleine und auch mit ihm zusammen, diese Möglichkeit einmal genau in Gedanken durch: Wie oft würden Sie sich sehen? Was würde er seiner Frau über Sie erzählen (vielleicht wären Sie sein bester "Kumpel"?!) Hätten Sie gemeinsame Freunde, Reisen, Hobbies? Wie würden Sie sich damit fühlen, dass er immer wieder zu seiner Familie zurück geht? Wie würde sich Ihr Freund fühlen, wenn er seine Frau und die erwachsenen Kinder weiterhin belügt?

Wenn Sie schon in der Vorstellung merken, dass dieses Modell für Sie unbefriedigend und schmerzhaft ist, kommt nur Möglichkeit zwei in Frage.
Trennen Sie sich, trotz aller Liebe und Leidenschaft, die Sie für Ihren Freund empfinden. Die Trennung wird sehr hart, denn Sie beide müssen Ihre Gefühle abtöten, obwohl Sie einander noch lieben. Aber letztendlich hätten Sie nur dann die Chance, dass Sie einen Partner finden, der voll und ganz zu Ihnen steht.

Ich wünsche Ihnen einen klaren Kopf und ein gutes Gespür für Ihre Wünsche

Herzliche Grüße

Julia Peirano

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity