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Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mit meinem Mann stimmt alles – nur im Bett klappt es nicht

Sie hat ihren Traummann gefunden, alles passt! Nur mit dem Sex ist sie unzufrieden. Er ist verklemmt und kommt, bevor sie überhaupt ihren Höhepunkt erreicht hat. Kann man dauerhaft ohne Sex leben – oder gefährdet das die Liebe?

Eigentlich ist alles gut – nur im Bett läuft es nicht

Eigentlich ist alles gut – nur im Bett läuft es nicht. Wird der schlechte Sex ihre Beziehung zerstören? (Symbolbild)

Liebe Frau Dr. Peirano,

ich (48) bin seit vier Jahren mit meinem Mann zusammen. Wir sind sehr, sehr glücklich miteinander. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so einen Menschen treffe, der in (tja, leider nur fast) jeder Hinsicht so gut zu mir passt. Wir können toll miteinander reden, haben sehr großes Vertrauen zueinander, haben extrem ähnliche Vorstellungen vom Leben (von politischen Ansichten und Werten bis hin zu allerkleinsten Details wie der Sorte des Tees oder der Farbe der Balkonpflanzen), wir können miteinander lachen, sorgen gemeinsam für seine Zwillingstöchter und meinen Sohn, teilen sehr viele Interessen und sind auch ein wahnsinnig gutes Team.

Nur im Bett ist es schwierig. Ich finde meinen Mann körperlich anziehend, auch wenn er nicht hundertprozentig mein Typ ist, aber er riecht super, ich fühle mich bei ihm geborgen und sehe ihn gerne an. Aber sobald wir uns sexuell annähern, verkrampft er spürbar. Ich selbst bin in punkto Sex zwar immer einem Mann treu gewesen, aber ich bin sehr unkompliziert. Ich hatte vor meinem Mann ein paar Liebschaften und Beziehungen, in denen der Sex super war. Man spielte miteinander, hat sich die Kleider vom Leib gerissen, bevor man sich begrüßt hat oder ist nachts über den anderen hergefallen. Einer meiner Liebhaber hat mich auch im Bett an den Haaren gepackt und mich mehrmals hart oder liebevoll genommen, bis wir befriedigt waren. Es  lief problemlos. Ich brauchte ihn nur einmal im Schritt zu berühren, schon wurde er hart und konnte loslegen. Jetzt ist es das Gegenteil: Mein Mann ist sehr zärtlich, zurückhaltend und fragt dauernd, wie ich es mag. Das stört mich. Er kommt leider sehr früh, und wir hatten nur selten annähernd befriedigenden Sex, der jedoch noch meilenweit entfernt von dem Sex ist, wie ich ihn bisher öfter erleben durfte.

Eines vorweg: Ich liebe meinen Mann sehr und unsere Liebe beruht ganz klar auf Treue. Es ist undenkbar für ihn und auch für mich, dass wir unsere Beziehung öffnen. Ich halte diese ganzen Dinge wie Swingerclubs, Dreier, Tantra etc. für Unfug und muss klar sagen, dass das kein Modell für uns ist. Auch kommt es für mich nicht infrage, meinen Mann zu betrügen! Ich liebe ihn sehr und möchte ihn nicht verletzen, auch habe ich kein Verlangen nach anderen Männern.

Mein Mann leidet sehr unter der Situation: Er möchte natürlich gerne, dass es bei uns im Bett klappt, aber das tut es nicht. Wenn er wieder zu früh gekommen ist, ist er unglücklich, aber immer noch sehr liebevoll zu mir. Wenn wir nach dem Sex zu etwas anderem übergehen, uns unterhalten oder frühstücken, ist die Stimmung sofort wieder gut.

Ich kann damit leben. Im Moment ist mir der Sex nicht sooo wichtig. Ich bin nur etwas beunruhigt, weil man immer wieder hört, dass Paare, die keinen oder unbefriedigenden Sex haben, irgendwann das Interesse aneinander verlieren oder doch fremdgehen. Ich erwische mich ab und zu dabei, dass ich mir einen gut gebauten Mann auf der Straße anschaue und darüber phantasiere, mit ihm zu schlafen. Aber das ist auch schnell wieder vergessen und ich würde das nie tun!  Ich liebe meinen Mann wirklich sehr und möchte mit ihm den Rest meines Lebens verbringen. Deshalb ist meine Frage an Sie und auch an andere Leser und Leserinnen: Gibt es auf lange Sicht gute Beziehungen ohne Sex?

Liebe Grüße

Maria S.

 

Liebe Maria S.,

ich höre sehr viel Liebe aus Ihren Worten und Sie beschreiben die Verbindung zu Ihrem Mann als sehr innig. Das ist schon mal eine gute Basis, um mit der unerfüllten Sexualität umzugehen.

Mir sind aus meiner Praxis, aber auch aus meinem privaten Umfeld viele Paare bekannt, die seit längerer Zeit aus den verschiedensten Gründen keinen, wenig oder unbefriedigenden Sex haben. Einige dieser Paare sind sehr glücklich miteinander – die Sexualität spielt bei ihnen einfach keine besonders große Rolle und wird ausgeklammert. Andere Paare haben seit Längerem keinen Sex, weil sie sich seelisch nicht nah sind und sich nicht gut verstehen – das ist eine ganz andere Problematik.

Bei Ihnen und Ihrem Mann verstehe ich es so, dass sie beide eigentlich ein Bedürfnis nach Sexualität haben. Nur ist Ihr Mann eher von gehemmter und kontrollierter Natur und kann wahrscheinlich aus lauter Leistungsdruck seinen Kopf beim Sex nicht abschalten. Sie hingegen sind unbefangen und lustvoll – nur mit Ihrem Mann gelingt Ihnen das nicht, weil Sie es in seinem Kopf rattern hören. Und das, was mit Ihren Liebhabern lustvoll war, würde mit Ihrem Mann deplatziert wirken.

Haben Sie und Ihr Mann das Thema schon angesprochen? Sie können doch sonst gut miteinander reden, das wäre auf jeden Fall der erste Schritt. Da Ihr Mann Ihnen unbedingt gefallen und alles richtig machen möchte und er den Zeitpunkt seines Samenergusses nicht willentlich kontrollieren kann, sollten Sie ihm keinen Druck machen. Das würde die Problematik noch verstärken. Versichern Sie ihm, dass Sie ihn auch so lieben und nicht verlassen – selbst wenn es im Bett nicht klappt.

Ihr Mann könnte zu einer Sexualtherapie, zur Hypnotherapie oder zu einem speziell ausgebildeten Arzt für Männergesundheit gehen, wo er seinen Körper besser kennen lernt und durch Atemübungen und andere Techniken lernt, seine Ejakulation zu kontrollieren. In den meisten Fällen sind die Ursachen für vorzeitigen Samenerguss psychisch. Da Ihr Mann selbst an einer guten Sexualität mit Ihnen interessiert ist, wird er bestimmt bereit sein, diesen Weg auszuprobieren.

Einigen Paaren hilft es, eine Weile ganz auf die Penetration zu verzichten, um den Druck abzubauen und das körperliche Beisammensein wieder als lustvoll zu erleben. Sie könnten sich liebevoll streicheln, sich gegenseitig nach ihren Vorlieben fragen und vorsichtig ausprobieren, was der andere mag. Nur einen Zahn ziehe ich Ihnen: So wie es klingt, wird es mit Ihrem Mann nie so wie mit Ihren Liebhabern. Dennoch haben ja mit Ihren Liebhabern andere Dinge nicht gestimmt oder gefehlt, sonst hätten Sie einen von ihnen geheiratet.

Es mag altmodisch klingen, aber es ist oft hilfreich, ganz bewusst auf etwas zu verzichten, was fehlt. Kein Leben ist auf Dauer komplett, kein Paar hat alles. Einige Paare können nicht miteinander reden, ohne sich falsch zu verstehen oder zu streiten. Viele Paare leider unter einem unerfülltem Kinderwunsch, chronischen Krankheiten, dauerndem Zeitdruck, wirtschaftlicher Not, Dauerstress oder fehlenden Gemeinsamkeiten. Bei Ihnen ist alles gut, außer dem Sex. Immer bekommt das, was gerade fehlt, eine besondere Bedeutung und wird oft überbewertet. Aber Sie legen fest, was Ihnen wichtig ist und worauf Sie verzichten können.  Erinnern Sie sich an die Zeiten, in denen Sie viel und guten Sex hatten: Hat das allein Sie glücklich gemacht? Oder hat Ihnen etwas anderes an dem jeweiligen Liebhaber gefehlt?

Machen Sie sich bewusst, was Sie alles Positives an Ihrem Mann haben und warum er der Mann ist, mit dem Sie Ihr Leben verbringen wollen. So wie Sie über ihn schreiben, wird es nicht schwer sein, dass jeden Tag zu fühlen. Möglicherweise bessert sich die Sexualität zwischen ihnen noch. Wenn nicht, bemühen Sie sich um Pragmatismus. Vielleicht können Sie sich mit dem Mangel zufrieden stellen, indem Sie sich besonders lustvoll selbst befriedigen?

Ich wünsche Ihnen, dass Sie eine gute Lösung finden.

Liebe Grüße

Julia Peirano


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