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Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mein Freund hängt immer noch an seiner Ex

Ein Mann verliebt sich Hals über Kopf und verlässt seine Ehefrau. Doch die Schuldgefühle holen ihn ein – aus Rücksicht auf seine Ehefrau verzichtet er auf die Scheidung. Wie konsequent muss man sich trennen, damit das Neue Bestand hat?

Julia Peirano berät Menschen in Liebesdingen

Karina ist unzufrieden mit ihrer Beziehung. Wird ihr Freund sich jemals ganz von seiner Ex lösen? (Symbolbild)

Liebe Frau Peirano,

ich, 45, lebe seit vier Jahren mit meinem Freund, 48, zusammen. Es war zu Beginn nicht einfach für uns, denn er hat sich für mich von seiner Familie getrennt. Es war bei uns Liebe auf den ersten Blick. Trotzdem bin ich oft unglücklich: Er hat sich bis heute nicht scheiden lassen. Die Feiertage wie Ostern oder Heiligabend verbringt er mit seiner Ex-Frau – den Kindern zuliebe, wie er sagt. Und seine Freunde habe ich bis heute nicht kennengelernt, angeblich aus Rücksicht auf seine Ex-Frau. Ist das normal?

Liebe Grüße
Karina M.


Liebe Karina M.,

die Frage ist nicht, ob das Verhalten Ihres Partners normal ist, sondern ob Sie damit leben können. Und da Sie oft unglücklich sind, lautet die Antwort: "Nein" oder zumindest "Nur mit viel Leid".

Es ist eine schwierige Situation, wenn eine Ehe aufgelöst wird, weil einer – in diesem Fall der Mann – eine neue Liebe gefunden hat. Übrigens möchte ich etwas korrigieren: Ein Vater trennt sich nicht von seiner Familie, sondern von seiner Frau. Für die Kinder bleibt er immer Vater und sollte sich auch als von der Mutter getrennter Vater um diese sorgen.

In Ihrer Situation wäre aus meiner Sicht Integrationsarbeit nötig gewesen, damit die Frau Ihres Partners ihre Verletzungen hätte verarbeiten können. Im besten Falle führen Paare während des Trennungsprozesses Gespräche (zum Beispiel mit einer Paartherapeutin) und finden heraus, welches die tiefen Ursachen für die Trennung sind. Auch wenn ein Dritter im Spiel ist, gibt es meistens Gründe, die den Seitensprung und die Trennung erst möglich gemacht haben. Erst wenn man diese Gründe verstanden und betrauert hat, kann man den anderen allmählich loslassen. In Ihrem Fall sieht es so aus, als wenn das alles nicht stattgefunden hat: Die Frau Ihres Partners ist noch so verletzt wie am ersten Tag, dass Ihr Mann Sie (vermeintlich Ihretwegen) verlassen hat.

Deshalb verweigert Sie auch den Kontakt zu Ihnen und fordert, dass Ihr Mann sich weiter nach ihren Wünschen richtet.

Haben Sie nach der Trennung versucht, mit seiner Frau zu reden oder sich dafür zu entschuldigen, dass Sie in die Ehe eingedrungen sind? Aus meiner Erfahrung kann eine aufrechte Entschuldigung ein Schritt sein, um die vereisten Fronten aufzuweichen. Denn eine Frau, die in eine Ehe eindringt, zeigt der ersten Frau ja, dass sie sie nicht wahrnimmt und nicht respektiert. Ich schlage Ihnen vor, dass Sie an dieser Stelle mit viel Fingerspitzengefühl Kontakt aufnehmen.

Es hört sich für mich insgesamt so an, als wenn bisher keine Integrationsarbeit stattgefunden hat. Sie und Ihr Partner leben einfach auf dem Scherbenhaufen der alten Familie weiter und schneiden sich immer wieder an den Scherben. Ihr Partner ist aus Gewohnheit und aus Schuldgefühlen noch an seine Frau gebunden und möchte ihr nicht weiter weh tun. Deshalb büßt er durch sein Verhalten seine Schuld ab. Aber damit entfernt er sich immer weiter von Ihnen, denn jedes Mal, wenn er Sie ausschließt, weil er in seine alte Familie zurück geht, entstehen weitere Verletzungen und die Kluft zwischen Ihnen wird größer.

Auch für die Kinder ist dieses System keine gute Lösung. Aus meiner Sicht wäre es sehr wichtig, dass die Fronten geklärt sind! Denn in dieser unaufgeräumten Situation werden die Gefühle der Erwachsenen auf dem Rücken der Kinder ausgelebt. Als da wären: Die Wut der Ehefrau und ihr Schmerz über die Trennung. Die Schuldgefühle des Vaters und sein Bemühen, es allen Recht zu machen. Ihr Schmerz und Ihr Ausgeschlossen-Sein, wodurch den Kinder signalisiert wird: Papas neue Partnerin zählt nicht wirklich. Die Kinder sind in zwei Welten zu Hause, zwischen denen ein tiefer Graben klafft. Das ist nicht einfach für sie.

Aus meiner Sicht wäre es wichtig, jetzt mit dem Integrationsprozess zu beginnen und die Scherben wegzuräumen. Sprechen Sie mit Ihrem Partner über Ihre Gefühle und Ihre Verletzungen – und bitten Sie ihn, zu Ihnen zu stehen. Führen Sie nach Möglichkeit auch Gespräche beim Paartherapeuten, damit ein Fachmann mit Ihnen Wege erarbeiten und Gefühle aufdecken kann.

Ich denke, dass Sie nur eine wirkliche Chance auf eine gemeinsame Zukunft haben, wenn Sie als Paar zusammenhalten und die Vergangenheit behutsam abschließen. Allerdings ist dies mehr die Aufgabe Ihres Partners, da es sich um seine Vergangenheit handelt.

Ich wünsche Ihnen alles Gute

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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