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"Morgen ist es vorbei": Liebeskummer, frisch vom Seziertisch

Wenn einen der Liebeskummer mit voller Wucht einholt, heißt das, die eigene Liebe wird nicht (mehr) erwidert. Es beginnt eine lange Zeit des Leidens. Dem Kampf mit den Gefühlen schenkte Kathrin Weßling in ihrem neuen Buch schaurig-schöne Worte.

Von Susanne Baller

Kathrin Weßling hat sich einfühlsam dem Leid des Verlassenen gewidmet. Dass dieses Buch trotzdem ein Lesevergnügen ist, liegt an der Kunstfertigkeit der Autorin.

Kathrin Weßling hat sich einfühlsam dem Leid des Verlassenen gewidmet. Dass dieses Buch trotzdem ein Lesevergnügen ist, liegt an der Kunstfertigkeit der Autorin.

Wie es sich anfühlt, eine große Liebe, vielleicht die Liebe seines Lebens zu verlieren, lässt sich für die meisten Betroffenen kaum in Worte fassen. Der große Schmerz, das Brennen im Herzen, die stumpfe Leere im Kopf, das Zurücksehnen in die Vergangenheit, der Wunsch danach, etwas ungeschehen zu machen. Kathrin Weßling hat es geschafft, die marode Gefühlswelt eines oder einer Verlassenen in "Morgen ist es vorbei" auf 200 Seiten auszugießen, schonungslos, ehrlich, düster.

Jeder Abgrund, der sich auftut, jeder Schnaps, der vergessen machen soll und jede Stunde Schlaflosigkeit kommen in ihrem zweiten Roman mit solcher Wucht, aber gleichzeitig auch solcher Zartheit daher, dass selbst ein Leser, der von der Erfahrung des Verlassenwerdens bislang verschont blieb, nach der Lektüre weiß, dass er das nie, nie, niemals erleben möchte.

Ich und du, aber kein Wir

Ohnmacht, Verzweiflung, Ausweglosigkeit und immer nur den einen Gedanken im besessenen Kopf - an die verlorene Liebe. Wenn man Kathrin Weßling glauben darf, gibt es dabei keinen Geschlechterunterschied, fühlt es sich für Männer und Frauen identisch an. Die Protagonisten und ihre Schicksale wechseln in den "Stories", heißen Max, Hannes, Martha, Flora oder einfach ich und du. Und womöglich heißen sie auch alle Kathrin.
Ehrlich und rückhaltlos schildern sie ihren Kampf durch eine der düstersten Zeiten, die ein Mensch privat erleben kann. Nichts essen, zu viel Alkohol, Tabletten bis zum Beinahe-Suizid - Betäubung scheint der einzige Weg zu sein, den Schmerz zu ertragen. Die dreckige Großstadt, ihre dunklen Bars und lauten Diskotheken erwarten das unglücklichste Geschöpf des Planeten bereits, wenn es nach einer Woche Starre und Ausharren in der eigenen Wohnung eines Nachts vor die Tür geht. Um draußen in jedem Gesicht die verlorene Liebe zu sehen. Kenn ich, kenn ich, kenn ich, denkt der leidgeprüfte Leser, der an Momente erinnert wird, die er lieber für immer vergessen hätte. Doch wenn Kathrin Weßling sie beschreibt, huscht ihm ein Lächeln übers Gesicht, weil sie so gut in Worte fasst, was bislang ein zäher Brei aus Emotionen war.

Liebeskummer unter dem Seziermesser einer Gefühls-Pathologin - so scharf schneiden nicht viele.

"Morgen ist es vorbei" erscheint im Luchterhand Literaturverlag und lässt sich für 14,99 Euro hier bestellen.

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