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BILDUNG: Warum sind unsere Schüler so doof?

Bei der internationalen Bildungsstudie »Pisa« hat Deutschland miserabel abgeschnitten. Die Kultusminister versprechen nun, dass alles besser wird. Reformpädagogin Enja Riegel glaubt nicht dran. Sie setzt auf fantasievollen Unterricht und ärgert sich über einfallslose Lehrer.

Bei der internationalen Bildungsstudie »Pisa« hat Deutschland miserabel abgeschnitten. Die Kultusminister versprechen nun, dass alles besser wird. Reformpädagogin Enja Riegel glaubt nicht dran. Sie setzt auf fantasievollen Unterricht und ärgert sich über einfallslose Lehrer.

Stern: Frau Riegel, an deutschen Schulen gibt es im internationalen Vergleich relativ wenig Spitzenschüler, dafür aber erschreckend viele Schulversager. Was bedeutet das für Deutschland?Enja Riegel:

Ein böses Erwachen. Sowohl unsere Eliten in den Führungsetagen als auch die einfachen Arbeiter und Angestellten werden den Herausforderungen der Wirtschaft nicht mehr gerecht. Nach der internationalen »Pisa«-Studie kann ein Viertel der 15-Jährigen lediglich einfachste Texte verstehen. Denen droht die Arbeitslosigkeit. Und es macht sie anfällig für dumpfe politische Parolen.

Warum sind die deutschen Schulen so schlecht?

Wir trennen zu früh und zu streng die Erfolglosen von den Erfolgreichen. Die meisten Lehrer wissen nicht, wie sie schwache Schüler fördern sollen. Das Einzige, was ihnen einfällt, ist Aussondern: erst eine Fünf, dann sitzen bleiben, schließlich Schulwechsel. In keinem anderen Land gibt es so viele Sitzenbleiber wie bei uns. So sind die Hauptschulen zum Sammelbecken für Verlierer geworden. Die Gymnasien schneiden aber trotz der starken Selektion im internationalen Vergleich gar nicht gut ab.

Sie waren selbst unter dem ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Hans Eichel im Gespräch als Kultusministerin, haben sich dann aber lieber für den Job als Schulleiterin entschieden. Hat die Politik versagt?

Ja. Das beginnt beim Geld: Es gehen mehr Mittel in die Gymnasien als in die Grund- und Hauptschulen. Das heißt, die Kinder, die es am allernötigsten hätten, erhalten am wenigsten Geld. Wir Deutschen sind Weltmeister in der Chancenungleichheit. Das ist ein politischer Skandal.

Wo sehen Sie noch Versäumnisse?

Gegenüber den Universitäten. Dort geht es nicht um die beste Lehrerausbildung, sondern um Fachwissenschaft. Egoismen und Statusinteressen der Professoren kommen hinzu. Sie mögen auf ihrem Spezialgebiet hervorragend sein, aber sie wissen nichts von den heutigen Problemen der Schule und verstehen nichts vom Unterricht für Kinder und Jugendliche.

Die »Pisa«-Studie hat die Bildungspolitiker aufgeschreckt. Prompt wurden Reformen versprochen. Glauben Sie daran?Das müssen Sie uns erklären.

Schwache Schüler sind das Salz in der Suppe. Denn um ihnen etwas beizubringen, muss man Fantasie aufbringen. Das macht Unterricht lebendig.

Wie sieht ein solcher Unterricht aus?

In Geometrie zum Beispiel beginnen bei uns erst einmal alle Schüler mit handgreiflichem, aber intelligentem Spielmaterial wie Steckbrettern oder Klötzen. Die schwächeren Schüler entdecken dabei geometrische Grundeinsichten, die sie durch Üben und Messen festigen. Die Begabten schaffen es, Gesetze selbst abzuleiten und zu beweisen. Eine hervorragende Aufgabe für gute Schüler ist es auch, den anderen ihr Wissen zu erklären, ihnen etwas beizubringen. Das müssen auch zukünftige Führungskräfte können. Oder nehmen Sie Geschichte: Die einen finden heraus, wie die Statik der römischen Viadukte funktioniert und schreiben darüber eine kleine Forschungsarbeit. Die anderen interessieren sich für Gladiatoren. Dann stöhnen wir nicht: »Gott, o Gott, die RTL-Generation!« Sondern der Lehrer bemüht sich, die Neugierde dieser Schüler auf das Problem der Sklaven zu lenken. Schüler je nach ihrer Begabung zu unterrichten ist eine Kunst, die nur wenige Lehrer beherrschen. Wir haben uns viel bei den Grundschulen abgeguckt. Die praktizieren schon lange solch einen differenzierten Unterricht.

Klingt nach Kuschelecken-Pädagogik.

Ich kann dieses alberne Wort nicht mehr hören. Wir stellen ganz im Gegenteil hohe Leistungsanforderungen. Die Universität Jena untersucht unsere Absolventen. Insgesamt sind sie nicht nur fachlich überdurchschnittlich stark - vor allem finden sie alle eine Lehrstelle oder kommen gut im Studium klar.

Wenn schwache Schüler so wichtig sind für guten Unterricht, müssten Gesamtschulen ja Lernparadiese sein.

Sind sie natürlich nicht. Viele Gesamtschullehrer sind mittlerweile erschöpft und einfallslos und machen vielleicht einen etwas besseren Frontalunterricht. Außerdem stimmt die Schülermischung oft nicht. Etwa 20 Prozent unserer Schüler haben Haupt- oder Sonderschulniveau, 30 Prozent Realschulniveau, und 50 Prozent könnten das Gymnasium besuchen. Das Verhältnis ist bei vielen Gesamtschulen wesentlich schlechter. Von den Haupt- und Sonderschulen, wo die Kinder sich gegenseitig behindern, ganz zu schweigen.

Was muss dort geschehen?

Ich habe kein Patentrezept. Das Kind ist schon sehr tief in den Brunnen gefallen. Vielleicht sollte man Haupt- und Realschulen grundsätzlich zusammenlegen.

Warum hängen die Deutschen so sehr an Gymnasium, Real- und Hauptschule?

Das deutsche Gymnasium gilt als Königsweg zum Lebenserfolg, obwohl es das schon längst nicht mehr ist. Die Realschulen möchten auch etwas »Besseres« sein, müssen also noch eine Schulform unter sich haben.

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch will in seinem Bundesland zusammen mit der Dresdner Bank und anderen Wirtschaftspartnern ein Elite-Gymnasium gründen. Ist das der richtige Weg?

Eine gute Schule fördert ihre Hochbegabten so, dass sie keine Extraschule brauchen. Einer unserer Absolventen, der jetzt in Harvard studiert, war so begabt in Mathe, dass wir ihn da freigestellt haben. Der konnte Theater spielen, sich im Schülerrat engagieren und sich an der Uni Vorlesungen anhören. Die Lehrer müssen sich nur trauen, das zuzulassen.

Interview: Doris Schneyink

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(