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Bildungs-Ratgeber: Eltern machen Schule

Zum Schulstart stellen sich Eltern wieder die Frage: Wie stark soll ich mich in den Schulalltag einmischen? Der neue stern-Ratgeber Bildung erklärt, welche Rechte Väter und Mütter haben und wie die Kinder davon profitieren.

Von Eva Wolfangel

Als Eltern können Sie den Unterricht durchaus mitbestimmen

Als Eltern können Sie den Unterricht durchaus mitbestimmen

Frau Maier backt jedes Jahr zum Sommerfest der Schule ihrer Kinder einen Kuchen, ihr Mann betreut den Stand fürs Dosenwerfen. Damit sind die Maiers überdurchschnittlich engagierte Eltern. Wie die wechselnden Mathenoten ihres Sohnes Max zustande kommen, wollen sie lieber nicht so genau wissen. "Das ist Sache des Lehrers, da kann man nichts dran ändern", denken sie sich. Falsch: Eltern haben an der Schule ihrer Kinder mehr Rechte als Kuchenbacken zum Sommerfest.

Viele Mütter und Väter kennen und nutzen ihre Möglichkeiten nicht, oder sie lassen sich zu schnell entmutigen. Ja, viele haben Angst, ihre Schützlinge könnten Nachteile bekommen, wenn sie den Mund aufmachen. Doch je mehr sich Eltern konstruktiv einmischen, umso besser lernt ihr Nachwuchs, so das Ergebnis aktueller Studien. "Wenn Eltern sich in der Schule engagieren, entwickeln ihre Kinder eine positive Einstellung und ihr Lernverhalten wird besser", sagt der Erziehungswissenschaftler Professor Werner Sacher. Dadurch könne die Leistung steigen. Viele Lehrer kennen ihre Rechte übrigens ebenso wenig wie die Eltern: Lediglich acht Stunden Schulrecht lernen Referendare im Schnitt.

Mitbestimmung endet nicht am Schultor

Das Grundgesetz regelt die Rechte und Pflichten von Eltern. In Artikel 6 heißt es: "Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht." Doch Artikel 7 schränkt ein: Die schulische Erziehung steht unter Aufsicht des Staates. Deshalb müssen Eltern ihr Kind regelmäßig zur Schule schicken. Und sie dürfen es nicht früher aus der Schule nehmen, um in den Urlaub zu fahren, weil die Flüge in den Süden vor Ferienbeginn billiger sind.

Die Mitbestimmung der Eltern endet aber nicht am Schultor. Der Erziehungsauftrag von Schule und Eltern sei "gleich geordnet" und könne nur im Zusammenwirken erfüllt werden, urteilte 1972 das Bundesverfassungsgericht. Dafür hat jedes Bundesland sein eigenes Konzept. Nicht nur für Laien ist dieser Paragrafendschungel unübersichtlich: Weder der Bundeselternrat noch die Kultusministerkonferenz können derzeit einen zusammenfassenden Überblick über die Schulgesetze geben. In manchen Bundesländern arbeiten Schulen und Eltern Hand in Hand, anderswo werden Eltern nur begrenzt gehört. Der Pädagoge und Jurist Professor Lutz Dietze sagt: "Wir haben seit 35 Jahren ein Nord-Süd-Gefälle: Im Norden werden Eltern im Allgemeinen eher einbezogen, im Süden herrscht autoritäres Denken vor."

Jenseits von Gesetzen hat jede Schule einen Spielraum, den sich Eltern erkämpfen sollten. Nicht gleich mit dem Rechtsanwalt, sondern in Form von Gesprächen. Häufig reden Eltern und Lehrer aber erst miteinander, wenn es Ärger gibt. So entsteht keine Vertrauensbasis. Deshalb werden hier exemplarisch die rechtlichen Möglichkeiten der Elternmitbestimmung vorgestellt: neben den individuellen, wie Elterngespräche, die kollektiven, wie beispielsweise die Mitarbeit im Elternbeirat. Mütter und Väter sollten sich darüber hinaus über ihr Schulgesetz und die Möglichkeiten an ihrer Schule informieren - und bei ihren Elternvertretern.

Was das im Detail bedeutet, erklären wir Ihnen auf der folgenden Seite.

Wo Eltern mitbestimmen können

1. Sprechstunden und Lernentwicklungsgespräche Die einfachste Form der Mitsprache und gleichzeitig eine der wichtigsten: das direkte Gespräch. Jeder Lehrer sollte normalerweise eine Stunde pro Woche als Sprechstunde für die Fragen der Eltern frei halten. Dabei können die Eltern zum Beispiel nachfragen, wie eine Note zustande kommt, das muss ein Lehrer offen legen. Eltern sollten den direkten Kontakt mit dem Lehrer ihres Kindes aber nicht erst dann suchen, wenn es Probleme gibt. Sie dürfen in der Sprechstunde auch allgemeine Fragen zum Lernstand des Kindes besprechen.

Daneben planen einige Länder sogenannte "Lernentwicklungsgespräche": Hier sprechen der Lehrer, der Schüler und die Eltern gemeinsam über den Stand des Kindes und planen die Lernziele für das folgende Halbjahr. "Das stärkt die Selbstverantwortung von Schülern und Eltern und ist erfolgreicher als eine einfache Sprechstunde", sagt der Vorsitzende des Bundeselternrats Hans-Peter Vogeler. Der Bundeselternrat vertritt die Eltern aller Schulformen bundesweit.

2. Der Elternabend

Mindestens einmal im Jahr treffen sich die Eltern einer Klasse zum Elternabend (in Baden-Württemberg: Klassenpflegschaft). Vernünftige Lehrer nutzen die Gelegenheit und beziehen Eltern in ihre Entscheidungen ein, beispielsweise über das Ziel der Klassenfahrt oder neue Lernformen wie Wochenplanarbeit. Außerdem wählen die Eltern zwei Vertreter als Ansprechpartner für den Elternbeirat der Schule. Damit sind die individuellen Möglichkeiten allerdings ausgeschöpft. Wer mehr mitreden möchte, muss für eines der folgenden Gremien kandidieren.

3. Der Elternbeirat

Der Elternbeirat einer Schule besteht aus Elternvertretern jeder Klasse. Er tagt regelmäßig, an vielen Schulen einmal pro Monat, und vertritt die Interessen aller Eltern auf Schulebene. Die Anzahl der Mitglieder richtet sich nach der Größe der Schule. Im Elternrat wird über aktuelle Schulfragen diskutiert, zum Beispiel die Neugestaltung des Pausenhofes oder Änderungen bei der Stunden-tafel. In den seltensten Fällen ist der Elternbeirat in Entscheidungen der Schule eingebunden, meist dürfen die Vertreter nur beraten.

Ein weiterer Knackpunkt: Elternbeiräte sind häufig nicht repräsentativ. Vor allem Akademiker finden den Weg dorthin, Migranten sind hingegen zu wenig vertreten. Ein Grundproblem der kollektiven Mitbestimmung, sagt Professor Sacher. "Elternvertreter haben wenig Kontakt zu den Eltern, die sie vertreten. Oft fühlen sie sich aus einem falschen Rollenverständnis heraus primär als Unterstützer der Schule, weniger aber als Vertreter der Elternschaft", kritisiert er.

4. Die Schulkonferenz

Die Schulkonferenz ist kein reines Elterngremium. Sie besteht aus Eltern-, Lehrer- und Schülervertretern und heißt in manchen Bundesländern auch Schulforum (Bayern), Schulvorstand (Niedersachsen) oder Schulausschuss (Rheinland-Pfalz). Ob die Eltern ihre Meinung durchsetzen können, ist wieder von Bundesland zu Bundesland verschieden: In Baden-Württemberg werden in der Regel mehr Plätze an Lehrer vergeben als an Eltern und Schüler gemeinsam. In einigen Ländern wie Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern haben dagegen Eltern, Schüler und Lehrer jeweils gleich viele Stimmen.

In der Schulkonferenz können die Eltern beispielsweise bei der Hausordnung und Pausenverpflegung mitbestimmen, teilweise auch über das Budget, die Einführung von Integrationsklassen oder die Umstellung auf eine Ganztagesschule. Im Streitfall, wenn zum Beispiel ein Lehrer ungerechte Strafen verhängt, können sich Eltern auch an die Schulkonferenz wenden und um Hilfe bitten.

5. Die Politik

Außerhalb der Schule können sich Elternvertreter in Stadt- oder Kreisbeiräten organisieren. Politisches Gewicht haben allerdings nur die meist schulformübergreifenden Landeseltern(bei)räte. Sie haben das Recht, angehört zu werden: Die Elternvertreter können Anregungen, Wünsche und Forderungen gegenüber den Kultusministerien äußern. Ob die Politik den Rat annimmt, bleibt ihr überlassen.

Manche Kultusminister nehmen die Anregungen nicht auf. Anfang des Jahres gab deshalb die Baden-Württembergische Landeselternrats-Vorsitzende Christiane Staab entnervt ihren Posten auf. Das Gremium habe trotz unzähliger Vorschläge keinerlei Gehör bei der Politik gefunden, so Staab. "Die Regierung nimmt die Realität an den Schulen nicht zur Kenntnis."

Ganz anders in Hamburg. In der Hansestadt wird der Elternkammer - das Pendant zum Landeselternbeirat - deutlich mehr Gewicht einräumt. Dort muss die zuständige Senatorin mit dem Elternkammer-Vorsitzenden über grundsätzliche Einwände der Elternkammer zur Schul- und Unterrichtsgestaltung sprechen. "Auf Initiative der Elternkammer sind die Informations- und Mitbestimmungsrechte von Eltern deutlich verbessert worden", sagt Bundeselternrats-Vorsitzender Vogeler. Das sollte eigentlich für alle Länder gelten, mahnt er: "Die Frage ist, inwieweit Politiker die Eltern über den Wahltag hinaus ernst nehmen."

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