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ELITE-UNIVERSITÄTEN: Die Herkunft entscheidet

Wer gut ist, der macht auch seinen Weg, heißt es. stern-Autor Walter Wüllenweber ist anderer Meinung: In Deutschland gibt es noch immer keine Chancengleichheit.

Du bist jung, schlau und tüchtig, aber dein Papa ist ein kleiner Angestellter und deine Mama sitzt nachmittags an der Supermarktkasse. Tja, Pech gehabt. Sieht ganz nach einer Minikarriere aus. Vielleicht stellvertretender Abteilungsleiter. Bestenfalls.

Du bist nur mittelmäßig begabt und durchschnittlich fleißig. Dafür haben deine Eltern richtig Kohle. Herzlichen Glückwunsch, Zukunft gebongt. Willkommen in der Chefetage. - Nein, es geht nicht um das ungerechte Amerika, sondern um die Wirklichkeit im kuscheligen Deutschland. Soziologische Studien der vergangenen Jahre kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis: In kaum einer anderen Industrienation ist die Herkunft so entscheidend für Bildung und Aufstiegschancen junger Menschen. Du wirst, was deine Eltern sind.

Das beginnt in der Schule. Die Pisa-Studie hat gezeigt: Nirgendwo ist der Bildungsstand der Eltern so wichtig für die schulischen Leistungen der Kinder wie in Deutschland. An der Universität setzt es sich fort. Der Anteil von Studenten, deren Eltern Akademiker sind, nimmt sogar stetig zu. Und nach dem Studium schafft es der Nachwuchs aus privilegierten Schichten etwa doppelt so häufig in Toppositionen wie der Nachwuchs aus einfachen Verhältnissen - bei gleicher Qualifikation. Je weiter nach oben man schaut, desto eindeutiger wird das Ergebnis. Am Ende stehen die Vorstandsvorsitzenden der 100 größten deutschen Unternehmen. Die stammen zu fast 90 Prozent aus der Oberschicht.

Dabei haben sich doch alle so viel Mühe gegeben. Chancengleichheit war das oberste, nein, das eigentliche Ziel der Bildungsreformen der siebziger Jahre. Es war das große Projekt der gesamten Gesellschaft. Doch dieselben Mechanismen, die zu mehr Gleichheit führen sollten, haben die Ungleichheit nur betoniert. Statt die Chancengleichheit zu vergrößern, sind wir auf dem Weg zu einer neuen Klassengesellschaft.

Und das alles wegen eines bösen Wortes: Elite. Weil im Faschismus Adel und Kirche, politische, militärische und ökonomische Eliten versagten, war den Deutschen Elite als solche suspekt. Für die 68er war das Establishment der Feind schlechthin. Das neue Ideal war die Gleichheit, das Ziel die »nivellierte«, eingeebnete Mittelstandsgesellschaft ohne Eliten. Wie naiv.

Die Frage ist: Wer gehört zur Elite?

Denn jede Gesellschaft wird maßgeblich bestimmt von ihrer Elite. Das hat schon der Marquis Vilfredo Pareto, ein Soziologe und Volkswirt im 19. Jahrhundert, gelehrt. Bis heute ist Pareto einer der wichtigsten Elitentheoretiker, und bis heute gelten seine Lehren: Stets verfügt nur ein kleiner Teil einer Gesellschaft über den größten Anteil an Ressourcen und fällt die weitreichendsten Entscheidungen. Für Pareto ist das nahezu ein Naturgesetz. Die Gesellschaftsform ändert an all dem nichts. Gerade die kommunistischen Einheitsgesellschaften, in denen Gleichheit ein zentrales Staatsziel war, wurden von einer besonders starren Nomenklatura kontrolliert. Die Frage ist also nicht, ob eine Gesellschaft eine Elite hat, sondern wer dazugehört. Und vor allem: Wie schafft man es, in den erlauchten Kreis aufgenommen zu werden?

In Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten ein Merkmal für die Auswahl immer dominierender geworden. Es ist das ungerechteste und schädlichste Kriterium, das sich denken lässt: die Geburt. In diesem neu entstandenen Kastenwesen entscheidet immer häufiger die Herkunft über das Fortkommen eines Menschen. Und das nicht, weil in Deutschland die Elitenförderung übertrieben wurde, sondern weil sie vernachlässigt wurde. Die Sprösslinge des Establishments machen ihre Karriere im Namen des Vaters, mit Hilfe von Papas Konto und Kontakten.

Kinder aus benachteiligten Elternhäusern haben nur eine Chance: ein systematisches, leistungsorientiertes Auswahlverfahren, in dem sie ihre Fähigkeiten beweisen können. Elitenförderung ist für die Unterschicht der einzige Fahrstuhl nach oben. Ohne sie bleiben an den Schaltstellen der Macht die Kinder aus der Oberschicht unter sich - wie in Deutschland. Um das zu überwinden, brauchen wir Elite-Hochschulen nach amerikanischem Vorbild.

Überall auf der Welt gilt: Die Kinder reicher Eltern haben beste Zukunftschancen. Das ist in Deutschland so und auch in den USA. Und wenn es im eigenen Land keine Eliteschulen gibt, schickt die herrschende Klasse ihren Nachwuchs eben zum Studieren in die USA. Ganz so, wie in jedem Entwicklungsland. Der Systemunterschied liegt am unteren Ende der sozialen Skala: In Deutschland können talentierte Arbeiterkinder zwar studieren, aber nur in den hiesigen, international allenfalls zweitklassigen Einheits-Unis. Doch mit dieser Sparausbildung alleine, ohne zusätzliche, gezielte Elitenförderung haben auch die Besten kaum Chancen, sich für einen Platz in der herrschenden Klasse zu qualifizieren, der ihren Fähigkeiten eigentlich entspräche.

Anders in den USA. In Harvard, Princeton oder Stanford haben die Besten eines Jahrgangs realistische Chancen auf einen Studienplatz, egal, ob sich ihre Eltern die Gebühren leisten können. Und das betrifft nicht nur eine Alibi-Minderheit, sondern die Mehrheit der Studenten. 60 Prozent der Studenten amerikanischer Elite-Unis sind von den Gebühren ganz oder teilweise befreit und bekommen von ihrer Hochschule finanzielle Beihilfe. Am Ende der Ausbildung in den berühmten Kaderschmieden stehen die Arbeitgeber bei den Absolventen Schlange, um ihnen bestbezahlte Jobs anzubieten. Dann heißt es: Du bist jung, schlau und tüchtig, aber dein Papa ist ein kleiner Angestellter. Kein Problem. Willkommen im Club. Dir gehört die Welt.

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