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Ferienkurs für Hochbegabte: "Mein Kakao ist gerade explodiert"

44 Kinder aus Darmstadt und Umgebung verbringen ihre Herbstferien freiwillig in der Schule. In Ferienkursen beschäftigen sie sich mit so exotischen Kombinationen wie Chemie und Ungarisch oder Mathe und Kunst.

"Mein Kakao ist gerade explodiert." Der elfjährige Markus blickt triumphierend in die Runde und dann auf die braunen Flecken um ihn herum. Kakao-Explosionen stehen zwar nicht auf dem Programm der ersten Ferienakademie für hoch begabte Kinder in Darmstadt. Aber wenn es den Forscherdrang anregt, hat Chemieprofessor Volker Wiskamp von der Fachhochschule Darmstadt nichts dagegen. Eine Woche lang experimentiert er mit zwölf Kindern, die gleichzeitig noch Ungarisch lernen.

Nebenan brüten Jugendliche über Grundformen des Journalismus, eine dritte Gruppe sucht nach Verbindungen zwischen höherer Mathematik und Kunst, eine vierte übt das Theaterstück "Mio, mein Mio" ein - mit Live-Musikbegleitung. Insgesamt haben sich 44 Kinder für die Kurse in der Eleonorenschule eingeschrieben. Sie kommen aus der Region zwischen Taunus und Odenwald. Die exotisch klingenden Lern-Mischungen sind Absicht. "Oft werden die Kinder einseitig gefördert und andere Begabungen bleiben auf der Strecke", erklärt Manuela Sehn vom Verein Kinder- und Jugendakademie Südhessen das Konzept. "Wir wollen sie kreativ interdisziplinär ansprechen."

Ungarische Küche chemisch aufbereitet

In der Chemie-Ungarisch Klasse bildet das Essen die Verbindung zwischen beiden Lernfeldern. Die Kinder zwischen sieben und elf Jahren stellen Margarine, Yoghurt, Brause und Kakao her und lernen gleichzeitig etwas über die ungarische Küche und wie die Zutaten in der fremd klingenden Sprache heißen. Die Wahl fiel auf Ungarisch, weil die Hochbegabten etwas lernen sollten, was nicht sowieso später auf dem Stundenplan der Schule steht.

"Algohol" löst sich in Wasser

Das Hantieren mit dem Bunsenbrenner gefällt den Nachwuchswissenschaftlern besonders. "Das ist total spannend", sagt der neunjährige Manuel, der gerade ein Eigelb im Glas über blauer Flamme kocht: "Mein eigenes Experiment." Die Versuche sollen aber nicht nur Spielerei sein. Wiskamp erklärt die Phänomene. So hat der Unterdruck in der geschüttelten Flasche den warmen Kakao in der Umgebung verteilt. Außerdem legt der Professor Wert darauf, dass die Forscher ihre Ergebnisse protokollieren. Sie notieren eifrig, wenn auch falsch geschrieben, dass sich "Algohol" in Wasser löst und Jod "Schterke" schwarz färbt. Nach einem Tag gehen ihnen Worte wie Natriumhydrogencarbonat (Backpulver) fließend über die Lippen.

Da fällt auch mal das Wort "Streber"

Ungarisch fällt den Kleinen dagegen schwer, vor allem das Lernen von Vokabeln schmeckt ihnen nicht. Der Neugierde des neunjährigen Eike tut das jedoch keinen Abbruch: "Ich find' das total interessant, da werden die Buchstaben völlig anders ausgesprochen." Die Lehrerin Adrien Schüßler hat den Lernstoff inzwischen reduziert. "Wir haben zu viel vorgehabt, aber so ist das bei der Premiere: Die Kinder lernen von uns und wir lernen von den Kindern."

Im Klassenraum nebenan üben Aman, Leona und Tim Interviews vor der Kamera. Die Jugendlichen zwischen 13 und 15 Jahren wollen bis zum Samstag zusammen mit der Journalistin Andrea Reyher eine Dokumentation über die Ferienakademie drehen. Dafür opfern sie gerne eine Woche ihrer Herbstferien. "Natürlich werden wir von unseren Klassenkameraden ein bisschen komisch angeschaut", sagt Aman. Da fällt schon mal das Wort "Streber". "Aber ich glaube, dass viele, wenn sie selbst hier wären, begeistert mitmachen würden."

"Experimentierunterricht sollte man allen Kindern anbieten

Davon ist auch der zehnjährige Alexander im Chemiekurs überzeugt. "Ich werde es nur einigen Klassenkameraden erzählen. Die finden das sicher aufregend." Wiskamp schätzt das ebenfalls so ein: "Experimentierunterricht sollte man allen Kindern anbieten." Gemeinsam mit der Firma Merck hat er bereits in Kindergärten und Grundschulen ähnliche Projekte gestartet. Dabei waren die Kinder mit der selben Begeisterung dabei wie die Gruppe Hochbegabter. "Den Unterschied merkt man kaum, außer wenn manchmal tiefschürfende Fragen kommen", sagt der Professor.

Die Ferienakademie in Darmstadt ist nach Auskunft der Organisatorin Manuela Sehn auf Anregung des Kultusministeriums ins Leben gerufen worden. "Wir hatten zwar die Pläne in der Schublade, aber die konnten wir erst mit Hilfe der Finanzspritze vom Land umsetzen." Das Ministerium übernimmt etwa ein Drittel der Kosten von rund 20.000 Euro. Den Rest tragen Eltern und Sponsoren. Die Finanzierung für das kommende Jahr kann Sehn bei der aktuellen Spardiskussion noch nicht abschätzen: "Aber wir wollen auf jeden Fall weitermachen."

Ingo Senft-Werner / DPA
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