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Kindergarten-Misere: Gebt den Kindern Futter!

Sie sind wissbegierig und helle, wollen gefordert und gefördert werden. Doch in deutschen Kindergärten sollen die Kleinen vor allem basteln und spielen. Ein Jammer – denn was früh versäumt wird, lässt sich später kaum aufholen.

Gummibärchen können nicht schwimmen. Der rote und der gelbe Bär ertrinken in der mit Wasser gefüllten Salatschüssel. "Schwimmt das?", fragt Silvia Feller und hält ein Holzstückchen hoch. "Jaaah", jubeln die Kinder. "Und dieser Nagel?" "Neee", lärmen die Kinder und wollen sich kugeln vor Lachen - wie kann die Silvia nur so dumm sein? "Und dieser Eiswürfel?" Wieder "Neee". Jetzt lacht die Erzieherin, denn der Würfel geht nicht unter, obwohl er eindeutig schwerer ist als der Nagel.

An diesem Vormittag lernen die Knirpse, dass Eis eine geringere Dichte als Wasser hat. Regelmäßig machen die Jungen und Mädchen in der Kindertagesstätte in Essen-Katernberg einfache physikalische und chemische Versuche, forschen und experimentieren.

300 Kilometer weiter südlich, im deutsch-französischen Kindergarten "Le Petit Prince" in Baden-Baden, spielen Max, 6, Friedrich und Lennart, beide 5, mit der elsässischen Erzieherin Annie das Kartenspiel "Les familles des quatre saisons". Max schummelt. "Il regarde mes cartes!", beschwert sich Lennart. Max blafft französisch zurück: "Tu mens!" Du lügst! In jeder Gruppe gibt es eine deutsche und eine französische Erzieherin. Jede spricht konsequent in ihrer Muttersprache mit den Kleinen. Nach zwei Jahren sind richtige Gespräche möglich, ohne dass sie dafür büffeln mussten.

Das System ist faul

Kindergarten kann also mehr sein als Schmetterling-Schablonen ausschnippeln, sandbuddeln und singen. Nur: Solch eine Einrichtung in ihrer Nähe zu finden ist für Eltern so wahrscheinlich wie der Autogewinn in Kai Pflaumes TV-Kuppelsendung "Nur die Liebe zählt". Kinder haben zwar ab drei einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Ihr Recht auf frühkindliche Bildung, obwohl schon seit zwölf Jahren im Kinder- und Jugendhilfegesetz verankert, wird damit jedoch nicht erfüllt. So sie überhaupt stattfindet, haben einzelne Institutionen oder Eltern die Initiative ergriffen. Denn die Vorschulerziehung ist das Stiefkind der deutschen Bildungspolitik.

Dabei war nach Lektüre der Pisa-Studie selbst dem Kanzler alles klar: Das System ist faul. "Wir brauchen ein anderes Vorschulkonzept", erkannte Gerhard Schröder. Kindergärten dürften sich nicht länger auf Betreuung und Aufbewahrung der Kleinen beschränken. Der Kanzler betonte drei Monate vor der Bundestagswahl: "Es gibt ein Recht auf Bildung für Drei- bis Vierjährige." Und versprach: Seine Regierung werde für die vorschulische Bildung richtig Geld in die Hand nehmen.

Alles Schall und Rauch. Alles Dampfplauderei. Nach der Wahl ist von mehr Geld aus Berlin für die 2,5 Millionen Kita-Kinder und fürs "spielende Lernen" nicht länger die Rede. Für Krippenplätze und Ganztagsschulen wurde Ländern und Gemeinden eine Milliarden-Finanzspritze versprochen, doch keinen müden Euro mehr gibt es für eine bessere Qualität der 47.000 deutschen Kindergärten. Die Kommunen wiederum stehen dank ihrer Benachteiligung bei der Verteilung des Steuerkuchens durch Bund und Länder finanziell längst mit dem Rücken an der Wand. Sie können kaum ihre Personalausgaben bezahlen. Und nach gewonnener Wahl mag sich auch die neue Familienministerin Renate Schmidt an Schröders Wahlköder nicht mehr erinnern. "Die Zuständigkeit der Kommunen ist hier vorhanden", wimmelt sie ab. Folge: Während fast alle anderen europäischen Länder in den vergangenen Jahren nationale Bildungspläne für ihre Drei- bis Sechsjährigen oder sogar schon für die noch Kleineren erarbeitet haben, dümpelt der deutsche Kindergarten weitgehend als lernfreie Zone vor sich hin. Somit bleibt er, was er immer war: eine Verwahranstalt, in der Bildungschancen verschenkt werden, die sich auf dem weiteren Lebensweg so nie wieder bieten.

"Wir wollen keine Kleinsteins"

"Pfusch am Kind" nennt das der Freiburger Erziehungswissenschaftler Norbert Huppertz. "Ein Kind mit drei oder vier ist neugierig und motiviert. Es lernt aus eigenem Antrieb, das gilt es zu nutzen." Doch wenn das Potenzial nicht genutzt werde, "dann wird das, was genetisch als Möglichkeit angelegt ist, abgeschaltet und kann nur mit Mühe oder gar nicht mehr erworben werden", sagt der Münchner Neurobiologe Ernst Pöppel. Und der Kleinkindpädagoge Wolfgang Tietze von der FU Berlin klagt: "Eine miserablere Qualität als die von deutschen Kindergärten ist kaum möglich." Ein Bildungsangebot im naturwissenschaftlichen und technischen Bereich gebe es kaum, die Spracherziehung sei schlecht, mathematisches Verständnis werde völlig vernachlässigt.

Daran sind aber auch Eltern schuld. Bis heute gibt es Mütter, die ihre Töchter und Söhne bis zur Grundschule nur behütet und bespielt sehen wollen, schriftenfrei, wissensfrei, anspruchslos. Für die alles, was über Bilderbuch anschauen, Blumenbeet anlegen und Weihnachtssterne basteln hinausgeht, Leistungsterror ist. Diese Frauen ziehen mit dem Schlachtruf "Wir wollen keine Kleinsteins" in den Kampf gegen ihren Kindergarten, nur weil dort eine Schreibecke eingerichtet oder ein Computer angeschafft werden soll. Ja nicht die Steppkes aus dem "Paradies Kindheit" vertreiben! Der Bildungsexperte Professor Gerd Schäfer von der Uni Köln hält nichts vom Schonprogramm dieser Mamis: "Wir müssen uns vor allem von dem alten Bewahrungsgedanken verabschieden und die Kindergärten endlich als wichtige Bildungsinstitutionen begreifen."

Es geht nicht darum, Schule vorzuverlagern in die Sesamstraßen- oder Teletubbie-Generation und den Kindern mit einer Art Nürnberger Trichter so früh wie möglich so viel wie möglich ins Gehirn zu stopfen. Der Kindergarten sollte laut Wassilios Fthenakis vielmehr eine kreative Werkstatt sein, "in der die Erzieherin das Kind als kleinen Entdecker, als schöpferische und lernende Persönlichkeit begleitet und fördert". "Kompetenzen stärken" lautet die Zauberformel des Direktors des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Fthenakis: "Die Kinder müssen lernen, wie man lernt, wie man Wissen erwirbt, wie man dieses organisiert und wie man es zur Lösung von Problemen einsetzt - und zwar auf eine sozial verantwortliche Weise. Zu den individuellen kindlichen Kompetenzen, die es zu stärken gilt, zähle ich zum Beispiel das Selbstwertgefühl und die Widerstandsfähigkeit."

Ein bisschen Liebe, ein bisschen Lego - aber null Logo

Besonders vernachlässigt wurden nach Meinung von Fthenakis bisher die Vermittlung naturwissenschaftlicher Zusammenhänge, die Sprachförderung der Kinder einschließlich des Erlernens einer Fremdsprache, die kulturelle Aufgeschlossenheit und auch das mathematische Verständnis. Ausgebaut werden müssten die Musik- und Bewegungserziehung. Der Münchner Frühpädagoge hat gerade einen entsprechenden Bildungsplan für die bayerischen Kindergärten und -krippen entworfen. Nordrhein-Westfalen, Bremen und Berlin wollen nachziehen. Das ist ein Anfang, doch ob die Umsetzung der Bildungspläne gelingt, ist ungewiss - schließlich hängt sie von der Finanzkraft der Kommunen ab. Und die messen die Qualität ihrer Kindertagesstätten allein an Gruppengrößen, Anzahl der Zwergenklos und Quadratmetern pro Kind.

Dass ihr Nachwuchs auf geistige Magerkost gesetzt ist, dämmert jedoch immer mehr Eltern. "Die Erzieherinnen gehen auf die wachsenden kognitiven Fähigkeiten der Kinder nicht ein", beschwert sich Rimbert Westerkamp, der gerade das vierte Kind durch die Kita schleust. "Die Kleinen können mehr, sie wollen auch mehr, man muss ihnen nur Angebote machen, die sie neugierig machen, die sie herausfordern, auch intellektuell", meint der Sporttherapeut aus Lüneburg.

Heike Schettler, Chemikerin aus Starnberg, fand das Angebot im Kindergarten so unbefriedigend, dass sie ihren Sohn in eine private Vorschule schickte. "Wenn ich Christoph fragte, 'Was habt ihr heute gemacht?', antwortete er fast immer: 'Wir haben gespielt'", erzählt sie. "Das ist einfach zu wenig. Christoph ist technisch extrem interessiert, aber darauf wurde überhaupt nicht eingegangen. Ich habe mehrfach mit den Erzieherinnen gesprochen - bis auf eine blockten alle ab. Sie sagten, ihre Hauptaufgabe sei es, soziale Kompetenzen zu fördern. Das hat doch mit Bildung nichts zu tun. Das ist nur Aufbewahrung." Ein bisschen Liebe, ein bisschen Lego - aber null Logo.

Kaum sinnvolle Gespräche zwischen Kindern und Erziehern

Nicht alle Erzieherinnen wollen nur fürs Soziale zuständig sein und Kaba kochen. Doch diejenigen, die gern den Bildungsauftrag der Tagesstätten erfüllen würden, scheitern meist an miserablen Rahmenbedingungen: Oft kommen auf eine Erzieherin 24 Kinder im Alter von drei bis sechs, aus vielen Nationen und mit vielen Religionen. Der noch daumenlutschende Pampers-Träger ist ebenso dabei wie der forsche Fünfjährige und das zappelige ADS-Kind. Dabei empfiehlt das Kinderbetreuungsnetzwerk der EU für die 48 bis 60 Monate alten Jungen und Mädchen eine/n Erzieher/in auf sechs bis acht Kinder. Engagierte Pädagoginnen können nur davon träumen, für jedes Kind einen individuellen Entwicklungsplan zu schreiben, ihn umzusetzen und über die gesamte Kita-Zeit fortzuführen, wie es etwa in Großbritannien die "Early Excellence Centres" und in Berlin ein Modellprojekt des Pestalozzi-Fröbel-Hauses vormachen. Aber bei der dünnen Personaldecke ist das einfach nicht drin. Und: Die meisten Erzieherinnen haben keine entsprechende Ausbildung. Ganz zu schweigen von den noch schlechter geschulten Kindergartenhelferinnen und Sozialassistentinnen.

Während die anderen europäischen Länder mit Ausnahme von Österreich ihre Erzieher längst an Fachhochschulen und Universitäten für den Kindergartenalltag fit machen, müssen sie in Deutschland immer noch eine sozialpädagogische Ausbildung an einer Fachschule absolvieren, deren Breite von der Arbeit mit Drogenabhängigen und schwierigen Jugendlichen bis zur Beschäftigung mit kleinen Kindern reicht. Ergebnis: Kaum etwas können die Absolventen richtig. Häufig nicht einmal Kinderfragen beantworten wie: Warum gibt es Wolken und Blitz? Warum fällt der Mond nicht vom Himmel? Wohin läuft der Schatten? Warum wackelt der Wackelpudding? Eine Studie des Erziehungswissenschaftlers Tietze über die Kindergartenqualität ergab: Nur in drei von zehn Einrichtungen gibt es sinnvolle Gespräche zwischen Kindern und Erziehern.

Belgische oder niederländische Kindergärtnerinnen können dank weitaus qualifizierterer Ausbildung jederzeit auch in den Grundschulen unterrichten. Italien schreibt Kindergärtnerinnen den Besuch der Universität vor, wo sie das Basisstudium zusammen mit Grundschullehrern absolvieren müssen. "Wir gehen davon aus: Je jünger die Kinder sind, desto besser müssen die Fachkräfte sein", sagt der Erziehungswissenschaftler Gerwald Wallnöfer von der Freien Universität Bozen, dessen Fakultät inzwischen zum Mekka für die Ausbildung von Erziehern geworden ist. Wenn sich die Studenten vier Jahre lang in Vorlesungen, Seminaren, Workshops, Laboratorien und mehrsprachigen Kindergärten mit Kunst, Musik, Sprachen, Naturwissenschaften und Geografie beschäftigt haben, sind sie Experten des frühen Lernens: Sie wissen, wie das Gehirn von Vorschulkindern Neues verarbeitet, wie man Kinder fordert und fördert und auch, wie man Entwicklungsverzögerungen diagnostiziert. Und sie sind kompetente Gesprächspartner für die Eltern.

Gespart wird an der falschen Stellen

An ein vergleichbares Niveau ist in der Bundesrepublik nicht zu denken. Die Länder wollen keine wirkliche Reform, weil besser ausgebildete Erzieher auch besser bezahlt werden müssten. Im Moment verdienen sie etwa ein Drittel weniger als Grundschullehrer. Von der dringend erforderlichen Verlagerung der Ausbildung an Hochschulen oder Fachhochschulen ist daher keine Rede. Nur von einer "Neuordnung der Fachschulen". Der Antrag der Berliner Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, einen Modellstudiengang auf Fachhochschulniveau mit dem "Bachelor of Education" als Abschluss einzurichten, wird seit drei Jahren von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung abgeschmettert.

Die öffentliche Hand gab 2000 für jeden Schüler 3.690 Euro aus, für den Hochschüler sogar 9.580 Euro, für ein Kindergartenkind dagegen nur 3.049 Euro. Gespart wird hier an der falschen Stelle. Der US-Ökonom und Nobelpreisträger James Heckman: "Die Defizite der frühen Jahre später auszugleichen kommt wesentlich teurer."

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat eine wissenschaftliche Untersuchung vorgelegt, die beweist, dass eine bedarfsgerechte Kinderbetreuung den Sozialsystemen auf lange Sicht mehr einbringt, als ihr Ausbau kostet. Hierzulande aber werden lieber Milliarden ausgegeben, um Schulabgänger, die weder richtig lesen noch schreiben können, nachzuqualifizieren. Kein Politiker denkt daran, Geld aus dem Gymnasial- oder Hochschulbereich abzuziehen, um es in die Einrichtungen für die Drei- bis Sechsjährigen zu investieren. Eine fatale Konsequenz: Kinder aus bildungsferneren Familien befinden sich beim Wechsel in die Grundschule in der schlechteren Startposition. Dabei könnte in den Kindergärten die Grundlage für ihren späteren Schulerfolg gelegt werden.

"Der Schatz der frühen Jahre verkommt", klagte Donata Elschenbroich, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Jugendinstitut vor einiger Zeit. Daran werden auch Veranstaltungen wie der für den Herbst geplante "Gipfel für Bildung und Betreuung" von Bund, Ländern, Kommunen und Trägerverbänden nichts ändern. Sondern Kanzler Schröder müsste endlich sein Versprechen vom Juni vergangenen Jahres einlösen und trotz leerer Kassen erklären: "Wir haben verstanden!" Und sich selbst sagen, was er gern anderen sagt: "Basta, so wird's gemacht."

Annette Lache Mitarbeit: Marion Schmidt / print

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