Glosse Einkaufen ist des Mannes Folter


Kurz nach dem Konsumgipfel Weihnachtsgeschäft ballert einen der Handel wieder mit "Schnäppchenangeboten" zu. Auch bei Klamotten. Wie Männer darunter leiden können, wenn sie auf Einkaufstour gehen müssen, sieht man an diesem Beispiel.
Von Harald Kaiser

Dunkelbraun ist sie, sieht nach Plastik aus, ist aber Leder, und hat etwa 600 Euro gekostet. Seit einiger Zeit hängt sie in unserem Kleiderzimmer. Außer bei der Anprobe im Laden hab‘ ich die Jacke noch nie angehabt. Ich kriege die Krätze, wenn ich daran denke, sie anziehen zu müssen.

Dennoch habe ich sie gekauft. Noch heute höre ich das Gezwitscher der Verkäuferin, die sagte: "Die steht Ihnen aber besonders gut." Nicht, dass ich mich geschmeichelt gefühlt und sie deswegen gekauft hätte. Ich hatte einfach die Nase voll vom Rumlaufen – rein in den Laden, anprobieren, war nix, wieder raus. Mich nervt das fürchterlich. Und das Einkaufen sowieso.

Also habe ich gleich im ersten Herrenausstatter zugeschlagen. Meine Frau, die neben mit stand, hat nichts gesagt, dafür auf der Heimfahrt breit gegrinst. Mehr musste sie nicht machen, damit ich mich noch mehr ärgerte als ohnehin schon. In die Altkleidersammlung damit? Die Jacke ist nagelneu! Mein Sohn ist jetzt in dem Alter, in dem sie passen könnte.... Ein oder zwei Hosen hätte ich auch noch. Umtauschen? Das ist mir zu peinlich.

Ich weiß, Frauen sind da resoluter. Die gehen in den Laden und sagen, dass sie sich in dem Rock oder der Hose nun doch nicht gefallen o-der etwas ähnliches – und schon gibt‘s das Geld zurück oder eine Gutschrift.

Umtasuchen ist peinlich

Klamotten zu kaufen ist für mich Folter. Dieses Geschubse, Gedränge und das Warten vor der Umkleidekabine. Dafür bin ich nicht geschaffen. Weil es aber doch irgendwann sein muss, erledige ich das im Sauseschritt. Und mit meiner Frau, denn die hat einen guten Blick dafür, ob zum Beispiel ein Sakko zu mir passt. Einerseits. Andererseits ist sie auch ein Biest und lacht sich schief, wenn ich ihrer Meinung nach unmöglich in den Klamotten aussehe, die ich gerade anprobiere. Wie einmal in Köln, als ich mir zwei Hosen gekauft habe. Mit fachmännischem Blick auf meine Taille taxierte der Verkäufer die Größe und zog zwei farblich unterschiedliche Hosen aus dem Regal. In der Umkleidekabine stellte sich heraus, dass beide etwas zu eng waren und ich meine kleine Speckrolle einziehen musste, um jeweils den Bund schließen zu können.

Meine Frau hat das sofort bemerkt und gefeixt. Den Blick hätten Sie sehen sollen. Und als der blöde Verkäufer auch noch etwas von "Idealfigur" faselte, prustete sie los. Wieder so ein Fall. Ich hab‘ sie gekauft – und nie angezogen.

Umtauschen? Wie gesagt: peinlich.

Selten finde ich auf Anhieb etwas, das sofort passt. Meist saust die Schneiderin um mich herum, weil die Hosenbeine oder Ärmel gekürzt werden müssen. Das stinkt mir. Denn eigentlich will ich die Klamotten gleich anziehen und nicht noch eine oder zwei Wochen darauf warten.

Kürzlich packte ich zu Hause fünf oder sechs neue Hemden aus und stellte etwas Eigenartiges fest: Bei keinem war die Brusttasche angenäht, stattdessen lag das entsprechende Stoffteil lose dabei. Hab‘ ich mir fehlerhaften Chinamurks andrehen lassen? Dafür waren sie eigentlich zu teuer. Also ging die Nerverei los, die ich so hasse: Wieder hin zu dem Laden, beschweren, Geld zurück verlangen. Doch es kam anders. Die freundliche Verkäuferin sagte, dass dies das Besondere an der Marke sei, die überlässt es dem Kunden, ob er eine Brusttasche will oder nicht. Und: Natürlich würde man die Taschen annähen, wenn ich das wünschte, selbstverständlich kostenlos. Ich wollte.

Nur bei Schuhen läuft es stressfrei – weil ich fast immer den gleichen Typ kaufe: Slipper. Es ist einige Zeit her, dass ich ein ganz besonders elegantes Paar kaufen wollte. Meine Frau war wie üblich dabei. Als die Verkäuferin mir die gewünschten Schuhe gab, genügte ein Blick, um zu wissen, dass ich die haben wollte. Es hätte lediglich daran scheitern können, dass es sie nicht in meiner Größe gab. Es lief alles glatt. Bis ich sie zu Hause auspackte und bei Tageslicht betrachtete. Sie waren grässlich auberginefarben! Nicht braun, wie sie im Schuhgeschäft wirkten. Klar, dass ich die Treter nie angezogen habe.

Umtauschen? Kann ich nicht.

Die Nummer mit der Farbe ich zweimal erlebt. Im anderen Fall ging es um eine Winterjacke. Es sollte ein halblanges Stück sein. In schwarz oder dunkelgrün, bloß nicht braun. Ausnahmsweise ging es mal schnell. Nach kurzem Suchen hatte ich ein zeitlosschickes Exemplar in der Hand und probierte es an. Passte wunderbar. Auch die Farbe: dunkelgrün. Super, dachte ich, nur in einem Laden drin gewesen und Erfolg gehabt.

Frohen Farbenspiel

Als ich die Jacke zu Hause aus der Tüte geholt habe war sie braun. Ich raus auf die Terrasse ans Tageslicht. Tatsächlich, braun! Dann wieder, bei künstlichem Licht, grün. Ich hatte keinen zuviel getrunken. Es ist wirklich so: Bei Neonlicht ist sie grün, draußen bei Tag braun. Umtauschen? Sie wissen schon.

Gelegentlich, wenn es richtig kalt ist, ziehe ich sie sogar an. Dann allerdings musste ich mir an-fangs den Spott meiner Frau anhören, die gerne danach fragte, ob ich nicht dazu die auberginefarbenen Schuhe anziehen will.

Wenig später brauchte sie auch eine neue Winterjacke. Sie hat zwar noch fünf (wie Handtaschen) im Schrank, doch der Hinweis darauf zählt natürlich nicht. Ich stellte mich darauf ein, in acht bis zehn Läden auf harten Sesseln rumsitzen und in langweiligen Modemagazinen blättern zu müssen, bis sie etwas Passendes findet. Doch schon im zweiten Laden wurde sie fündig. Eine Wendejacke, innen schwarz, außen grünlich oder umgekehrt, schön kuschelig, mit gepolstertem Kragen. Als wir kurz darauf spazierengingen und beide unsere neuen Jacken ausführten, sah ich das grün schimmernde gute Stück an, legte den Arm um meine Frau und sagte: "Irgendwie schaust Du darin aus wie eine Klofliege."

Von Harald Kaiser

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