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Grundschule: Lernen von den Kleinen

Überraschung! So schlecht lernen unsere Kinder gar nicht. Jedenfalls in den Grundschulen nicht - das zeigt die internationale Iglu-Studie. Kreativer Unterricht und experimentierfreudige Lehrer bekommen schwachen wie starken Schülern offenbar bestens.

Die Deutschstunde von Frau Kreb beginnt, wenn der Hausmeister das Haus längst verlassen hat und es still wird in der Grundschule im schwäbischen Winterbach. 26 Kinder stürmen in ihr Klassenzimmer, rücken Tische und Stühle wie Wagenburgen zusammen, rollen Isomatten aus und kuscheln sich zusammen - Chipstüte, Zahnbürste und Lieblingsbuch in Reichweite. Eine Nacht lang dürfen die Zehnjährigen vorlesen und lesen, "so viel sie wollen". Wenn Frau Kreb um elf das Licht ausknipst, schlafen die meisten, doch ein paar schmökern noch - im Schein der Taschenlampe, die sie mit Gummibändern am Kopf befestigt haben. "Einer kam sogar mit Helm und Grubenlampe." Spätestens um ein Uhr nachts hört Frau Kreb "allgemeines friedliches Schnorcheln, alle 26 Kinder schlafen".

Das Abenteuer Lesenacht gehört zum Unterrichtsprogramm von Ingurd Kreb, ebenso wie ein Lesetagebuch oder das gemeinsam geschriebene und gebundene Buch. "Man muss den Kindern immer wieder Leseanreize bieten", sagt sie. Dafür bettet sie sich auch noch mit 60 für eine Nacht auf hartes Linoleum.

Ungeahntes Potential in der "Kuschelschule"

Sage keiner, dass es sich Grundschullehrer bequem machen. Fast ein Drittel aller Schüler, mehr als drei Millionen Kinder, besucht eine Primarschule - die größte Schulart in Deutschland und "die modernste", wie Jürgen Baumert vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung lobt. Das bestätigte vergangene Woche auch die internationale Grundschulleseuntersuchung Iglu. Unter 35 Nationen brachten es die deutschen Viertklässler beim Lesen überraschend auf Platz elf, schnitten also wesentlich besser ab als die 15-Jährigen bei der Pisa-Studie. Spätestens jetzt dämmert deutschen Bildungspolitikern, dass ausgerechnet in der über Jahrzehnte hinweg belächelten "Kuschelschule" ungeahntes Potenzial steckt: das Wissen, wie man mit völlig unterschiedlichen Kindern erfolgreich arbeitet.

In der "Krokodilklasse" der Hamburger Clara-Grunwald-Schule im Stadtteil Neuallermöhe-West sitzt Sophie, 7, die flüssig lesen und fast schon fehlerlos schreiben kann, neben Dennis. Dennis ist neun und schreibt "Bulut" statt Blut, "Regn" und "Vogl". Seine Mutter hat Mühe, ihrem Kind eine Entschuldigung zu schreiben, der Vater sitzt in Abschiebehaft. Von Chancengleichheit kann schon am ersten Schultag keine Rede sein. Bis zu vier Jahre betragen die Entwicklungsunterschiede bei Erstklässlern. Ein Lehrplan für alle - kaum denkbar, wenn ein Kind schon aus der Zeitung vorliest, das andere aber noch Probleme hat, der Lehrerin zu sagen, dass es aufs Klo muss - und aus Scheu lieber in die Hose pinkelt. Daniela Reinke unterrichtet 27 Kinder, von denen 17 zu Hause kein Deutsch sprechen, sondern Polnisch, Russisch, Arabisch oder Paschtu. Auch die meisten ihrer deutschen Schüler kommen aus sozial schwachen Familien. 80 Prozent der Eltern leben in Sozialwohnungen. Das Kollegium der Clara-Grunwald-Schule besteht aus drei Lehrern und 43 Lehrerinnen. Heimliche Ersatzmütter sind sie alle. Es kommt vor, dass Schulleiterin Angelika Fiedler höchstpersönlich ein Kind zu Hause abholt, weil die Mutter ihren Rausch ausschläft.

Noten vergleichen Kinder

Anmaßend wirkte das Konzept, mit dem die Schulleiterin vor sieben Jahren antrat: Sie zerschlug das System der Jahrgangsklassen und führte stattdessen Lerngruppen ein, in denen Vorschüler mit Erst- und Zweitklässlern zusammen lernen. Auch lernbehinderte Kinder sollten aufgenommen werden. Viele Eltern waren skeptisch. "Da geht es bestimmt drunter und drüber", sorgten sie sich. "Entweder die Lehrerinnen greifen zu weit vor oder sie unterfordern die Kinder." Die Schulleiterin vertraute darauf, dass die Starken den Schwachen helfen würden. Womit sie allerdings nicht gerechnet hatte: wie sehr auch die Starken von diesem Unterricht profitieren würden.

Acht Uhr morgens. Die Kinder der "Krokodilklasse" haben 20 Minuten Zeit, um auch innerlich "anzukommen". Sophie schaut nach den Rennmäusen, die sich in ihrem Stall durch Sägespäne wühlen, Dennis kurvt mit seinen Freunden um die Schultische herum, Gigi kuschelt sich an ihre Lehrerin. Daniela Reinke unterrichtet im Team mit ihrer Kollegin Birgit Kirsch. Das gibt den beiden Lehrerinnen die Möglichkeit, in Ruhe Stärken und Schwächen zu beobachten und einen individuellen Lehrplan zu entwickeln - maßgeschneidert für Dennis, Sophie, Isabelle und Gigi. Gigi stammt aus Libyen, ist knapp acht und will kneten. "Nö, du bist in der Zweiten, Kneten ist nichts für dich", sagt Daniela Reinke und lässt sie "Tun-Wörter" schreiben. Jeden Donnerstag kommt Gigi zum Einzelunterricht, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Noten gibt es nicht in der Clara-Grunwald-Schule, dafür ausführliche schriftliche Zeugnisse. "Noten vergleichen Kinder, wir sollten aber besser die Schulen vergleichen", sagt die Schulleiterin. Da muss sich die Schule nicht verstecken. Das aufwendige Einzeltraining für jeden Schüler lohnt sich: Bei der "Hamburger Schreibprobe", einem bundesweiten Schreibtest, liegt die Schule stets über dem Bundesdurchschnitt.

Kinder lernen über Beziehung und Bindung zu anderen Menschen

Wie wichtig es ist, auf jedes einzelne Kind einzugehen, bestätigen auch Hirnforscher. "Ein guter Lehrer begreift jedes Kind als eigenen Schatz, mit dem er sehr sorgsam umgeht", sagt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther. Dann gelinge ihm auch, was als Königsweg fürs Lernen gilt: "Kinder lernen über Beziehung, durch Bindung an andere Menschen." Da sei es schon fast egal, was der Lehrer macht, Hauptsache, "er ist selbst mit Begeisterung dabei" und stimuliere die angeborene Lust der Kinder auf Weltentdeckung.

Die jüngste Entdeckerin in der Krokodilklasse ist Melanie, 5. Melanie war nie im Kindergarten. "Zu teuer", sagt ihre Mutter Silke Schröder. Sie lebt ein paar Häuser entfernt und zieht ihre vier Kinder ohne deren vier Väter groß. In der Zweieinhalbzimmerwohnung kräht Baby Robin, streitet die ältere Schwester Jenny mit der Mutter, weil sie jetzt sofort einen Goldfisch will, sabbelt der Kinderkanal.

Schulanfang angstfrei und flexibel gestalten

Silke Schröder hat gerade so den Hauptschulabschluss geschafft. Melanie kritzelte mit viereinhalb die ersten Buchstaben, jetzt schreibt sie ein E für Elefant und ein S für Schmetterling und ist "unheimlich wild darauf, zu rechnen", sagt Teamlehrerin Birgit Kirsch.

"Viele Eltern wollen, dass ihre Kinder länger spielen. Aber damit unterfordern wir Kinder", kritisiert Angelika Fiedler, die am liebsten alle Fünfjährigen in die Schule holen würde. In kaum einem anderen europäischen Land werden Kinder so spät eingeschult wie in Deutschland. In Baden-Württemberg versuchen 500 Schulen, den Eltern mit einem sanften Einstieg und altersgemischten Klassen die Angst vor der Schule zu nehmen. Die ist weit verbreitet. "Da stecken oft eigene Erfahrungen dahinter", sagt Schulleiterin Fiedler. "Druck und Demütigung, das war lange Zeit deutsche Schultradition, und beides bleibt als überwältigende Erinnerung haften."

Moderne Schulen wie die Clara-Grunwald-Schule in Hamburg machen nicht nur den Schulanfang angstfreier und flexibler, sondern die gesamte Grundschulzeit. Langsamere, verträumte Kinder bleiben bis zu drei Jahre in der Eingangsklasse, ohne die demütigende Erfahrung zu machen, zu den Jüngeren "abzusteigen". Besonders wache und intelligente Kinder können sie schneller durchlaufen und langweilen sich nicht. 42 "Springerchen" zählte die Schulleiterin in den vergangenen Jahren. Isabelle gehört dazu. Sie ist sieben und kommt nach den Sommerferien in die Lerngruppe der Dritt- und Viertklässler. Schon als Vorschülerin konnte das blonde Mädchen älteren Kindern helfen. Sie hat eine Klassenstufe übersprungen, "ohne dass sie das wirklich bemerkt hätte", wie ihr Vater sagt. Mit spätestens neun wird sie voraussichtlich aufs Gymnasium wechseln und mit 17 das Abitur machen. "Ich finde das positiv", sagt ihr Vater, ein Software-Entwickler. Isabelles Mutter ist Mediendokumentarin. Typische Mittelklasse-Eltern, die ihre Kinder nach Kräften fördern.

Im hessischen Gelnhausen schicken Eltern ihre fünfjährigen Sprösslinge in den privaten Mathekurs. "Spielend in die Welt der Zahlen" heißt der neue Kurs für Vorschulkinder am Zentrum für Mathematik und Literatur, der sofort ausgebucht war. "Wie viele Ohren haben drei Hunde?", fragt Pädagogin Elisabeth Starcke. "19", ruft Marvin. "Sechs", sagt Yoko gelassen. Hingebungsvoll untersuchen sie einen Würfel, der 20 Seiten hat. "Die Kinder brauchen einfach Futter", glaubt Initiatorin Bettina Mähler. Kindergärtnerinnen und Lehrer seien damit überfordert. Gudrun Accorsini chauffiert ihre Töchter Annkathrin, 9, Lisamarie, 7, und Lenasophie, 5, regelmäßig zum Kurs von Hanau nach Gelnhausen.

Eltern, die so viel Zeit aufbringen, um ihre Kinder zu fördern, sind die Ausnahme. Aber auch solche, die abends vorlesen, werden offenbar immer seltener: Die Zahl der Familien, die Wert auf "gute Bücher" legen, sank zwischen 1992 und 2000 von 46 auf 25 Prozent.

Zum großen Rest gehört Burak, 8. Im Wohnzimmer seiner Eltern im schwäbischen Murr stehen makellos abgestaubte Nippesfiguren und Porzellantässchen, aber kein Buch. Buraks Vater ist Schichtarbeiter bei Bosch, seine Mutter ist Analphabetin und geht putzen. Sie durfte in der Türkei keine Schule besuchen, "weil ihre Mutter krank war und sie sich um ihre Geschwister kümmern musste", übersetzt Burak.

Sieh dir an, wie blöd du bist

Burak war schon ein Jahr nach seiner Einschulung auf dem besten Weg, ein "faktischer Analphabet" zu bleiben, also ein Schüler, der Texte allenfalls mühsam lesen, aber nicht verstehen kann. Statt Wörter abzumalen, fläzte er sich lieber vor den Fernseher und guckte seine Lieblingssendungen "Pokémon" und "Yu-Gi-Oh". Ohne Lesen, Basis für alles Lernen in der Schule, drohten ihm Jahre sinnlosen Absitzens langer Schulstunden mit der Botschaft: Sieh dir an, wie blöd du bist.

Doch dann ging Burak drei Monate lang jeden Vormittag in die Leseklasse. "Das müssen Sie sich anhören", sagt Lehrer Peter Wacker und legt eine Cassette in den Recorder. "Das ist Burak in der ersten Woche." Eine Kinderstimme liest vor. Radebrechend, sehr langsam. Der Lehrer spult ein Stück vor. Wieder die Kinderstimme. Schnell, klar, flüssig. "Burak, zwölf Wochen später!"

"Geheimsprache" der Leseklasse

Peter Wacker kümmert sich seit zwei Jahren ausschließlich um Erst- und Zweitklässler mit Lese- und Rechtschreibschwäche. Dahinter verbergen sich nicht nur Legastheniker, die sich in einem Steinbruch aus Buchstaben abschuften und es nicht schaffen, aus den Fragmenten einen Sinn zu formen. Auf fünf Prozent wird der Anteil der "echten" LRS-Kinder geschätzt. Doch Leseschwierigkeiten haben viel mehr. Zappler, Hochbegabte, Kinder, die nicht richtig hören oder sich in dem Geräuschbrei einer Klasse nicht konzentrieren können. Burak zum Beispiel. Ihn führte Lehrer Wacker in die "Geheimsprache" der Leseklasse ein: Zwei Finger an die Nase gelegt bedeutet "N", drei Finger auf den Mund sind die drei Striche des "M". So verband sich der Buchstabe plötzlich mit Körpergefühl und einem Laut. Aus dem Laut wurden Silben und Wörter, zu denen Burak auf dem Trampolin hüpfte oder rhythmisch Tücher schwang, "denn die Bewegung erleichtert die Verknüpfung im Gehirn".

Der Intensivkurs mit nur zehn Kindern ist teuer, aber effektiv. Die meisten sind nach drei Monaten in der Lage, dem normalen Unterricht in ihrer Schule zu folgen. Voraussetzung ist allerdings, dass Eltern oder Geschwister diese Gebärdensprache lernen. Schon gibt es Wartelisten für die Leseklasse. "Die Eltern", so Wacker, "sind begeistert, wie sich ihre Kinder verändern."

Mütter, die sich als "Lesemütter" engagieren

Wie schnell Eltern von Mäklern zu Machern werden, wissen auch andere Grundschulen. An der Hoffmann-von-Fallersleben-Grundschule in Berlin engagiert sich Gudrun Giesler, Mutter von drei Kindern, zweimal die Woche als "Lesemutti". Vier bis acht Kinder üben eine Schulstunde lang mit ihr Lesen. An diesem Mittwoch sind es Sarah, 8, Maly, Ben und Mike, alle 9, die auf einer Couch in einem freien Zimmer sitzen und anfangs noch mit Wörtern und Buchstaben kämpfen. Doch Lesemutter Giesler, eine von acht an der Schule, lobt, wo sie kann, und beim zweiten Durchgang lesen die Schüler schon viel flüssiger.

Der Einsatz der Lesemütter ist typisch für die Philosophie der Schule: Rektor Frank-Volker Krumrick, 44, fordert von Lehrern und Eltern Initiative. Motto: Jede Idee, die den Unterricht besser macht, wird umgesetzt. Wenn Klassenräume renoviert werden müssen, greifen Mütter und Väter zu Pinsel und Farbe, neun Klassenzimmer haben sie bereits gestrichen. Krumrick ist Vorstandsmitglied im Förderverein, in dem sich inzwischen rund 50 Mütter und Väter über die Zukunft der Schule Gedanken machen. "Die freie Schulwahl wird kommen, wir müssen deswegen konkurrenzfähig sein." Um seine Schule "noch attraktiver" zu machen, plant der Rektor Mittagstisch und Ganztagsbetreuung. Zehn Mütter wollen mitmachen, um weitere werben Plakate in der Eingangshalle.

Ohne die Eltern geht es nicht. Und gegen die Eltern schon gar nicht. In Hamburg hält Angelika Fiedler mit neuen Eltern gern ein kleines Privatseminar ab. Das beginnt mit der Frage: "Was gefällt Ihnen an Ihrem Kind?" Einige Eltern, sagt Fiedler, "müssen lange nachdenken, und eine Mutter sagte mir: 'Gar nichts'."

Ingrid Eissele
Mitarbeit: Asmus Hess, Matthias Rittgerott

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