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Hochbegabung: Das Elend mit den schlauen Kids

Sie können alles ein bisschen früher, ein bisschen schneller und ein bisschen besser – hoch begabte Kinder. Denkt man. Ist aber nicht so!

"Im Vergleich zum Erdzeitalter ist die Lebenszeit zu kurz, um zu trödeln!", erklärt Katja - fünf Jahre alt und hoch begabt. Kinder wie Katja lesen, schreiben früher und drücken sich in komplexen Sätzen aus. Nicht immer ein Vorteil: Sie langweilen sich im Kindergarten wird, finden selten Freunde, und in der Schule tauchen meist große Probleme auf.

Eine Frage der Intelligenz

Die Grenzen zwischen Normalbegabung, überdurchschnittlicher Intelligenz und Hochbegabung werden in Intelligenzquotient- (IQ) Punkten gemessen. Normal begabte Kinder erreichen einen Wert zwischen 95 und 115 Punkten. Überdurchschnittliche Intelligenz fängt bei etwa 120 an und geht bis zu 130 Punkten. Danach spricht man von einer Hochbegabung. Hochbegabte Kinder begegnen oft mangelndem Verständnis. Eltern und Lehrer erwarten Höchstleistungen von ihnen, doch sie haben besondere Probleme, zum Beispiel Lern- und Leistungsstörungen. Andererseits kann es sich auch um Auffälligkeiten im motorischen, visuellen und auditiven Bereich handeln. Das größte Problem hoch begabter Kinder ist die Früherkennung: nicht immer werden sie als hoch begabt erkannt, weil Eltern, Lehrer oder Psychologen ihre Verhaltensweisen nicht verstehen können.

Gen "clever"?

"Es ist nicht so, dass die Hochbegabung irgendwann mit fünf Jahren plötzlich einsetzt, sie ist im Prinzip a priori da", so Karsten Otto, Leiter der Bundesgeschäftsstelle der Hochbegabtenförderung e.V. in Bochum. Hoch begabte oder überdurchschnittlich intelligente verhalten sich häufig anders, als normal begabte Kinder. "Das Kind lernt sehr früh laufen und sprechen, auch schon komplexere Sätze. Mit anderthalb, zwei Jahren werden die Eltern aufmerksam und merken: Mein Kind spricht, als wäre es schon vier. Die Kinder schlafen wenig, versuchen viele Sachen gleichzeitig zu machen, haben aber Schwierigkeiten sich auf eine entscheidende Sache zu konzentrieren. Sie gehen Freundschaften mit älteren Kindern ein, die dann allerdings normalbegabt sind", führt Otto aus. Oft vereinsamen Hochbegabte in Gruppen mit Gleichaltrigen, zum Beispiel im Kindergarten oder in der Schule. Problem: "Diese Punkte müssen nicht auf das einzelne Kind zutreffen." Stellen Eltern einige dieser Verhaltensweisen an ihrem Kind fest, rät Otto zu einem Intelligenztest.

Der IQ entscheidet

Der Intelligenztest sollte von einem Fachmann durchgeführt werden. Psychologen in der Nähe nennt die Hochbegabtenförderung. Otto empfiehlt einen "Intelligenzstrukturtest". Im Gegensatz zum Schulleistungstest kann dieser Test die verschiedenen Bereiche der Intelligenz transparent machen: Sprachverständnis, logisches Denken, Raumvorstellung, Wahrnehmungsgeschwindigkeit und Gedächtnisleistungen. Wichtiger Punkt: Eltern sollten sich das Ergebnis schriftlich geben lassen, um in Beratungen, Therapien oder Schulen darauf zurückgreifen zu können. Problem: Intelligenztests ermitteln den Intelligenzquotienten, über soziale Kompetenzen, emotionale Fähigkeiten und Lebensfähigkeit sagen sie nichts aus.

Grundsätzlich gilt: je früher, desto besser. Kinder ab etwa viereinhalb Jahren können getestet werden. Im Kindergarten können Eltern zusammen mit Erziehern und Psychologen beraten, ob das Kind früher eingeschult werden soll. Für Hochbegabte ist es entscheidend, den optimalen Einstieg in die Schule zu finden. Andernfalls langweilen sie sich schnell und Erfolge bleiben aus, sie versagen im schulischen Bereich.

Nur Probleme mit Hochbegabten?

Kinder, die hoch begabt sind, werden schneller unruhig oder aggressiv. Der Grund: Unterforderung. "Es gibt einen Zusammenhang zwischen ADS, Lese-Rechtschreibschwächen und Legasthenie und Hochbegabung", erklärt Karsten Otto. Otto: "Unter Kindern, bei denen ADS diagnostiziert und ein Intelligenztest gemacht wurde, befanden sich überproportional viele Hochbegabte. Im Umkehrschluss kann das heißen: Setze ich ein hyperaktives Kind erhöhten Anforderungen aus, sind plötzlich Hyperaktivität und Konzentrationsschwäche weg." Negativ-Erlebnisse von Hochbegabten beginnen im Kindergarten und setzen sich in der schulischen Laufbahn fort. Die Ursachen: "Schulische Lehrinhalte und Lehrkonzepte sind nicht auf hoch begabte Kinder und ihre Art zu denken, zugeschnitten. Besonders Gymnasien sind für normalbegabte, fleißige Kinder konzipiert. Da fallen hoch begabte Kinder raus. Weil sie komplexer und schneller denken und von der Struktur des Lernens her etwas ganz anderes erwarten, als ihnen dort geboten wird." Diese Kinder können ihre Fähigkeiten nicht voll ausschöpfen. "Das ist so, als sollten die ganzen normalen schulischen Lehrinhalte bei einem geistig behinderten Kind funktionieren und das tun sie nicht. Für Behinderte gibt es natürlich speziell ausgearbeitete Konzepte. Genau das müsste es für den Hochbegabten-Bereich geben."

Kindergarten de Luxe

In einem Jugenddorf in Hannover sollen Hochbegabte normal begabten Kindern lernen und Spaß haben. Christa Hartmann setzt dieses Konzept seit einigen Jahren in der Kindertagesstätte des "Christlichen Jugenddorfwerks Deutschland" (CJD) um. Die Kinder spielen zusammen, wachsen gemeinsam auf und werden gefördert. Hartmann will, "das ganz normale Leben abbilden und die Kinder entsprechend ihrer Neigungen oder Fähigkeiten so fördern, dass sie als selbstsichere, gefestigte Persönlichkeiten in die Welt hinausziehen." In fünf Gruppen können die Kinder verschiedene Angebote nutzen. Vormittags werden Kurse angeboten: Englisch, Bio/Chemie, Schach, Computer, musikalische Früherziehung, Theater und Religionspädagogik - Erlaubt ist, was interessiert. Nachmittags im Kindertreff "Fantasticus" dürfen die Kids sich richtig austoben. Hier können auch die Größeren kommen und in Kursen Theater spielen, Chinesisch lernen oder andere Angebote nutzen. Die Kinder werden nicht nach Begabung getrennt. Jeder darf alles machen, sich überall ausprobieren. Allerdings ergibt es sich doch, dass "zwei Kinder an einem Tisch sitzen, die Schach miteinander spielen und dann sieht man: Da haben sich zwei Gleichgesinnte gefunden", sagt die Diplom Psychologin. Weniger Kinder in den Gruppen, mehr Betreuungspersonal und eine gute räumliche Ausstattung sind das Fundament. Ohne entsprechende Ausstattung und das richtige Personal wäre ein das Angebot nicht machbar. Den Kindern haben Betreuer aus allen möglichen Bereichen: vom Sozialpädagogen über den Tanztherapeuten bis hin zum Erzieher.

"Eltern sind die Experten für ihr Kind"

Eltern sollen nicht nur Feste mit feiern, sie arbeiten als Experten für ihr Kind aktiv mit. Da macht der Kindergarten einen Ausflug ins Chemie-Labor, weil ein Vater den Kindern seine Arbeit zeigen und erklären will. Was kommt nach dem Kindergarten? Das CJD arbeitet mit einer Stadtteilschule zusammen, um in einem Schulversuch hoch begabte Kinder speziell fördern zu können. Lehrer und Lehrerinnen der Schule hospitieren bereits regelmäßig im Kindergarten, die Zusammenarbeit klappt.

Nie mehr Langeweile

Die Hochbegabtenförderung selbst fördert im außerschulischen Bereich. "Wir bieten den Kindern unterschiedliche, interessante Themen an. Hauptsächlich im Bereich Informatik, Naturwissenschaften und exotische Sprachen. Das heißt wir konzentrieren uns auf Bereiche, die nicht von der Schule mit Lehrinhalten besetzt sind, damit wir durch unsere Förderungen nicht wieder Langeweile in der Schule vorproduzieren." Teilnehmen können Kinder ab einem IQ von 120 Punkten, deutlich weniger als bei der klassischen Hochbegabung. Wieso? "Nicht jedes Kind kann 100 Prozent seines Potentials im Test umsetzten. Ein hoch begabtes Kind kann einen schlechten Tag oder auch eine geistige Blockade haben, so dass wir im Test weniger Punkte ermitteln", begründet Otto den Bonus.

Fragen zum Intelligenztest, zur besten Beschulung oder einfach nur ein offenes Ohr: die Hochbegabtenförderung bietet Eltern und Kindern ihre Hilfe an. In vielen größeren deutschen Städten hat der Verein Beratungsstellen. Dort, wo es keine eigene Niederlassung gibt, können Betroffene am Telefon Hilfe bekommen. Anschließend wird an eine regionale Kontaktgruppe weiter verwiesen.

Katarina Rathert

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