Interview Fehler sind fürs Lernen wichtig


Manfred Prenzel vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften über angstbesetzten Unterricht, veraltete Wissensvermittlung und die Zukunft der Zeugnisse.

Stern: In der ersten Pisa-Studie wurde kritisiert, dass unsere Kinder falsch lernen: pauken statt verstehen. Hat sich seitdem etwas geändert?

Manfred Prenzel: Ja, es gibt eine ganze Menge an positiven Entwicklungen, zum Beispiel arbeiten inzwischen über 700 Schulen mit dem Sinus-Programm. Dort werden Mathematik und Naturwissenschaften mit Aufgaben unterrichtet, die Verständnis und flexibles Denken verlangen. Statt Detailwissen und Auswendiglernen rückt die Alltagsanwendung in den Vordergrund.

Jedes Kind, das Vokabeln gelernt hat, wird sagen, ich hab die doch verstanden. Was ist neu am flexiblen Lernen?

Wenn ich Vokabeln pauke, indem ich im Buch nur eine Spalte zudecke und mich frage, was heißt das auf Deutsch und umgekehrt, dann lerne ich ohne Zusammenhang. Es wird mir schwer fallen, das Wort später in einem Gespräch abzurufen - es fehlt das Reizwort der anderen Spalte. Besser ist es, die Wörter in Sätzen und mit Bezug zu Situationen, also in Zusammenhängen, zu lernen. Damit übe ich zugleich andere Wörter und Grammatik.

Es kursieren viele Begriffe: selbst gesteuertes Lernen, produktives Lernen, Freiarbeit - was ist das Richtige?

Es gibt keinen Königsweg, um zu lernen, sondern viele Wege. Entscheidend ist, dass Schüler geistig aktiv werden, dass sie sich viele Gedanken machen, Verknüpfungen herstellen und diese ordnen und formulieren. Um etwas zu verstehen, braucht man Zeit, und die fehlt vielen Kindern, wenn der Lehrer versucht, die Gedanken seiner Klasse in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Müssen Zeugnisse anders aussehen?

Mündliche Zensuren und die Beurteilung der Mitarbeit führen dazu, dass im Unterricht ständig geprüft wird. Das bremst die Kinder. Aus Angst vor Fehlern trauen sie sich nichts mehr zu sagen. Wir müssen deshalb klar trennen zwischen dem Lernen und dem Prüfen. Wenn gelernt wird, sollte klar sein: Jetzt wird nicht bewertet, ich darf ohne Angst auch mal etwas Falsches sagen.

Fehler machen ist gut?

Wer etwas Neues lernt, macht Fehler. Leider haben wir in Deutschland eine Verteufelung des Fehlers. Dabei ist er der beste Indikator dafür, was man noch nicht kann. Lehrer, die Fehler ihrer Schüler "lesen", wissen, wo der Lernprozess des Kindes "hängt", und können gezielt helfen. Fehler sind ein wichtiger Bestandteil des Lernens.

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