HOME

BILDUNGSSYSTEM: Die richtige Schule für mein Kind

Gymnasium oder Realschule? Haupt- oder Waldorfschule? In den kommenden Wochen müssen die Eltern von 880.000 Grundschülern entscheiden, wo ihre Kinder weiter unterrichtet werden sollen. Keine leichte Aufgabe. Denn das deutsche Bildungssystem hat viele Mängel.

Die Sprüche der Jungs auf dem Schulhof sind schon schlimm genug. »Fette Sau« gehört noch zu den netteren Bezeichnungen, die sie ihr hinterherwerfen. Der Umgangston ist rau in der Mörikeschule in Tübingen, sagen auch die Lehrer. Doch noch mehr schmerzt die Hochnäsigkeit der Mädchen von der Nachbarschule. Die trifft sie manchmal auf dem Heimweg: »Dann tun die so, als ob sie mich nicht mehr kennen würden.« Dabei waren sie doch Freundinnen und gingen in dieselbe Klasse. Damals, in der Grundschule.

Jetzt besucht Yessica die Hauptschule, die ehemaligen Freundinnen gehen auf die Realschule oder aufs Gymnasium. Alle sind um die zwölf, aber schon Lichtjahre voneinander entfernt. Yessicas Schule ist eine »Brennpunktschule«, 70 Prozent der Kinder sind Ausländer oder Aussiedler. Dabei gilt die Mörikeschule als eine gute Hauptschule. Die Lehrer sind engagiert, erproben neue Unterrichtsformen, helfen bei den Hausaufgaben, spielen Theater mit ihren Schülern. Gemeinsam haben sie einen alten Eisenbahnwaggon als Jugendtreff auf dem Schulhof hergerichtet. Derzeit wird die Schule zur Ganztagsschule umgebaut. Aber wen interessiert das? Rektor Hartmut Wirsching erinnert sich an den Aufsatz eines Kindes aus der Grundschule zum Thema »Wovor ich mich am meisten fürchte«: »Ich habe Angst«, schrieb der Viertklässler, »dass ich auf die Hauptschule muss.«

Schon in den Köpfen neunjähriger Kinder herrscht Klassenbewusstsein. »Die Leitwährung unseres Bildungssystems ist das Abitur, mindestens aber die mittlere Reife«, sagt Schulleiter Wirsching. Das gilt vor allem in Großstädten: Wer dort auf die Hauptschule muss, fühlt sich wie Falschgeld - wertlos. »Selbst Kinder, die eine Realschulempfehlung bekommen, sind manchmal enttäuscht«, beobachtet Ulrich Scheufele, Rektor der Grund- und Hauptschule im schwäbischen Altingen. Das gilt erst recht für die Eltern: »Dass aus einem Kind auch ohne Abitur etwas werden kann, ist für viele kaum mehr vorstellbar«, sagt Karin Mengel, stellvertretende Schulleiterin einer Hamburger Grundschule. Noch nie war das Ziel »Abitur« so wichtig wie heute. 1970 hatten in Deutschland 11,3 Prozent der Schüler Hochschulreife, heute sind es dreimal so viele, über 36 Prozent. Der Run aufs Gymnasium ist vor allem in den Städten zu beobachten: In Hamburg wechselte in den vergangenen Jahren fast die Hälfte der Grundschüler aufs Gymnasium, im akademisch geprägten Tübingen sind es sogar 59 Prozent.

In den kommenden Wochen entscheidet sich wieder für mehr als 880.000 Schüler, in welche weiterführende Schule sie nach den Sommerferien gehen werden. Die Entscheidung fällt in den meisten Bundesländern in Grundschulklasse 4, der Stress beginnt aber, je nach Bundesland, bereits in Klasse 3, wenn erstmals Noten in allen Fächern vergeben werden. Er steigert sich im ersten Halbjahr der 4., wenn die Arbeiten für das Zwischenzeugnis geschrieben werden - Basis für die Grundschulempfehlung - und Kinder nach Rückgabe der Hefte in Tränen ausbrechen, weil »Mama mit mir schimpfen wird«.

»Der Druck ist unglaublich groß«, beobachtet Karin Mengel. »Jeder Schüler will vor dem anderen erfolgreich dastehen.« Und die Eltern natürlich auch. Das lassen sie sich was kosten. 15 Prozent der Grundschüler bekommen bereits Nachhilfeunterricht. Pro Woche zahlen Eltern mehrere Millionen Euro, damit die Kleinen ihre Defizite ausgleichen, vor allem in Deutsch und Mathematik.

Schon seit dem Herbst besuchen Väter und Mütter Info-Abende weiterführender Schulen, mit Stößen von Vorstellungsbroschüren und Schreibblöcken bewaffnet, auf denen akribisch notiert wird, was die Oberstudienräte über ihre Schulen berichten. In Großstädten wie Hamburg oder Berlin gerät die Info-Tour inzwischen zum Besichtigungsmarathon: Zur Wahl stehen Dutzende Alternativen. Darf's die Schule gleich um die Ecke sein oder lieber die Privatschule draußen in den feinen Elbvororten? Die Waldorfschule oder die Internationale Schule, wo vor allem die Diplomatenkinder hingehen? Natürlich schaut man sich alle an, studiert Internetseiten, befragt ältere Schüler, Freunde, Lehrer. Analysiert Stärken und Schwächen seines Kindes, vergleicht Schultypen. Wichtig in jedem Fall: Das Gymnasium soll es sein.

Hauptschülerin Yessica, inzwischen in Klasse 6 und eine gute Schülerin, hat schlimme Erinnerungen an den Mathe-Unterricht in Klasse 4. »Ich habe es einfach nicht gecheckt«, sagt sie, »die Lehrerin schrie mich nur noch an.« Eine Katastrophe, erinnert sich ihre Mutter, die ihre beiden Töchter seit dem frühen Krebstod ihres Mannes allein erziehen muss. »Die Lehrerin war eine ältere Frau und hatte keinen Nerv mehr für schwächere Kinder. Sie hat sie vor der Klasse bloßgestellt.« Die Mutter versuchte, mit ihrer Tochter zu lernen. Aber Yessica machte dicht. »Ich wollte einfach nicht mehr Mathe lernen und habe oft geweint.« Sie kassierte drei Sechsen, die Mathe-Note war versaut. Und damit das entscheidende Halbjahreszeugnis. Bis zu einem Notenschnitt von 2,5 reicht es in der Regel fürs Gymnasium, bis 3,0 für die Realschule. Yessica hatte 3,4. Sie und drei Mitschüler bekamen die Empfehlung Hauptschule, alle anderen gingen auf die Realschule oder aufs Gymnasium.

»Selektion« nennen Bildungspolitiker die deutsche Tradition, Kinder schon in Klasse 4 nach ihren Leistungen aufzuteilen. Sprache ist verräterisch: So harsch wie das Wort, so gnadenlos auch das Rattenrennen um die begehrtesten Startplätze in den späteren Arbeitsmarkt. Erst recht mit beginnender Rezession. Selektion gilt als sexy. »Im Gymnasium hat man noch die gepflegten Familien, keine orientalische Kopftuchszene«, bekennt eine Mutter von drei Kindern aus Hannover, selbst Lehrerin. »Die schwierigen Kinder ist man los. Viele Eltern wollen nicht, dass ihr Kind von Schwächeren gebremst wird.« Solche Argumente kursieren nur hinter vorgehaltener Hand. Aber sie zählen. Auch wenn sie falsch sind.

Klassen mit einheitlichem Leistungsniveau, so war jahrzehntelang die vorherrschende Meinung, können besser unterrichtet und gefördert werden. Begriffsstutzige Bremser, die die falschen Fragen stellen, gibt es nicht. Doch der internationale Leistungstest Pisa, der jüngst das Können von 15-jährigen Schülern in 32 Ländern verglich, hat neben manch anderer Illusion auch diese Grundfeste des deutschen Bildungssystems erschüttert. In deutschen Schulklassen sitzen zwar Schüler mit ähnlicher Begabung, aber sie motivieren sich nicht zwangsläufig. Im Gegenteil: »Man zieht sich gegenseitig auf ein tieferes Niveau«, sagt Manfred Prenzel vom Leibniz-Institut in Kiel, einer der deutschen Pisa-Juroren. Just die »dummen Fragen« nämlich könnten auch begabtere Kindern weiterbringen. Voraussetzung allerdings: ausreichende Deutschkenntnisse aller Kinder und ein »methodisch abwechslungsreicher, fragender, entwickelnder Unterricht, der nicht nur eine einzige Lösung zulässt«. Deutsche Lehrer jedoch führten ihren Unterricht gern als hochgeistiges Gespräch, das nur auf eine Lösungsmöglichkeit zielt. Falsche Antworten würden einfach ignoriert und nicht aufgegriffen. Folge: Schwächere Kinder trauen sich nicht mehr mitzumachen, steigen aus, »der Unterricht quält sich dahin«.

Als besser für die Zukunft gewappnet erwiesen sich Staaten wie Finnland, die ihre Kinder fantasievoll und lange Zeit gemeinsam unterrichten. In Deutschland dagegen trägt der frühe Bildungsdarwinismus dazu bei, dass viele Kinder ihre Schulzeit als steinigen Weg zur Niederlage erleben, wie die Pisa-Studie enthüllte. »Mindestens ein Drittel«, so die Prüfer, »hat eine Schullaufbahn hinter sich, die durch Misserfolgserlebnisse gekennzeichnet ist.« Das heißt: Jeder dritte Schüler muss irgendwann eine Klasse wiederholen - oder die Schule verlassen und »absteigen«.

Jetzt grübeln Lehrer, Eltern, Schüler und Bildungsexperten, was besser gemacht werden könnte. Die Liste der Vorschläge ist lang. Die wichtigsten:

- Frühförderung schon für die Kleinsten. In den Kindergärten werde zu viel betreut und zu wenig gelehrt, kritisiert die Gewerkschaft GEW, die Kinder seien intellektuell unterfordert. Dabei sind einfache naturwissenschaftliche Experimente, musikalische Früherziehung und spielerische Versuche mit einer Fremdsprache durchaus schon im Kindergarten möglich. Keine Verschulung, sondern ganzheitliche Förderung. »Kinder in diesem Alter haben sagenhafte Kompetenzen, die nicht wahrgenommen werden«, meint auch Pisa- Mitglied Prenzel.

- Frühere Einschulung. 15-Jährige in anderen Ländern besuchen oft schon Klasse 9 oder 10, 15-Jährige in Deutschland meist Klasse 8 - ihnen fehlt also ein Jahr Wissen, mit ein Grund für das schlechte Abschneiden im Pisa-Test.

- Gezielte Hilfe für Kinder aus sozial schwachen Familien. Intensive Sprachförderung für Kinder ausländischer Familien schon vor der Grundschule.

- Mehr Ganztagsschulen mit guten Konzepten, die Lernen und Freizeit verbinden. Diskutiert wird auch die Rückkehr zum Samstagsunterricht.

- Bessere Lehreraus- und -fortbildung. »Sie haben zu wenig Kenntnisse in Didaktik und Psychologie«, so das Urteil von Prüfer Prenzel. »Vielen Pädagogen fehlt der diagnostische Blick dafür, was in einem Kind steckt.« Vor allem fehlt ihnen der Praxisbezug. Der Arbeitgeberverband rät Lehrern deshalb zu Hospitanzen in Betrieben.

- Experten in die Schule. Gemeinsame Projekte mit Handwerkern, Schauspielern, Designern, Förstern oder Journalisten machen Schülern nicht nur Spaß, sondern bereiten sie auf den Berufsalltag vor.

- Eltern in die Verantwortung. Nicht nur Schüler, auch Eltern brauchen eine andere Einstellung zum Lernen. »Vielen Eltern ist die Schule ihrer Kinder relativ egal«, sagt Manfred Prenzel. Damit unterscheiden sie sich von anderen Ländern, wo Bildung ein höheres Ansehen genieße.

- Größere Entscheidungsfreiheit der einzelnen Schule, besonders bei Einstellung, aber auch Versetzung von Lehrern. Unfähige oder demotivierte Lehrer müssen bisher »mitgeschleppt« werden - auf Kosten der Kinder.

- Neue Unterrichtsformen. Zwar gibt es eine wachsende Zahl von Schulen, die sich »von unten« reformieren, unter insgesamt 40.000 Schulen in Deutschland sind sie aber immer noch Exoten. Wichtig auch: mehr Wissensaustausch der Schulen.

- Mehr Geld für Bildung, besonders in den Grund- und Hauptschulen. Hauptschullehrer werden schlechter bezahlt als ihre Kollegen an Realschulen und Gymnasien. Folge: Der Nachwuchs an den pädagogischen Hochschulen wandert in die höheren Schularten ab. In Bio, Chemie und Physik für Hauptschüler gab es vergangenes Jahr an der PH Ludwigsburg keinen einzigen Studienanfänger mehr.

Der Wurm steckt aber auch im System. Als vor 35 Jahren das deutsche Schulsystem neu gegliedert wurde, hatten bis dahin zwei Drittel aller Kinder die Oberstufe der Volksschule besucht. Aus der Volksschule wurde die Hauptschule, die diese Schüler aufnehmen sollte. Doch schon in den Siebzigern setzte die Volkswanderung Richtung Abi ein. Heute besucht nur noch ein Viertel aller Siebtklässler eine Hauptschule. In Großstädten wie Berlin ist es nur noch ein Zehntel. Die höchsten Raten haben Baden-Württemberg mit 33 und Bayern mit über 53 Prozent, wo die Hauptschulen einfache Übergänge zur mittleren Reife ermöglichen. Auf dem Land genießt die Hauptschule noch ein hohes Ansehen. Außerdem entscheidet in den südlichen Ländern das Lehrervotum. Hätten die Eltern das Recht, über den weiteren Bildungsweg ihrer Kinder zu entscheiden wie in den meisten anderen Bundesländern, wären es vermutlich viel weniger.

»Einige Gymnasien haben in ihren 5. Klassen 40 Prozent Schüler ohne eine Empfehlung der Grundschule«, klagt Reiner Schmitz, Leiter der Schulaufsichten in Hamburg, wo bundesweit die meisten Grundschüler aufs Gymnasium wechseln. Folge: Spätestens in Klasse 7, wenn der Fächerkanon um eine weitere Fremdsprache erweitert wird, nützt oft auch der beste Nachhilfelehrer nichts mehr. Dann schnellt die Zahl der »Rückläufer« in die Höhe. In Hamburg muss bis zum Ende der 10. Klasse jeder sechste Schüler das Gymnasium verlassen.

Der Ansturm aufs Gymnasium macht die anderen Schularten notgedrungen zu Auffangbecken für Gescheiterte. Wie es um die Qualität der Schulen in den einzelnen Bundesländern steht, wird Teil zwei der Pisa-Studie im Sommer offenbaren, wenn die Schulen sortiert nach Ländern ihre Zeugnisse bekommen - dann wird die Diskussion um den Wert einer Abschlussnote aus Kiel oder Kempten, Hamburg oder Halle erst richtig losgehen.

Doch auch in Bundesländern, wo das Votum der Lehrer zählt - Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen, Saarland und Sachsen -, gibt es Dropouts. Meist werden die Lehrer für das Scheitern verantwortlich gemacht, manchmal bekennen Jugendliche auch freimütig, sie seien »zu faul zum Lernen« gewesen, wie Daniel Binder aus Tübingen. Aber der Knacks muss erst verdaut werden. »Ich war sauer«, erinnert sich Daniel, der nach der 6. Klasse von der Realschule auf die Hauptschule wechseln musste. Nicht so schlimm, tröstete ihn eine Lehrerin am Tag der Zeugnisvergabe. »Das passiert vielen.«

Stimmt. Das System ist durchlässig, besonders in den Klassen 5 und 6, die als Orientierungs- oder Beobachtungsstufe gelten. Aber auch später ist jederzeit ein Wechsel auf eine andere Schulart möglich. Gewechselt wird aber vor allem nach unten. In Nordrhein-Westfalen kommen auf fünf Schüler, die »aufsteigen«, 100 »Absteiger«, ergab eine Untersuchung des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung. Vor 20 Jahren waren es achtmal mehr Aufsteiger. Selbst in Baden-Württemberg, wo Kultusministerium und Lehrer die hohe »Treffsicherheit« des Lehrervotums rühmen, kommen auf drei »Ups« immer noch zwei »Downs«.

Auch Lehrer sind schließlich nur Menschen. Und bei ihrem Votum gibt es, zum Glück, Ermessensspielraum. Das wissen Eltern. Wenn die Noten nicht fürs Gymnasium reichen, knöpfen sie sich gern die Pädagogen vor. »Das geht bis zum Telefonterror«, weiß Elke Picker vom Landeselternbeirat Baden-Württemberg. Väter und Mütter packt die Torschlusspanik, sie fürchten, dass ihre Kinder Chancen verpassen, wenn sie jetzt auf den falschen Zug gesetzt werden. Motto: einmal Holzklasse, immer Holzklasse. Der Philologenverband Baden-Württemberg fordert bereits eine zusätzliche Prüfung fürs Gymnasium, »damit die Grundschullehrer nicht allein dem Druck der Eltern standhalten müssen«. Bevor es zum Eklat in der Familie komme, »wird eben ein bisschen gelupft«, gesteht eine Pädagogin aus Stuttgart. »Die Hoffnung packt man mit rein.«

Zweifel an der Qualität der Grundschulempfehlungen weckt allerdings auch eine Studie der Universität Heidelberg. Der Psychologe Johann Haffner beobachtete vier Jahre lang 4.000 Grundschüler und stellte fest: Nicht allein intellektuelle Fähigkeiten entscheiden, welche Schulart empfohlen wird, sondern auch das Ver-

halten. Auffällige, laute, unkonzentrierte oder kränkliche Kinder mögen genauso intelligent sein wie ihre Klassenkameraden - die Chance, eine Empfehlung fürs Gymnasium zu kriegen, ist zehnmal geringer. Bei den untersuchten Kindern mit einer Gymnasialempfehlung beklagten nur 2,3 Prozent Konzentrationsprobleme, bei den künftigen Hauptschülern dagegen 23 Prozent. Unter den Hauptschülern gab es vergleichsweise mehr aggressive Schüler, aber auch mehr Kinder, die unter Kopfschmerzen, Allergien, Angstzuständen und Depressionen litten. »Wer ein Problem hat, den schickt man auf die Hauptschule«, lautete das Fazit Haffners.

Ein Teufelskreis, den Pisa noch genauer beschreibt. Entscheidend für das Fortkommen in Deutschland ist auch noch die Herkunft. An Gymnasien dominiert bis heute der Nachwuchs des Bildungsbürgertums und der oberen Mittelschicht, in den Haupt- und Sonderschulen landen die Kinder aus sozial schwachen und ausländischen Familien. Hinzu kommt: Sie, das legte Pisa offen, sind in Gefahr, ein neues Bildungsproletariat zu formen. Im Land der Dichter und Denker gebe es eine »faktische Analphabetenquote« von 22 Prozent unter den 15-Jährigen, klagt Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Am stärksten betrifft die Leseschwäche die Hauptschule. Dabei war gerade sie früher jene Schulart, aus der Industrie und Handwerk ihren Bedarf an Facharbeitern deckten. »Sehen Sie sich mal unsere Bewerbungsmappen an«, so der Arbeitgeberpräsident und Chef der Allgaier-Werke im schwäbischen Uhingen, »da stehen Ihnen die Haare zu Berge. Ein unglaubliches Schriftbild, von Rechtschreibung oder Interpunktion ganz zu schweigen. Und aus diesen Menschen sollen wir Facharbeiter machen, die anspruchsvolle Dokumentationen erstellen sollen!«

Wer hat Schuld? Die Kinder, die angeblich keinen geraden Satz mehr zustande bringen? Oder die Bosse, die sich zunehmend bei Realschulen und Gymnasien bedienen? Muss die Hauptschule also abgeschafft, ein neues Schulsystem erfunden werden, wie Karl Zenke, Erziehungswissenschaftler an der PH Ludwigsburg, verlangt? Sollen Haupt- und Realschüler, wie Zenke vorschlägt, künftig in einer gemeinsamen Schulform mit hoher Durchlässigkeit unterrichtet werden, die den Wechsel leichter macht? Soll die gemeinsame Grundschulzeit für alle Kinder bis Klasse 6 verlängert oder gar eine neue Gesamtschule nach ausländischem Vorbild eingeführt werden?

Für manche Eltern klingt das gefährlich nach sozialistischer Gleichmacherei - schließlich gilt das deutsche Modell der Gesamtschule nicht als Erfolgsmodell. Aber auch Pädagogen sind skeptisch, ob ein hektischer Umbau des Systems den Deutschen aus der Patsche helfen würde. »Solche Forderungen sind bei Politikern beliebt, weil man einfach einen Hebel umlegt, und schon soll alles besser laufen«, sagt Pisa-Mitglied Prenzel, der die nächste Pisa-Untersuchung in Deutschland koordiniert. Doch »zuerst müssen wir unseren Unterricht verändern«. Der sei nämlich immer noch so wie vor 20 Jahren: Tendenz zu oberflächlicher Faktenhuberei und »mechanischem Üben« statt zu tieferem Verständnis. Der Umbau einer Schule dauert nach Schätzungen von Erika Risse, Rektorin eines Gymnasiums in Oberhausen, mindestens sechs Jahre, Änderungen des jahrhundertealten mehrgliedrigen Systems viel länger.

So lange können die Eltern der jetzigen Viertklässler nicht warten. Entscheidend für den Bildungserfolg, meint Erziehungswissenschaftler Peter Struck, sei ohnehin nicht die Schulart, sondern die »Lehrerpersönlichkeit«. Nicht die Liga, sondern der Lehrer schafft den Mikrokosmos, in dem das Kind gedeiht - oder vor sich hinkümmert. Die Frage ist also nicht, welche Schulart, sondern welche Schule ist die richtige für mein Kind? Eltern sollten nicht auf spätere Berufsaussichten starren, die sich binnen fünf Jahren ohnehin ändern, sondern herausfinden, wo es ihrem Kind gut geht. Richtig sein kann also auch eine gute Real- oder Hauptschule, eine Waldorfschule, eine Gesamtschule oder bei Kindern mit Lernschwächen eine Sonderschule. Rund 460 innovative Schulen aller Schularten haben sich im Netzwerk der Bertelsmann Stiftung zusammengeschlossen. Die richtige Schule müssen Eltern aber selbst finden.

Für Hanna Möllers, Lehrerstochter aus Elze bei Hannover, war das die Realschule. Schon nach sechs Monaten in der 7. Klasse des Gymnasiums hatte sie die Nase voll. In der Pause packte die 13-Jährige ihre Schulbücher, sagte den Mitschülern tschüs und stapfte geradewegs ins Schulbüro. Dort legte sie der verdutzten Sekretärin die Bücher auf den Schreibtisch und verkündete: »Hier komme ich nie wieder her.« Sie wollte auf die Realschule, auf die auch ihre Freundinnen gingen. Das Gymnasium fand das selbstbewusste Mädchen »einfach gruselig«: unpersönlich, konservative Lehrer, einseitig leistungsorientiert, keine Mitschüler aus ihrem Dorf. »Ich war grottenschlecht, schrieb lauter Fünfen und gab den Klassenclown. Aber meine Eltern nahmen eher in Kauf, dass ich sitzen bleibe, als mich auf die Realschule wechseln zu lassen.« Ehe sie sich durchsetzte, bekam sie jede Menge Stress mit ihrem Vater, der das einzig angemessene Bildungsziel für seine Tochter schwinden sah: das Abitur.

Genau umgekehrt machte es Richard Teufel, Postbeamter und Ortsvorsteher im schwäbischen Altingen. Seine Töchter Carmen und Jutta hatten beide eine Realschulempfehlung. Doch er schickte sie auf die Hauptschule im Dorf - eine Entscheidung nicht für die Schulart, sondern für die Schule, die für ihren fortschrittlichen Unterricht weit über die Region hinaus bekannt ist. Und zugleich gegen die Realschule in der benachbarten Stadt mit ihrer »Massenabfertigung«. Die Töchter haben seine Wahl nicht bereut. »Die ist besser als eine Realschule«, sagt Jutta Teufel.

Nach ihrem Abschluss wollte sie »etwas Gestalterisches« machen, doch das Resultat war enttäuschend: »Da gab es nicht viel mit Hauptschule.« Auf dem zweiten Bildungsweg holte sie die Fachhochschulreife nach und arbeitet inzwischen als Informationsdesignerin in einer Werbeagentur. Ihre Schwester Carmen absolvierte zunächst eine Bürolehre und ging als Au-pair-Mädchen ein halbes Jahr nach England. Sie wollte danach »was mit Kindern« machen - auch das war schwierig mit Hauptschule. Sie holte deshalb an einer Berufsaufbauschule in Stuttgart den Realschulabschluss nach. Ihre Lehrer ermutigten das talentierte Mädchen, auch noch das Fachabitur zu machen. Inzwischen hat sie das Staatsexamen an der Pädagogischen Hochschule mit Note 1,8 abgelegt. Demnächst kehrt Carmen Teufel in eine Hauptschule zurück - als Referendarin.

Alles also halb so schlimm, auch wenn man den richtigen Zug verpasst hat? Das nicht. Malochen müssen sie alle. Jana Freyberg, 24, aus Zeitz, besucht Klasse 11 des Leipzig-Kollegs und jobbt als Pflegehelferin im Hospiz. »Ich hatte Pech mit meiner Realschulklasse«, sagt sie. »Nur miese Stimmung, Intrigen, keine Lust mehr auf Schule.« Sie lernte Bürokauffrau, saß »ohne richtige Aufgabe im Büro, es war für mich eine Horrorvorstellung, so zu leben«. Nun holt sie das Abi auf dem zweiten Bildungsweg nach und würde »am liebsten mein ganzes Leben weiterlernen«.

Etwas von dieser Gelassenheit täte allen Eltern gut, findet Rektor Scheufele. Für die Eltern gelte das Prinzip Sicherheit, immer geradeaus auf der Autobahn zum Erfolg, bloß keinen Umweg riskieren. Dabei könnte sich gerade der Umweg als Vorzug entpuppen. Seine elfjährige Tochter Lisa geht auf die Realschule, eine große Ausnahme bei Pädagogen, die gern Wasser predigen, aber Wein trinken. Inzwischen sei sie so gut, dass sie wahrscheinlich bald aufs Gymnasium wechseln kann. »Kinder, die sich durchgebissen haben, sind später wesentlich belastbarer.«

Das gilt auch für Hanna Möllers, die so abrupt auf die Realschule wechselte. Als sie in der 9. Klasse ihr Betriebspraktikum im Kindergarten absolvierte, kamen ihr erste Zweifel an der eigenen Schulwahl. Mit Kindern arbeiten, das war okay, aber vielleicht doch lieber als studierte Sozialpädagogin. Hanna büffelte, ging nach dem Realschulabschluss wieder auf ein Gymnasium und schaffte das Abi. Heute studiert sie Jura. »Wären meine Eltern damals bloß ein bisschen entspannter mit mir umgegangen«, sagt sie, »dann hätten wir uns alle viel Stress erspart.«

Von Ingrid Eissele, Sven Rohde und Edgar Rodtmann (Fotos)

Mitarbeit: Ingrid Lorbach, Holger Witzel, Doris Schneyink

Wissenscommunity