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Pisa-Streit: Keiner kontrolliert die Kontrolleure

Bildungsforscher Klaus Klemm sieht angesichts der laufenden Debatte die Glaubwürdigkeit der Pisa-Studie in Gefahr. Eine unabhängige Instanz sei notwendig, die den Auswertungsprozess begleite, sagte Klemm im stern.de-Interview.

Wussten Sie von Schmiergeldern für Schüler in USA und den Niederlanden, mit denen sie zur Teilnahme gelockt werden sollten?

Davon hörte ich heute morgen zum ersten Mal.

Sind das gängige Methoden, um Schüler zur Teilnahme zu verlocken?

Es ist jedem Land freigestellt, wie es seine Quote erfüllt. Mindestens 80 Prozent der ausgewählten Schüler müssen teilnehmen, sonst gilt die Stichprobe nicht und das Land wird ausgeschlossen. Ich finde solche Boni zwar etwas anrüchig, ich glaube aber nicht, dass man damit Testergebnisse manipulieren kann. Im Gegenteil: Mit ein paar Dollars locken sie vielleicht eher die sozial schwächeren Kinder als die stärkeren zur Teilnahme.

Der Eindruck bleibt aber: Mit ein bisschen Findigkeit lässt sich am Pisa-Ergebnis drehen.

Nicht nur das. Schlimmer ist das Gesamtbild, das die Pisa-Verantwortlichen zur Zeit abgeben. Wenn sich Manfred Prenzel, der die deutsche Studie verantwortet, und Andreas Schleicher, der die internationale Studie leitet, nicht einig sind, ob Deutschland nun besser geworden ist oder nicht, wie soll das der Normalmensch verstehen?

... er ist verwirrt.

Er sagt: Da biegt sich jeder seine Zahlen zurecht, wir wussten ja schon immer, dass die Statistik lügt. Das ist verheerend für eine so wichtige Studie.

Einige Kultusminister drohen jetzt mit dem Ausstieg.

Die fühlen sich ein Stückweit "vergackeiert", und das kann ich auch verstehen. Die Studie wird ja genau dazu gemacht, um Entwicklungen zu verfolgen, und jetzt sagt Schleicher mit Blick auf die Naturwissenschaften, das geht nicht. Was nutzt sie dann?

Sie waren bis Ende 2006 im Beirat des deutschen Pisa-Konsortiums. Funktioniert die interne Kontrolle?

Der Beirat ist keine Kontrollinstanz Er ist ein Beratungsgremium. Er hat keine Weisungsbefugnis und kann sich nicht mal selbständig treffen.

Ist er unabhängig?

Im Prinzip schon, allerdings wird er von den Kultusministern eingesetzt und einberufen, also den Auftraggebern der Pisa-Studie. Er hat keine Machtbefugnis.

Was darf er denn dann?

Wir haben die Konzeption für Pisa 2000 diskutiert. Bei der ersten Studie waren wir noch stark eingebunden, bei der zweiten viel weniger. In den Auswertungsprozess, das Kernstück der Studie, wurden wir allenfalls marginal einbezogen.

Warum?

Das weiß ich nicht. Vielleicht war es nicht opportun.

Bräuchte es nicht eine unabhängige zweite Instanz, die Pisa in allen Phasen prüft - so wie sich heute jede Schule evaluieren lassen soll?

Natürlich. Wer fordert, dass sich unser Bildungssystem ständig überprüfen lässt, der sollte sich auch selbst überprüfen lassen. Was fehlt, ist ein funktionierendes, regelmäßig tagendes Gremium, das mehr Kompetenzen hat. Wir hatten insgesamt zu wenig Einblick in die nationale Studie.

Also eine Art Pisa-TÜV?

So würde ich das nicht nennen, denn die Wissenschaftler der Studie sollten weiterhin unabhängig arbeiten. Einen Stempel braucht es nicht. Allerdings eine viel kritischere Begleitung bei grundsätzlichen Fragen wie beispielsweise, ob die Schulformen der Bundesländer vergleichbar sind oder welche Methoden bei der Auswertung eingesetzt werden. Wären die Inhalte von einer unabhängigen Instanz bestätigt worden, gäbe es nicht diese merkwürdige Doppelfunktion der Pisa-Leute. Manfred Prenzel macht die deutsche Studie und kritisiert zugleich die OECD-Positionen.

Warum befehden sich Schleicher und Prenzel auf diese Weise?

Das ist ein völlig irrer Streit und für das Publikum kaum nachvollziehbar, weil die Aussagen, um die es geht, noch gar nicht öffentlich sind.

Der Kreis der Bildungsforscher in Deutschland ist klein. Gäbe es überhaupt genug unabhängige Kandidaten für eine Kontrollinstanz?

Inzwischen schon, es gibt ja beispielsweise eine Reihe von Pisa-Experten, die bei den ersten Studien dabei waren und jetzt nicht mehr. Wenn es an Bewerbern mangelt, könnte man auch einige Wissenschaftler aus dem Ausland hinzu ziehen. Auch das täte der Glaubwürdigkeit gut. Pisa ist schließlich keine Peanuts-Untersuchung, sondern die größte Bildungsstudie der Welt.

Interview: Ingrid Eißele