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"Dranbleiben!" von Lukas Podolski: "Ich habe nie vergessen, wo ich herkomme"

Wenn Lukas Podolski beim Kinderhilfswerk Arche vorbeischaut, geht er meist mit den Jugendlichen eine Runde kicken. Der Fußballer erzählt in seinem Buch viel von diesen Kindern - und vom neuen Poldi.

Von Viktoria Meinholz

Wer Poldi unterschätzt, der hat gleich den ersten Fehler gemacht." Das sagt Kon Schramm, sein ehemaliger Berater, über Lukas Podolski, den Stürmer, den seit der Fußballweltmeisterschaft 2006 die meisten Menschen in Deutschland kennen. Weil er zusammen mit Bastian Schweinsteiger nicht nur auf dem Platz viel Spaß hatte. Man mag ihn, aber ernst nimmt man ihn nicht gerade. "Für die meisten Fans werde ich wohl für immer der Poldi bleiben, obwohl ich mittlerweile einen langen Weg gegangen bin und das, was alle mit Poldi verbinden, so nicht mehr ganz stimmt", schreibt Lukas Podolski in seinem Buch "Dranbleiben! Warum Talent nur der Anfang ist", das am 12. März erscheint.

Er hat dieses Buch aus zwei Gründen geschrieben, wie er im Interview sagt. Zum einen wollte er seine Geschichte erzählen. Wie aus dem kleinen Jungen aus Polen der 111-malige deutsche Nationalspieler geworden ist. "Zum anderen möchte ich anhand meiner Lebensgeschichte und denen von Kindern aus der Arche vermitteln, dass Kinder Hilfe brauchen, sich selbst zu entdecken und ihren Platz zu finden", sagt Podolski. Die Arche ist ein Kinderhilfswerk, für das sich der Fußballprofi seit mehreren Jahren engagiert. In dem Buch wird seine Lebensgeschichte mit den Geschichten einzelner Kinder verwoben, die er in der Arche kennengelernt hat. Das liest sich spannend und unterscheidet das Buch von anderen Fußballerbiografien.

Kein Enthüllungsbuch

Auch Poldi befriedigt die Neugier der Fußballfans mit Anekdoten aus seinem Leben als Profispieler und erklärt zum Beispiel, warum er einer der wenigen Spieler ist, die "Jogi" und "Du" zum Bundestrainer sagen. Oder verrät, warum es bei den Bayern nicht geklappt hat und er zurück zum FC Köln gegangen ist. Aber es gibt keine intimen Enthüllungen über ehemalige Mitspieler, Trainer oder Bettgenossinnen zu lesen. Stattdessen erzählt Podolski von Kasim, der täglich in der Arche vorbeischaut. Der 14-Jährige hat große Angst davor, die falschen Leute zu treffen und drogensüchtig zu werden. Seinen Vater hat er schon lange nicht mehr gesehen, Taschengeld gibt es für ihn nur selten. Wie alle Kinder, die im Buch vorgestellt werden, wünscht er sich vor allem, später reich zu sein.

Podolski liegt das Schicksal der Kinder am Herzen, sie erinnern ihn an seine Jugend. Auch bei ihm zu Hause war das Geld meist knapp. Nicht immer war genug Benzin im Tank, um Lukas von Bergheim, seinem Heimatort, bis nach Köln zum Fußballtraining zu fahren. Podolski beschreibt Bergheim als einen gefährlichen Bezirk, in dem Überfälle und Schlägereien an der Tagesordnung standen. Dort hat der kleine blonde Junge gelernt sich durchzusetzen - auch bei den schwarzhaarigen und dunkelhäutigen Jungs, die auf dem Gummiplatz kickten. "Bei denen wollte ich mitmachen. Da kannst du nicht sagen, ich trau mich nicht, die sehen so anders aus, die sprechen anders, die glauben an einen anderen Gott. Darum geht es nicht."

Der neue Poldi

Doch in einem wichtigen Punkt unterscheidet sich seine Geschichte von denen der Kinder: Seine Familie hat ihn immer unterstützt und gefördert. Papa, Schwester, Tante, Onkel, alle sind regelmäßig im Stadion und jubeln ihrem Lukas zu. "Ich glaube, dass jeder von uns mit ganz eigenen Fähigkeiten geboren wird. Bei mir war es meinetwegen der linke Fuß - von alleine hat der mich aber auch nicht dahin gebracht, wo ich heute bin", sagt Podolski im Interview. "Wenn man erkennt, dass man etwas gut kann, dann muss man mit viel Liebe, Spaß und harter Arbeit dieses Talent in Können verwandeln. Das gilt für den Profifußball ebenso wie für jeden anderen Beruf auch." So liest sich "Dranbleiben!" auch immer wieder als Aufforderung, den eigenen Weg mit viel Mut und Engagement zu verfolgen. Lukas Podolski macht sich gut als Vorbild - nicht nur für Jugendliche.

"Mein Leben hat ja bekanntermaßen einen recht guten Verlauf genommen. Vielen ergeht es aber nicht so gut wie mir. Deshalb wollte ich das Interesse an meiner Person und an meinem Leben nutzen, um genau darauf aufmerksam zu machen", sagt Podolski. Doch gleichzeitig versucht er auch, sein öffentliches Bild gerade zu rücken. So lässt er Per Mertesacker, mit dem er seit anderthalb Jahren zusammen in London spielt, über den neuen Poldi erzählen: "Viele Leute denken immer noch, ach der verrückte Poldi, der seine Späßchen macht, aber da hat sich so viel getan. Er hat mich hundert Prozent überrascht, bei mir hat sich im letzten Jahr einiges verändert an seinem Bild." Auch der Leser hat das Gefühl, einen anderen Podolski kennenzulernenn. Einen, der sich schon mal für das Leben nach der Profikarriere warm macht. Und der genug Begeisterung mitbringt, um wirklich was zu bewegen.

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