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Zusammenbruch der Geburtenrate: Kinderlos wegen Armut und Arbeitslosigkeit – sterben die Griechen aus?

Acht Jahre Krise und Spardiktat haben die Geburtenraten in Griechenland drastisch reduziert. Das ist fatal: Der Staat braucht die Geburten dringend. Ohne Kinder wird die Rezession nie enden.

Acht Jahre Krise haben das Land zerrüttet.

Acht Jahre Krise haben das Land zerrüttet.

Minas Mastrominas hat Frauen in Griechenland geholfen, Babys auf die Welt zu bringen. An diese Zeiten erinnert noch ein Fotoband mit Hunderten von Kleinkindern im Warteraum ihrer eleganten Klinik für künstliche Befruchtung. Doch diese Zeiten sind vorbei, heute sind die Ledersitze verwaist. Nun empfängt Minas Mastrominas Frauen, die unter Tränen ihre Pläne für den Nachwuchs beerdigen. Andere, die schon ein Kind haben, lassen alle eingefrorenen Embryos vernichten. Der Grund ist immer der gleiche: die Krise, das Geld.

"Die Leute sagen, sie können sich nur ein Kind leisten  - wenn überhaupt. Nacht acht Jahren der Krise beerdigen sie jetzt ihre Träume", gestand Minas Mastrominas der "New York Times".

Schwangere fliegen

Der Druck auf die Frauen ist enorm. Anastasia Economopoulou, 42, wollte immer viele Kinder haben. Sie ließ sich an der Klinik von Minas Mastrominas behandeln. Heute fragt sie sich, ob die teure Behandlung noch Sinn hat. Neben höheren Steuern müssen sie und ihr Mann Lohnkürzungen von über 30 Prozent hinnehmen. In ihrem Unternehmen sei es kein Geheimnis, dass das Management keine Schwangeren wünsche. Anastasia Economopoulou fürchtet, sie würde bei einer Schwangerschaft sofort den Job verlieren. Noch kann sie nicht ganz von ihrem Traum lassen: Einen Embryo hat sie noch behalten.

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Geburtsraten wie in Kriegszeiten

Schon seit langen haben viele europäische Staaten Probleme mit der Demografie – es werden weniger Kinder geboren als zum Erhalt der Bevölkerungszahl nötig wären. Aber in den Süd- und Krisenländern der EU hat sich diese Entwicklung massiv verschärft, die Geburtenraten sind auf das niedrigste Level seit dem Ersten Weltkrieg gefallen, das zeigen die Daten des Wittgenstein Center for Demography and Global Human Capital. Weder unter der deutschen Besatzung noch im Bürgerkrieg wurden diese Werte erreicht. Etwa ein Fünftel der in den 70er Jahren geborenen Frauen werden kinderlos bleiben.

Bei den Jüngeren ist eine gesicherte Aussage schwerer, doch dürfte der Anteil noch größer sein. Um eine Bevölkerung stabil zu halten, wäre eine Geburtenrate von 2,1 pro Frau notwendig – in Griechenland, Portugal und Italien ist sie auf 1,1 bis 1,3 gefallen.

Ein sehr dickes Baby sitzt nur mit Windel vor seinen Eltern. Chahat Kumar wiegt mit acht Monaten schon 17 Kilo

Und diese Zahlen beziehen sich auf die Anzahl der Frauen in den jeweiligen Ländern. Hinzu kommt der Effekt der Abwanderung. Besonders viele junge Menschen haben die Krisenländer verlassen und es gibt kein Zeichen, dass sie alsbald zurückkehren werden.

Eine Spirale nach unten

Für die betroffenen Frauen und Paare bedeutet die wirtschaftliche Unsicherheit einen traurigen Abschied von ihren Lebensplänen. 27 Prozent der Frauen in Griechenland sind gemäß der offiziellen Statistik arbeitslos. Für die Staaten wird der Rückgang der Geburten sich zu einer Katastrophe entwickeln. Geht es so weiter, wird Süd-Zone des Euro-Raumes bald das Gebiet mit den geringsten Geburtsraten weltweit werden. Kombiniert mit den hohen Anteil an Armutsflüchtlingen aus diesen Staaten wird es zu einer dramatischen Abnahme der Bevölkerung kommen und zu einer massiven Überalterung.

Wirtschaftlich gesehen werden die Chancen, dass diese Krise jemals endet, immer kleiner. Simon Tilford, Direktor am Center for European Reform in London, sagte der "New York Times": "Kleine Geburtsraten im Süden werden zu einem schwachen Wachstum und zu einer geringen Produktivität führen, das drückt die Geburtsrate weiter und wird zu weiteren finanziellen Problemen führen." Die Spaltung der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen Nord- und Südeuropa werde dauerhaft bestehen bleiben.

Nicht einmal die Entbindung zahlt der Staat

Die Krise erfasste Europa zu einem Zeitpunkt, als die Geburtsraten begonnen hatten, wieder zu steigen. Im Süden ist diese positive Entwicklung zusammengebrochen. Während die reichen Länder versuchen, mit einer Vielzahl von Maßnahmen die finanzielle Belastung für Familien zu lindern und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen, fehlen einem Land wie Griechenland dazu die Mittel. Im Gegenteil: Unter dem Spardiktat der EU wurden Familienbeihilfen und Steuervorteile zusammengestrichen.

Eine Studie der School of Public Health at Imperial College London wertet die Krisendaten bis 2015 aus und zeigt weitere erschreckende Faktoren. Während die Zahl der Schwangerschaften abstürzt, schnellt die Kindersterblichkeit in die Höhe. Die Qualität der medizinischen Versorgung lässt erschreckend nach. Fast 60 Prozent der Patienten müssen ihre medizinische Versorgung aus der eigenen Tasche bezahlen, immer weniger sind dazu in der Lage.

Schon 2013 berichtete der "Guardian" über apokalyptische Zustände in griechischen Kliniken. Eigentlich braucht der Staat die Geburten dringend, aber er kann sich nicht einmal eine Entbindung leisten. Für eine Geburt werden zwischen 800 und 1500 Euro verlangt. Weil sie diese Summe nicht aufbringen können, geben Frauen falsche Namen an und fliehen - kaum entbunden - nachts heimlich aus dem Krankenhaus, mit dem Neugeborenen auf dem Arm.

Hinzu kommt, dass die traditionellen Netzwerke, die im Süden besonders stark sind, in der Krise zerreißen. Großeltern stellten die stärkste Hilfe für junge Familien dar. Sie geben Obdach, wenn die Wohnung an die Bank zurückgegeben musste, von ihren Renten leben die arbeitslosen Jungen. Doch nach acht Jahren Krise sind die Möglichkeiten der Alten erschöpft.

"New York Times: After Economic Crisis, Low Birthrates Challenge Southern Europe"


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