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Kids on Tour Wenn Kinder allein Bahn fahren: Pendeln zwischen Mama und Papa


Lea lebt bei ihrem Vater in Köln und möchte ihre Mutter in München besuchen. Zum ersten Mal fährt sie die Strecke allein, mit Kids on Tour, einem Angebot der Bahn. Der stern hat Lea auf ihrer Reise begleitet.
Von Angelika Dietrich

Ein bisschen nervös ist Lea schon. Sie greift die Hand ihres Vaters, die rote Umhängetasche baumelt über ihrer Schulter. Es ist schließlich das erste Mal, dass die Elfjährige allein mit dem Zug zu ihrer Mutter fährt, von Köln nach München. Leas Vater zieht den Koffer durch den Kölner Hauptbahnhof, Ziel ist die Bahnhofsmission. Hier treffen sich jeden Freitagnachmittag die Kinder, die mit Kids on Tour verreisen werden. So heißt das Begleitprogramm der Bahn, bei dem Mitarbeiter der Bahnhofsmission alleinreisende Kinder auf ausgewählten Strecken begleiten.

Noch während eine Mitarbeiterin Leas Unterlagen prüft, Fahrkarte, Bahncard, Gesundheitszeugnis, geht immer wieder die Tür auf, weitere Kinder kommen mit Vater oder Mutter herein. Manche laufen gleich ins Spielzimmer, während die Eltern das Formale erledigen, Lea bleibt lieber bei ihrem Vater. Sie ist schweigsam.

Als die Betreuerinnen der Bahnhofsmission in ihren knallblauen Westen da sind, eine halbe Stunde vor Abfahrt, geht es zum Gleis, Lea drückt ihren Vater. "Es ist ja nur für eine Woche – früher war‘s länger", murmelt er. Lea schleppt Koffer und Tasche treppauf treppab, darin Klamotten, Buch, Essen für die Fahrt und die Walnüsse, die sie für ihre Mutter gesammelt hat.

Im Zug holen die Betreuerinnen ihren Koffer hervor, ziehen das Kartenspiel "Uno" heraus, Papier, Stifte und Täfelchen, auf denen man doppelte Symbole finden muss. Lea spielt mit Anna, Lina und Simon, als kennten sie sich schon lange, als sei diese Fahrt ein Klassenausflug. Dann erzählen sie sich Witze. Nächster Halt Mannheim. Anna steigt aus, Lea macht es sich auf beiden Plätzen bequem.

95 Prozent Trennungskinder

Seit Einführung von Kids on Tour im Jahr 2003 reisten fast 70.000 Kinder mit diesem Programm. Und die Nachfrage ist ungebrochen. 95 Prozent der Kinder, die dieses Angebot regelmäßig nutzen, so schätzen die Frauen, die an diesem Tag zehn Kinder von Köln nach Mannheim, Stuttgart und München begleiten, seien Trennungskinder und pendelten zwischen Mutter und Vater.

Da ist der zehnjährige Junge, der sagt, er sei die Strecke von Köln nach Stuttgart sicher "schon hundert Mal" gefahren, alle zwei Wochen, seit drei, vier Jahren. Da sind die Geschwister, die zum Vater fahren, wo sie einen eigenen PC im Zimmer haben. Manchmal, so erzählen die Betreuerinnen, sind die Kinder am Sonntagabend trauriger, weil das Wochenende vorbei ist. Am Ende von Ferien fließen oft Tränen, manchmal hätten sie das Gefühl, die Kinder klammerten sich beim Verabschieden besonders fest an den Elternteil, der sie zum Zug bringt. Dann lenken die Begleiterinnen die Kinder schnell ab. Fragen Belangloses: Wie alt bist du, in welche Klasse gehst du, hast du ein Haustier?


Wer regelmäßig die gleiche Strecke fährt, kennt manche der anderen Pendel-Kinder, hat Telefonnummern ausgetauscht. Die Kinder wissen, wer wen besuchen fährt, wer wie viele Halbgeschwister hat. Manche sagen: "Ich hätte gern, dass meine Mama wieder mit dem Papa zusammenkommt." Manchmal sagen Kinder auch Sätze, die den Begleiterinnen lange im Gedächtnis bleiben. Etwa dieser Satz eines Mädchens: "Ich hab' kein Zuhause, aber ich komm' damit zurecht." Oder jener: "Meine Eltern hassen sich." Oder auch diese Szene: Da öffnete ein Mädchen seinen Koffer, packte ein hübsches Kleid aus und erzählte stolz, das werde sie am nächsten Tag tragen, "denn da heiratet der Papa seine Susanne".

Nächster Halt Stuttgart – Lina und Simon steigen aus, Lina und Lea klatschen sich ab. Tschüss. Vielleicht bis zum nächsten Mal. Kurz hinter Stuttgart klingelt Leas Handy. "Papa" zeigt das Display. Er will wissen, wie es Lea geht. "Gut", antwortet sie fröhlich. "Wir spielen die ganze Zeit." Koffer packen, Rätsel raten – der Spiele-Vorrat der Begleiterinnen ist unerschöpflich. Schnell vergeht die Zeit.


Seit der Trennung hat Lea zwei Zuhause und doppelt so viele Freundinnen. Die in Bayern und die in Nordrhein-Westfalen. Viel geändert hat sich nicht, findet sie: "Außer dass ich jetzt den Papa öfter sehe als die Mama." Aber dann gibt sie doch zu, dass ihr jemand fehlt: ihr großer Bruder, der weiterhin bei der Mutter lebt. "Ihn vermisse ich sehr!" Aber im nächsten Atemzug erklärt sie, dass er sie ja besuchen kommt, ihr über Whatsapp Fotos schickt, von sich erzählt. Nähe trotz Ferne. Gleich wird sie ihn wiedersehen, ihn und ihre Mutter, eine Woche lang.

München, Hauptbahnhof. Der Zug fährt ein, Lea strahlt. Sie fällt ihrer Mutter in die Arme, lange drücken sie sich. "Und, wie war's?", fragt ihre Mutter. Lea plappert munter drauf los, erzählt von den Mädchen, die mit ihr gefahren sind: "Die erste hieß Anna, die zweite weiß ich nicht mehr und die dritte Maren." So innig, wie Lea in Köln mit ihrem Vater ankam, so innig geht sie jetzt mit ihrer Mutter davon.


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