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Kindererziehung in den USA: Wer seine Kinder kurz allein lässt, kann ins Gefängnis kommen

Allein vom Spielplatz nach Hause laufen? Kurz zu Hause bleiben, während die Mutter Essen holt? Was für Kinder in Deutschland normal erscheint, kann in den USA Eltern ins Gefängnis bringen.

Zwei Jungen spielen unter einer Wasserfontäne auf einem Spielplatz in Brooklyn, New York.

Kinder unter zwölf Jahren alleine auf dem Spielplatz spielen lassen? Das kann Eltern in den USA ernsthafte Probleme einbringen

Mit dem Fahrrad um den Block fahren, allein den Hund ausführen oder einfach mal am Spielplatz vorbeischauen, um mit anderen zu bolzen? Für viele Kinder in den ist das kaum möglich. Ab Mittelschicht aufwärts setzen die Ängste der Eltern und auch ein strenger Kinderschutz dem kindlichen Freiheitsdrang enge Grenzen.

Vor wenigen Wochen machte der Fall einer Mutter Schlagzeilen, die in ihrem Urlaubsort in Delaware am frühen Abend Essen für die Familie kaufen wollte und ihre acht- und neunjährigen Sprösslinge kurz allein ließ. Als sie zurück ins Ferienhaus kam, wartete dort die Polizei. Die Mutter wurde festgenommen, wegen Kindesvernachlässigung angeklagt und erst gegen 500 US-Dollar Kaution wieder freigelassen. Ein Passant hatte die Kinder, die mit den Hunden der Familie kurz rausgegangen waren, allein gesehen und die Polizei gerufen.

Kinderschutz wird in den USA groß geschrieben

Ein krasser, aber kein Einzelfall. Kinder haben in den USA eine starke Lobby, und ihr Schutz ist hoch angesiedelt. So können Aktionen, die aus europäischer Sicht harmlos erscheinen, in den USA für Verantwortliche oder Eltern harsche rechtliche Konsequenzen bis hin zu längeren Gefängnisstrafen haben.

In vielen US-Bundesstaaten machen Eltern sich strafbar, wenn sie Kinder unter zwölf Jahren auch nur kurze Zeit allein zu Hause lassen. Ein Baby, das in der Kinderschale schlafend im bleibt, während man das Geschwisterkind flugs im Kindergarten ablädt? Keine gute Idee. Auch Kinder unter zwölf allein zur Schule oder für eine halbe Stunde auf den Spielplatz um die Ecke gehen zu lassen, kann Eltern handfeste Probleme einbringen und sofort das Jugendamt auf den Plan rufen.

Kindheit je nach sozialer Schicht

Aber das Thema hat, wie so vieles in den USA, unterschiedliche Facetten: Denn nicht überall sind Passanten so eifrig und Eltern so extrem behütend wie in wohlhabenderen Gegenden, wo es Norm ist Kinder fast rund um die Uhr zu beaufsichtigen und mit dem Auto von Termin zu Termin zu chauffieren.

Ein paar Blocks weiter schon kümmert es unter Umständen kaum jemanden, wenn Kinder allein unterwegs sind oder im Park spielen. Und am anderen Ende des Spektrums gibt es immer noch Hunderttausende Kinder, die unbemerkt von Nachbarn und Behörden unter Missbrauch und grober Vernachlässigung leiden.

Kinder gehen vom Spielplatz heim - Eltern angeklagt

Von letzterem kann bei Familie Meitiv aus Silver Spring, einem grünen, ruhigen Vorort von Washington DC, nicht die Rede sein. Doch auch die Meitivs wurden 2015 wegen Kindesvernachlässigung angeklagt, weil sie ihre damals sechs und zehn Jahre alten Kinder allein von einem knapp zwei Kilometer entfernten Spielplatz nach Hause gehen ließen. Gleich mehrfach griff die die Kinder auf. Bis der Gerichtsstreit zugunsten der Familie ausging, wurden die Meitivs immer wieder vom Kinderschutzdienst überwacht.

Dabei hatten Alexander und Danielle Meitiv ihre Kinder bewusst allein gehen lassen und den Heimweg auch eingeübt. Als Mitglieder der "Free Range Kids"-Bewegung wollen sie ihren Kindern mehr "Auslauf" und größere Freiheiten zugestehen. "Wir alle sind doch selbst sehr viel freier aufgewachsen früher", sagte Danielle Meitiv der Nachrichtenagentur DPA.

Sturm der Entrüstung, weil Neunjähriger U-Bahn fährt

Ins Leben gerufen wurde "Free Range Kids" von Lenore Skenazy aus New York City. Sie wurde 2008 schlagartig berühmt, als sie im Web dokumentierte, dass sie ihren neunjährigen Sohn in Manhattan allein U-Bahn fahren ließ - und sich einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt sah.

"Mir ist klar geworden, dass wir uns ständig um unsere Kinder sorgen, jede einzelne Sekunde an jedem einzelnen Tag", sagt Skenazy. "Amerikanische Eltern werden von Zwillingsängsten verfolgt: Dass ihre Kinder entführt und ermordet werden - oder dass sie es nicht nach Harvard schaffen." Auch Danielle Meitiv glaubt: "Dahinter steckt die Angst der Erwachsenen vor einer unsicheren, kaum planbaren Zukunft. Aber: Das hat absolut nichts mit der Sicherheit ihrer Kinder zu tun."

Mittelschicht sorgt sich um ihre Kinder

Ab Mittelschicht aufwärts sind diese Sorgen in der Tat weit verbreitet. Eine Studie der Universität Berkeley fragte jetzt, warum viele Eltern so riesige Angst davor haben, ihre Kinder allein zu lassen - obwohl laut Statistik langfristig immer weniger Verbrechen passieren. Die Antwort der Forscher: Weil es gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert wird. Diese soziale Norm der intensiven Kinderbehütung, inklusive der moralischen Empörung über Eltern, die ihr nicht folgen, sei relativ neu, erläutert Studienautorin Ashley Thomas.

In der repräsentativen Studie bewerteten mehr als 1300 Befragte unter anderem die Gefahr für ein achtjähriges Kind, das 45 Minuten mit Buch zum Schmökern und Eltern-Nummer auf dem Handy allein in einem Café wartete. Das Ergebnis: Die Risiken wurden deutlich höher eingeschätzt, wenn die Eltern das Kind bewusst zurückgelassen hatten, etwa um kurz etwas zu erledigen, als wenn dies unfreiwillig geschehen war. Interessanterweise war dabei die Empörung über abwesende Mütter noch größer als über Väter, die kurz fortgegangen waren.

Rabiate Erziehung: Südstaaten-Mutter macht kurzen Prozess mit den Smartphones ihrer Kinder
tkr/Andrea Barthélémy / DPA

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