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Mobbing in der Schule Norman Wolf wurde als Kind gemobbt: "Mit zwölf hatte ich meinen ersten Suizidgedanken"

links: Trauriges Kind sitzt auf dem Boden, rechts: Norman Wolf
Für Norman Wolf, Autor des Buchs "Wenn die Pause zur Hölle wird", war Mobbing eine der prägenden Erfahrungen seiner Schulzeit
© privat / stray_cat / Getty Images
In der Schule wurde Norman Wolf von seinen Klassenkameraden gemobbt, bis hin zu körperlicher Gewalt. Bis heute leidet der 28-Jährige unter den Folgen. In einem Buch beschreibt er seine Erfahrungen und will anderen Opfern helfen.

Das Erlebnis im Schullandheim hat sich Norman Wolf ins Gedächtnis eingebrannt. Es war ihm schwergefallen, auf der weiterführenden Schule Anschluss zu finden, Wolf war ein schüchternes, zurückhaltendes Kind. Auf der Klassenfahrt fasste er erstmals Hoffnung, Freunde finden zu können – mit den Jungs auf seinem Zimmer konnte er lachen, reden, ihnen erzählte er auch von dem Mädchen aus seiner Klasse, in das er verliebt war. Doch seine Schulkameraden nutzten sein Vertrauen aus: Nachts packten sie ihn und schleppten ihn zum Zimmer der Mädchen. "Ich habe mich noch nie im Leben so geschämt", erinnert sich Wolf im Gespräch mit NEON.

Solche und ähnliche Erfahrungen ziehen sich für Wolf, heute 28 Jahre alt, durch seine Schulzeit. Jahrelang litt er unter den Attacken einiger Mitschüler, der Rest schaute tatenlos zu. "Es ging bis zu körperlicher Gewalt", berichtet er: "Mir wurde ohne Anlass in der Pause die Nase blutig geschlagen." Über diese Erlebnisse hat Wolf jetzt ein Buch geschrieben: "Wenn die Pause zur Hölle wird". Darin schildert er seine eigenen Mobbingerfahrungen und will anderen Mobbingopfern Lösungswege aufzeigen.

Mobbing ist auf deutschen Schulhöfen Alltag

Mobbing ist weit verbreitet – im privaten Bereich, im Berufsleben, und eben in der Schule. Laut Pisa-Studie von 2017 ist jede:r sechste:r Schüler:in im Alter von 15 Jahren in Deutschland direkt von Mobbing in irgendeiner Form betroffen. In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung gaben sogar mehr als die Hälfte der Schüler:innen an, in der Schule Ausgrenzung, Hänseleien oder körperliche Gewalt zu erfahren. Ein Viertel fühlte sich an der Schule nicht mehr sicher.

Buchcover "Wenn die Pause zur Hölle wird" von Norman Wolf
Norman Wolf
"Wenn die Pause zur Hölle wird"

mvg Verlag
256 Seiten
14,99 Euro
© MVG Verlag

So ging es auch Norman Wolf. Der Schulalltag wurde für ihn zur Tortur. "Da war nur noch Angst", erinnert er sich. Seine Mitschüler hänselten ihn wegen seines Gewichts, seiner Kleidung, wegen der schwierigen familiären Situation. Doch einen wirklichen Grund für das Mobbing habe es nicht gegeben, meint Wolf. "Einmal haben sie im Kunstunterricht mein Bild kaputtgemacht, das ich über Wochen gemalt hatte. Da habe ich gefragt, warum sie das machen. Und die Antwort war einfach: Weil ich ich bin."

Mobbing-Opfer Vivien Bertrams

Norman Wolf: Vom Mobbing für das Leben geprägt

In seinem Buch berichtet Wolf offen und ehrlich über die traumatischen Erlebnisse aus seiner Schulzeit, um damit anderen Betroffenen Mut zu machen. Denn Mobbing, davon ist der 28-Jährige überzeugt, ist nie die Schuld des Opfers – auch wenn viele der Betroffenen das selbst glauben. Auch sein Selbstwertgefühl hatte stark unter den Angriffen der Klassenkameraden gelitten. Schon als Kind litt er unter ernsthaften psychischen Problemen: "Mit zwölf hatte ich meinen ersten Suizidgedanken. Ich habe mich im Badezimmerspiegel angeguckt und konnte mich nicht mehr ertragen."

Dass Erlebnisse aus Kindheit und Schulzeit oft für ein ganzes Leben prägen, ist bekannt. Mobbingopfer, die früh Erfahrungen mit Ablehnung, Ausgrenzung oder sogar Gewalt machen, leiden darunter auch noch als Erwachsene. Auch Norman Wolf gelingt es nicht, dieses Trauma hinter sich zu lassen. "Ich habe Probleme mit dem Selbstwertgefühl. Ich kann mir schwer zugestehen, dass ich etwas gut gemacht habe. Wenn ich Zeit mit Freunden verbringe, gehen mir Gedanken durch den Kopf wie: Sind die gerne mit mir zusammen oder nur aus Mitleid?", gesteht er im Gespräch mit NEON. "Wenn du jahrelang gesagt bekommst, wie schlecht, wertlos und unwichtig du bist, dann brennt sich das ein. Teilweise habe ich noch Albträume von damals. Es ist eine Lebensaufgabe, damit abzuschließen."

Empirische Untersuchungen zeigen die Folgen von Mobbing im Leben der Opfer. So können sich Mobbingopfer in der Schule nicht mehr aufs Lernen konzentrieren, sie neigen eher zu Alkoholmissbrauch oder verletzen sich selbst – bis hin zum Selbstmord. Sogar einige Amokläufe werden mit Mobbing in der Schule in Verbindung gebracht.

Erwachsene müssen das Problem ernstnehmen

Für Norman Wolf verbesserte sich die Situation nach einigen Jahren. Als Erwachsener hat er sich intensiv mit dem Thema beschäftigt: Er studierte zunächst Psychologie und arbeitet jetzt als psychosozialer Berater. Auf Twitter schreibt er zu Themen aus dem Bereich Mental Health, dort folgen ihm mehr als 60.000 Menschen. Für sein Buch hat sich Wolf nicht nur mit seinen eigenen Mobbingerfahrungen auseinandergesetzt, sondern lässt auch Experten und andere Betroffene zu Wort kommen. Opfern rät er, sich jemandem anzuvertrauen, sei es Eltern, Freunden oder Lehrkräften – "einfach, um dieses unsichtbare Biest, das man auf den Schultern trägt, mal abzulegen". 

Vor allem die erwachsenen Vertrauenspersonen müssten dann aber auch richtig reagieren, fordert Wolf: "Wenn man dem Kind dann sagt: 'Das müsst ihr unter euch klären', oder: 'So sind Kinder nun mal', dann heißt das einfach nur: 'Das ist dein Problem und ich habe dafür keine Zeit." Ihm selbst wurde in seiner Schulzeit von seinem Lehrer gesagt, er solle "nicht übertreiben".

Oft sind auch die Täter Opfer

Doch zum Mobbing gehören die Täter ebenso wie die Opfer. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass es den meisten Mobbern vor allem darum geht, Macht über andere auszuüben und von ihren Mitschülern Anerkennung zu bekommen. Ihre eigene Stärke definieren sie meist über die Schwäche der anderen. Doch in vielen Fällen sind auch die Täter nur Opfer: Viele von ihnen kommen aus Familien, in denen sie Gewalt als ein normales Mittel im zwischenmenschlichen Umgang kennengelernt haben. 

Norman Wolf ist den Mobbern aus seiner Schulzeit nie wieder begegnet. Doch nach der Veröffentlichung seines Buches meldeten sich mehrere seiner ehemaligen Mitschüler bei ihm – Jugendliche, die damals nur zugeschaut und ihm nicht geholfen hatten. Sie wollten wissen, ob sie mit den Berichten im Buch gemeint waren. "Einer hat mir geschrieben, dass er kurz davor ist, eine Familie zu gründen. Und es tut ihm wahnsinnig leid, wenn er irgendwas getan hat, was mich verletzt hat. Er will nicht, dass seine Kinder mit so etwas aufwachsen. Das hat mich sehr berührt."

Quellen: Pisa-Studie / Bertelsmann-Stiftung / Bundeszentrale für politische Bildung

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Für Kinder und Jugendliche steht auch die Nummer gegen Kummer von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr zur Verfügung - die Nummer lautet 116 111.

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