VG-Wort Pixel

Studie Von Lehrkräften in der Klasse diskriminiert – Mehrheit der Sinti und Roma sind weiterhin benachteiligt an Schulen

Die Schule sollte für Kinder eigentlich ein sicherer Ort sein – für viele Kinder der Sinti und Roma ist es das nicht
Die Schule sollte für Kinder eigentlich ein sicherer Ort sein – für viele Kinder der Sinti und Roma ist es das nicht
© Pavel Lisitsyn / Picture Alliance
Eine Befragung von mehr als 600 Sinti und Roma zeigt, Minderheiten werden in Deutschland immer noch diskriminiert. Auch das Bildungssystem trägt wesentlich dazu bei.

Etwa 40 Prozent der Befragten in der RomnoKher-Studie 2021 gaben an, dass ihre Kinder Diskriminierung erlebt haben. Mehr als die Hälfte dieser Kinder haben im Zuge dessen Gewalt erfahren. Ein Drittel wurde von Lehrkräften niedergemacht. Beleidigungen und andere verbale Attacken, Handgreiflichkeiten und Ausgrenzung sind Erfahrungen, die Sinti und Roma seit der NS-Zeit erlitten haben und immer noch erleiden müssen. "Die durch den Holocaust zerstörte Teilhabe der nationalen Minderheit ist nie aufgearbeitet und gezielt wiederhergestellt worden", äußert Daniel Strauß, Vorsitzender des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg, bei der digitalen Präsentation der Ergebnisse der Studie.

Zwei Drittel der Befragten fühlen sich im heutigen Leben wegen ihrer Zugehörigkeit diskriminiert. Rassistische Vorurteile sind bis heute in Deutschland weit verbreitet. Selbst in der Sprache findet eine Diskriminierung statt: Der Begriff "Antiziganismus", der die spezielle Form des Rassismus gegenüber Sinti und Roma beschreibt, ist umstritten. Er beinhaltet, die abwertende Fremdbezeichnung "Zigeuner".   

Hoffnungsfunken in Sicht

Für die RomnoKher-Studie 2021 wurden mehr als 600 Interviews mit einheimischen und zugewanderten Sinti und Roma geführt. Dabei wurden bis zu 100 Fragen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen gestellt. Abgedeckt waren die Familien- und Bildungssituation, Erfahrungen mit Diskriminierungen und Traumatisierungen sowie weitere Faktoren wie beispielsweise die Beschäftigung.

Trotz des Antiziganismus in Deutschland scheint es einen Hoffnungsschimmer zu geben: Beim Bildungsaspekt ergaben sich im Vergleich der Altersgruppen sichtbare, positive Veränderungen. Mehr als 50 Prozent der über 50-jährigen Sinti und Roma und knapp ein Drittel der 30–50-Jährigen verließen die Schule ohne Abschluss. In der jüngeren Generation sind es jedoch nur noch 15 Prozent.

Das gleiche Bild bietet die Betrachtung der Abiturabschlüsse bei Minderheiten. Nur etwa zwei Prozent der über 50-Jährigen, haben ihr Abitur absolviert. Unter den 30–50-Jährigen sind es immerhin zehn Prozent und unter 30 schon knapp 15 Prozent. Sichtbar ist demnach trotz Diskriminierungen ein Anstieg des Bildungsgrades in den jüngeren Generationen. 

stern-Reporter Tilman Gerwien reist mit Bundesentwicklungsminister Gerd Müller nach Bangladesch

Weit schlechter als der Durchschnitt

Der Schein trügt: Für die nationalen Minderheiten allein sehen die Bildungswerte vielversprechend aus, im Vergleich zur deutschen Gesamtbevölkerung jedoch, sind die Werte schlecht. In Deutschland haben fünf Prozent der Menschen keinen Schulabschluss. Bei den Sinti und Roma lag der Wert in den besten Altersklassen schon dreimal so hoch. Fünfzehn Prozent der jüngeren Sinti und Roma haben Abitur. Für ganz Deutschland liegt dieser Wert bei 40 Prozent.

"Das ist eine Vererbung von sozialer Benachteiligung und Bildungsbenachteiligung aus der Familiensituation heraus unter den Bedingungen eines Bildungssystems, das es eben nicht schafft, soziale Gerechtigkeit herzustellen", sagt Albert Scherr, Soziologe der Pädagogischen Hochschule Freiburg und einer der Co-Autoren der Studie, bei der Online-Präsentation. Strauß bemängelt zusätzlich die fehlenden Förderungsmaßnahmen des Bundes. Es ginge um explizite Förderung, nicht um exklusive. Das zeigten auch die Förderungsangebote einiger Selbstorganisationen der Sinti und Roma, die gezielt an den Problemstellen ansetzten und gute Ergebnisse erzielten. 80 Prozent der Befragten selbst halten solche Maßnahmen im Bildungsbereich für notwendig.

Die Experten hinter der Studie erhoffen sich nun, dass die Politik auf die Bedürfnisse der Sinti und Roma eingeht. Strategien wurden bisher mit dem Argument abgelehnt, es stünden keine Daten zur Lage der Sinti und Roma zur Verfügung. Man erhofft sich nun, dass sich die Situation ändern. Scherr schlägt vor: "Es bräuchte eine Strategie, das heißt ein langfristig angelegtes Programm, mit einem Zeitraum von zehn Jahren." Dauerhafte Förderung und Unterstützung soll hier langfristige Erfolge bringen.

Hier geht es zur RomnoKher-Studie.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker