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Tschechien Roma-Angehöriger stirbt bei gewaltsamem Polizeieinsatz – keine Ermittlungen

Ein Mann hält ein Pappschild hoch, auf dem Roma Lives Matter Too steht
In Berlin trafen sich Demonstrierende am Freitag vor der tschechischen Botschaft zu einer Gedenkkundgebung für den Verstorbenen
© Sean Gallup/Getty Images
Am 19. Juni starb ein 46-jähriger Rom nach einem Polizeieinsatz in Teplice. Ein Video zeigt, wie ein Polizist minutenlang sein Knie ins Genick des Mannes drückt. Dennoch wird nicht gegen die Beamten ermittelt. 

Mit nacktem Oberkörper und nur in Jeans bekleidet liegt der Mann auf dem Bürgersteig. Auf ihm knien zwei, kurzzeitig drei Polizeibeamte. Einer davon drückt sein Knie ins Genick des schreienden Festgenommenen. Erst windet sich dieser unter den Polizisten, am Ende der Aufnahme liegt er nur noch still und regungslos auf dem Asphalt. Das knapp sechsminütige Video soll am 19. Juni im tschechischen Teplice aufgenommen worden sein und die Festnahme eines Roma-Angehörigen zeigen. Der 46-jährige Mann starb kurze Zeit später auf dem Weg ins Krankenhaus. 

Vertretungsorganisationen für Angehörige der Sinti und Roma verurteilen den Einsatz und vergleichen die Festnahmemethode mit jener aus dem Todesvideo von George Floyd im Mai 2020. In mehreren Städten gedachten Menschen dem Verstorbenen und protestierten gegen Polizeigewalt, unter anderem am Freitag in Berlin. Selbst der Europarat schaltete sich am Mittwoch ein und forderte eine schnelle und unabhängige Untersuchung des Falles. Die Aufnahmen seien alarmierend, hieß es aus dem Generalsekretariat. Doch die Polizei und selbst der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš rechtfertigen den Einsatz. 

Tschechien: Roma-Angehöriger stirbt bei gewaltsamem Polizeieinsatz – keine Ermittlungen

"Wenn jemand Autos zerstört, aggressiv ist und sogar einen Beamten beißt, kann die Person nicht erwarten, dass sie mit Handschuhen angefasst wird", schrieb Babiš am Mittwoch auf seiner Facebook-Seite. Eine Autopsie habe ergeben, dass der Mann nicht infolge der Festnahmemethode gestorben sei. "Es ist traurig", so Babiš, "aber ein normaler, anständiger Mensch kann kaum in eine solche Situation geraten.” 

Polizei: Kein Zusammenhang zwischen Tod und Einsatz 

Zuvor hatte die Polizei bereits in einer eigenen Erklärung geschrieben, dass im Körper des Verstorbenen Amphetamin-Rückstände und Veränderungen der Herzkranzgefäße entdeckt worden waren. Einen Zusammenhang zwischen dem Tod des Mannes und dem Einsatz schloss die Behörde in dem Schreiben aus. Die Beamten seien gegen 15 Uhr gerufen worden, weil zwei Männer Autos beschädigt und sich gegenseitig verprügelt hätten. Als die Patrouille eingetroffen sei, habe einer der beiden bereits ohne Hemd und verletzt auf dem Boden gelegen. Danach habe er sich den Polizisten gegenüber aggressiv verhalten. 

In dem Video der Festnahme sind jene Szenen nicht zu sehen. Die Aufnahme beginnt dort, wo die drei Polizisten den am Boden liegenden Mann fixieren. Während dieser sich am Anfang noch heftig wehrt und versucht, die Polizisten zu treten, liegt er am Ende auf dem Bauch und mit dem Gesicht auf dem Asphalt. Es ist nicht ersichtlich, ob der Festgenommene zu dem Zeitpunkt noch bei Bewusstsein ist. Klar ist aber: Der Polizist kniet auch dann noch auf dem Genick des Mannes, als dieser schon längst keine Regung mehr zeigt. 

Organisationen wie der deutsche Zentralrat der Sinti und Roma kritisieren das Vorgehen der Polizei in dem Clip als ungerechtfertigt gewaltsam. Es sei "menschenverachtend" und "in seiner Abscheulichkeit und Brutalität nicht zu fassen", so der Vorsitzende des Zentralrats, Romani Rose. 

Vorerst keine Ermittlungen gegen die Polizisten

Derweil stellte sich die tschechische Innenrevisionsbehörde GIBS hinter die am Einsatz beteiligten Polizisten. Am Donnerstag teilte die Behörde mit, dass vorerst nicht gegen sie ermittelt werde: Man sehe nach Auswertung der Dokumente und des Bildmaterials keinen Strafbestand im Handeln der Polizeibeamten. 

Der Zentralrat der Sinti und Roma fordert weiterhin Aufklärung: Romani Rose plädierte in einem Schreiben an den tschechischen Innenminister Jan Hamáček für den Einsatz einer unabhängigen Untersuchungskommission durch die tschechische Regierung. Es dürfe nicht sein, dass "ein Jahr nach dem Tod von George Floyd Minderheitenangehörige noch immer polizeilicher Willkür schutzlos ausgeliefert sind", so Rose in einem weiteren Statement. 

In Tschechien leben Schätzungen zufolge 250.000 bis 300.000 Angehörige der Roma. Sie erfahren europaweit Diskriminierung und soziale Ausgrenzung. 

Verwendete Quellen: Zentralrat der Sinti und Roma / Statement GIBS / Statement Polizei / Facebook: Andrej Babiš / mit dpa


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