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Vater in der Elternzeit: Zwei Monate war ich ein Held – vom Spielplatz bis in den Supermarkt

Dass es so krass wird, hätte stern-Redakteur Patrick Rösing niemals gedacht: Egal, wo er den Kinderwagen hinschob, wurde er angestrahlt. Nur weil er Vater ist und Zeit mit seinem Kind verbringt. Die Erlebnisse seiner Frau sind anders.

Vater spielt mit Baby

Auch wenn es sich hier nicht um unseren Autoren handelt, konnte er sich mit dieser Abbildung gut identifizieren

"Mensch, finde ich ja klasse, dass Sie das machen!" Keinen Satz habe ich in meiner Elternzeit öfter gehört, wenn ich gemeinsam mit meiner Tochter vor die Wohnungstür trat. Von Kassierern, Sprechstundenhilfen, Müttern auf dem Spielplatz oder wildfremden Menschen auf der Straße. Doch wenn mir all die Zuneigung zunächst noch schmeichelte, machte sie mich später auch stutzig: Was genau ist eigentlich so "klasse" daran, dass ich mich um mein zehn Monate altes Kind kümmere? Warum wundert es meine Mitmenschen? Sehe ich etwa aus wie jemand, der sich eigentlich vor der Verantwortung drückt? Oder traut man mir das am Ende nicht zu?

Da mir Freunde in vergleichbaren Lebenslagen ähnliches berichteten, merkte ich jedoch schnell, dass es eigentlich nicht um mich ging. Vielmehr scheint es so zu sein: Wenn ein Vater mit dem Nachwuchs durch die Stadt paradiert, fliegen ihm die Herzen zu. Türen werden aufgehalten, helfende Hände sind bei jeder Gelegenheit zur Stelle. Alte Frauen bieten dir ihren Platz in der U-Bahn an oder lassen dich in der Supermarktschlange vor. Hab ich selbst erlebt.

Mütter dagegen haben's schwer

Die Alltagserfahrungen meiner Frau hingegen sehen anders aus. Sie wird an der Kasse emotionslos abgefertigt, macht sich Türen selbst auf und hievt den Kinderwagen allein in den Bus. Das Augenrollen der anderen Fahrgäste nimmt sie schon gar nicht mehr wahr. Und beim Alsterspaziergang kassierte sie bereits den ein oder anderen Rempler von genervten Joggern, die ihr im Vorbeirennen noch ein genervtes "Aus dem Weg, Mutti!" ins Ohr zischten.

Warum das so ist? Ganz einfach: Väter mit Kind sind im Alltag Exoten. Obwohl der Gesetzgeber alle Möglichkeiten geschaffen hat, damit es anders läuft, stecken vor allem Mütter beruflich zurück, wenn es um die Kindesbetreuung geht. Noch immer – und überall. Selbst in einer vermeintlich modernen Metropole wie Hamburg, wo ich mit meiner Familie lebe. Nicht nur, dass laut Statistischem Bundesamt rund dreimal so viele Frauen wie Männer überhaupt Elternzeit nehmen: Mit 88 Prozent steigt der Großteil der Frauen für zwölf Monate aus, die Herren der Schöpfung nehmen – wenn überhaupt – zumeist eine zweimonatige Auszeit (78 Prozent). Diese Zahlen sind weder neu noch überraschend. "Vätermonate" ist mittlerweile ein gängiger Begriff im Volksmund, wenn es um die acht Wochen Elternzeit geht, die es noch obendrauf gibt, wenn beide Elternteile in Karenz gehen.

Sie zwölf, ich zwei

Gerecht ist das nicht. Immerhin trifft man die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, gemeinsam. Da sollte man sich auch Verantwortung und Arbeit fair teilen. Aber, bevor ein falscher Eindruck entsteht: Ich habe da keine lobenswerte Ausnahme gebildet. Wir haben das Spiel exakt so durchgezogen: sie zwölf, ich zwei. Standard. Darüber hinaus musste ich mich nicht einmal allein um unsere Tochter kümmern, weil sich unsere Auszeiten überschnitten haben. Meine Frau stand immer als Backup bereit, wenn ich bei der töchterlichen Erziehung ins Schlingern geriet. Und das war, ehrlich gesagt, weitaus öfter der Fall, als ich vorher gedacht hätte.

Das Lob der Mitmenschen ist mir weiterhin sicher, wenn ich mich mit meiner Tochter in die Öffentlichkeit begebe. Zugegeben: Klammheimlich freue ich mich oft drüber. Aber ich bin mir im Klaren darüber, dass ich beim Wickeln, Füttern oder Einkaufen nur etwas völlig Selbstverständliches mache: meinen Job als Vater. 

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