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Bayern-Reihe – Corona-Tagebuch

Bei Herrmanns dahoam: Ostern, vier Feiertage – welche Prüfung kommt denn noch??

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" derzeit so zugeht. Voller guter Vorsätze beginnen die Feiertage – und enden ... in der Realität.

Grillfleisch in allen Variationen

Grillen an Karfreitag? Fleisch? In Bayern ein Fall für den Exorzisten.

Getty Images

Es ist Karfreitag. Das Wetter ist super und wir liegen um elf Uhr in der Sonne. Um zwölf schmeißen wir den Grill an. Für Sie ist das jetzt vielleicht nichts Besonderes, aber in einem höchst katholischen Dorf mitten im urigsten Oberbayern gleicht das einem Affront – ähnlich dem, wie wenn man in England die Queen bespuckt. Am Karfreitag darf man kein Fleisch essen. Wir haben's trotzdem durchgezogen. Aus Prinzip!

Claudia Herrmann mit Katze

Claudia Herrmann über sich: "Die Kinder sind aus dem Haus und ich bin vor der Menopause. Ich glaub, das ist die beste Zeit meines Lebens! Ich muss nur aufpassen, das ich jetzt nicht zur crazy cat lady mutiere."

"Ich glaub, jetzt schicken's uns gleich an Exorzisten vorbei!", warne ich meinem Mann. Aber der dreht vergnügt das Fleisch um und antwortet: "Mia doch wurscht! Is übrigens gleich fertig. Magst du Pute oder Steak? Bratwurst is a fertig!" Die ganze Nachbarschaft hat uns alarmiert über den Zaun betrachtet. Aber interessanterweise hat sich niemand getraut, etwas zu sagen. 

Kein Fernsehen??

Später schlage ich meinem Mann vor, dass wir doch heute mal den Fernseher aus lassen könnten. "Wie, keinen Fernseher heute?", frägt er mich erstaunt und verschluckt sich fast an seinem letzten Stück Fleisch. Hust. Ich muss erwähnen, dass mein Mann seit der Corona-Krise seriensüchtig ist, deswegen ist das ein großer Einschnitt in unseren Alltag.

"Ja, wir könnten doch heute mal was anderes machen!", schlage ich vor. 
"Aha, und was genau??" Er ist eher skeptisch.
"Wir könnten doch mal spazieren gehen!"
"Aha." Lustlos dreht er die Wurst um. 
"Oder was spielen! Wir haben doch noch das Schach! Und das Trivial Pursuit!"
"Aha." Begeistert klingt anders.

Ein kurzes Terrassentreffen – von wegen

Wir haben vier Feiertage vor uns und mir ist jetzt schon so langweilig. Gestern hab ich meinen Vater besucht, weil ich ein ultra schlechtes Gewissen hatte. Ist ja voll blöd, dass die ganzen Opas und Omas jetzt so isoliert sind. Also hab ich schnell einen Kuchen gebacken und beim Vater angerufen. 

"Du, ich würd dich gern besuchen und wäre so in zehn Minuten da. Sollen wir uns auf der Terrasse treffen? "
"Ok", antwortet mein Dad.  
"Wir halten aber den Sicherheitsabstand ein, gell?", schieße ich schnell hinterher, aber da hat er schon aufgelegt. Mein Dad ist da eher pragmatisch. Da finden auch Whatsapp-Miteilungen heute noch im Telegrammstil statt: "Einladung – Geburtstag – Mittwoch 18 Uhr." Als ob jedes Wort extra kosten würde.

Videochat, IMMER!

Wohingegen er Videoanrufe extreeem super findet. Seitdem er verstanden hat, wie das geht, ruft er gar nicht mehr normal an. Nur noch per Live-Bild. 
"Papa! Ich mach grad Feuchtigkeitsmaske!"
"Passt scho!"
"Nein. Passt echt grad gar nicht!"

Na ja, auf jeden Fall stand ich dann zehn Minuten mit Mundschutz auf der Terrasse, bis er auch Zeit hatte. Dad entriegelt die Terrassentür mit den Worten: "Ich zieh mir nur schnell eine andere Hose an." Ich weiß nicht, wie das bei anderen alten Menschen ist, aber bei meinem Vater ist der Begriff "nur schnell" sehr, sehr dehnbar. Zehn Minuten später taucht er (im bequemen Hoserl) wieder auf und erklärt an der Terrassentür, dass er sich nur noch schnell einen Kaffee macht. Ich verweise auf die Dehnbarkeit des Begriffes "nur noch schnell".

Jetzt vielleicht?

Nachdem ich 30 Minuten mit Mundschutz auf der Terrasse gewartet habe und komplett durchgefroren bin, hat mein Vater endlich Zeit für mich.
"Und? Wie geht's da? Ois fit? Bist gsund? Alles guad?", frage ich – motiviert und mit einem strahlendem Lächeln.
"Immer gleich!", antwortet mein Dad und mir wird klar, dass die nachfolgende Gesprächsfindung schwierig werden könnte. Er tut mir so leid, dass ich ihm am Schluss rate: "Die Kinder haben dir doch Netflix eingerichtet. Schau doch mal 'Breaking Bad'!" Mein Vater ist verwitwet – tut also keinem weh.

Die fünf Katzen erkunden das menschenleere Aquarium

Dahoam isses auch nich' besser

Später spiele ich mit meinem Mann Schach und verliere nach zehn Minuten. Wer verliert beim Schach nach zehn Minuten??
"Okay, lass uns Trivial Pursuit spielen!" Ehrlich gesagt bin ich sehr davon überzeugt, dass ich mehr Allgemeinwissen hab als mein Mann. Nachdem er mich zweimal haushoch geschlagen hat, hab' ich keinen Bock mehr.
"Kann ich jetzt meine Serie sehen?", frägt er. "Oder gilt das Fernsehverbot immer noch? Wir können auch noch a Runde spielen!"
"Naaaaa, schau ruhig!", ich bin deprimiert. Er schwingt sich erfreut aufs Sofa und ich habe den Eindruck, dass er froh ist, dass er mich los ist. Währenddessen erreicht mich ein Video-Anruf vom Vater. 
"'Breaking Bad' ist ja der Hammer!", strahlt er mich durchs Telefon an.
"Wenn du happy bist, bin ich auch happy!", strahle ich zurück.

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