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Interview

Karriere-Expertin Uta Glaubitz: Berufswechsel? "Schnell entscheiden, dann loslegen!"

Augen auf bei der Berufswahl! Ein lockerer Spruch mit ernstem Kern. Mit einem falschen Job können wir unter Umständen ein Großteil unseres Lebens verderben. Berufsfinderin Uta Glaubitz erzählt im stern-Interview, wie selbst ein extremer Neuanfang gelingen kann.

Ein junge Frau vor einer Tafel mit der Aufschrift Job. Rechts oben Berufswahl-Expertin Uta Glaubitz

Welcher Job ist der Richtige für mich? Berufswahl-Expertin Uta Glaubitz weiß Rat.

Wir haben ein einziges Leben – kosten wir es richtig aus? Die Berliner Berufsfinderin Uta Glaubitz ist Expertin für den Neuanfang und bringt ihre Kunden zu erstaunlichen Wendungen des Lebens: Eine Krankenschwester wurde Kapitänin, ein Marketing Manager ist heute DJ. Ein Gespräch über Hindernisse und Chancen bei der Suche nach dem Glück.

Warum, Frau Glaubitz, sind so viele Menschen unglücklich mit ihrem Beruf?
Uta Glaubitz: Viele landen in einem Job, weil die Eltern bestimmte Erwartungen hatten. Andere schliddern einfach irgendwo rein. Wer sich nicht bewusst für seinen Beruf entschieden hat, läuft ein hohes Risiko, irgendwann zu zweifeln.

Gibt es besonders unglückliche Berufsgruppen?
Bei mir sitzen vor allem Leute zwischen 30 und 45, ganz normale Büroinsassen, die BWL studiert oder eine kaufmännische Ausbildung gemacht haben. Sie tragen klingende Titel, heißen head of irgendwas oder chief project manager, dabei pflegen sie tagaus, tagein Excel-Tabellen. Wie glücklich kann das wohl machen?!

Warum verharren so viele Menschen trotzdem in ihrem Job?
Von Nietzsche stammt der Satz: Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel. Manche Menschen leiden seit acht Jahren in ihrem Beruf, aber wenn sie entscheiden, dass sie lieber Arzt oder Kapitän wären, dann geben Sie nach 2 Stunden Suchen im Internet auf.

Woran liegt das?
Man muss bereit sein, Verantwortung für die getroffene Entscheidung zu übernehmen. Vielen aber macht Verantwortung Angst. Sie finden Ausreden: Der Job ist zwar langweilig, aber dafür sammele ich viele Meilen auf meinem miles-and-more-Konto. Als machten Meilen glücklich! Die größte Beschränkung haben die Leute selbst.

Wie kann man das ändern?
Man muss seine innere Schwerkraft überwinden und seine Angst akzeptieren. Alle Menschen haben Angst vor Neuem. Manche aber laufen trotzdem los. Sie akzeptieren die Zweifel als Bestandteil des Prozesses. Man muss versuchen, mit der Angst rational umzugehen und sich vor zu Augen führen, was schief gehen kann. Das ist in der Realität meistens weniger als gedacht.

Nun ja...
Klar, wenn man neu anfängt, stellt man sich ganz hinten an. Man zahlt einen Preis.

Raten Sie ab, wenn der Preis zu hoch sein könnte?
Ja. Wenn jemand Alleinverdiener einer fünfköpfigen Familie ist, sich gerade einen Bauernhof gekauft hat und behauptet, er wolle sich verändern, sage ich: Nein, das glaube ich nicht. Seine Entscheidungen vermitteln Statik – nicht Veränderung.

Aber wenn er sich trotzdem danach sehnt?
Jede Entscheidung für etwas ist auch die Entscheidung gegen etwas. Wenn ich eine Familie ernähren und einen Kredit abbezahlen muss, fehlt mir schlicht die finanzielle Grundlage zur Veränderung. Die kostet nun mal.

Wie viel?
Das kann man pauschal nicht beantworten. Man muss dafür nicht reich sein. Ein kleines Polster auf der Bank hilft aber ungemein. Ich kenne Leute, die haben für den Umstieg ihre Eigentumswohnung verkauft und sind in eine Wohngemeinschaft gezogen.

Das klingt nach hartem Weg.
Eine berufliche Veränderung ist superhart. Man sollte sich klar machen, dass es bei aller Selbstverwirklichung um eine existentielle Frage geht: Wie verdiene ich meinen Lebensunterhalt? Die Betonung bei "Traumberuf" liegt auf "Beruf" – nicht auf "Traum"! Wenn ich einen reichen Ehemann habe, kann ich Yoga-Lehrerin werden. Wenn nicht, brauche ich ein Auskommen, um die Miete zu bezahlen.

Also kein Yoga?
Wenn Sie mehr als 200 Euro im Monat zum Leben brauchen – Nein! Inzwischen gibt es eine Unmenge Umsteiger-Angebote, die nur dazu da sind, an den Umsteigern Geld zu verdienen. Reine Ausbildungsmärkte, die niemanden zum Ziel führen.

An welche denken Sie da?
NLP-Seminare, Glücks-Coaching, Ernährungsberatung oder Mediationsausbildungen ... Echte Berufe werden daraus so gut wie nie.

Wonach entscheiden Sie bei Ihren Kunden, ob eine Idee realistisch ist?
Wenn einer mit 38 Polizist werden will, erkläre ich ihm, dass die Polizei eine Altersgrenze von allerspätestens 36 hat – das ist also sinnlos. Wenn mich einer fragt: Bin ich mit 35 zu alt für Medizin?, sage ich: Nein, warum sollten Sie?

Wie aber finde ich heraus, in welche Richtung ich mich verändern will?
Ich rate davon ab, diese beliebten Pro-und-Contra-Listen anzulegen. Die pflegt man jahrelang, ohne auch nur einen Schritt voran zu kommen. Viele wollen sich auch erst einmal eine Auszeit zur Orientierung nehmen. Ich finde: Schnell entscheiden, dann loslegen. Also nicht ein Jahr auf Reisen gehen und überlegen, ob man Koch werden will, sondern beschließen: Ich werde Koch – und organisiere mir ein Praktikum in Dubai. Und dann eins in New York.

Sollte ich erst kündigen oder meinen Job behalten und am Feierabend die Veränderung versuchen?
Die meisten arbeiten so viel, da ist gar keine Zeit, noch irgendwas anzustoßen.

Also kündigen. Und dann?
Moment! Vor der Kündigung sollte man schon einen Plan haben. Mein Rat: Nimm dir ein Wochenende Zeit, fäll die Entscheidung, erstell einen Zeitplan: Wie lange ist die Kündigungsfrist? Wann beginnt das Semester oder die Ausbildung? Brauche ich ein Praktikum, muss ich probearbeiten oder meine Mathekenntnisse auffrischen? Je klarer die praktischen Fragen beantwortet sind, desto leichter fällt die Umsetzung.

Wie lange begleiten Sie dabei Ihre Kunden?
Ich sage jedem, der zu mir kommt: Wir setzen uns jetzt zusammen und gehen erst auseinander, wenn Sie die Entscheidung gefällt haben. Die Sitzungen dauern dann in der Regel zwischen drei und fünf Stunden. Danach kann jeder bis zum Ende seines Lebens anrufen und mailen. Ich therapiere nicht, ich begleite die Entscheidung und passe auf, dass da kein Murks bei rauskommt.

Welchen Satz hören Sie von Ihren Kunden am häufigsten?
Viele jammern: Ich weiß ja gar nicht, was ich werden will. Dann erkläre ich: In diesem Satz steckt eine Lüge. Es geht nicht um Wissen, denn es gibt bei der Frage des Berufs keine Wahrheit, sondern nur verschiedene Möglichkeiten, aus denen ich wähle. Ich glaube nicht an Vorsehung, ich glaube an Entscheidung. Und die Kraft des menschlichen Willens.

Und wenn ich losgelegt habe – woher weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin?
Sie sagen schon wieder „wissen“. Sie werden es nicht wissen, aber Sie werden es spüren. Sie werden die Zeichen erkennen, die Ihnen zeigen, ob Sie es packen. Und ob es sich lohnt. Diese Zeichen kommen aber nur, wenn Sie auf dem Weg sind – nicht auf dem Sofa.

Interview: Franziska Reich.



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