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Coming-out von Krzysztof Charamsa : Der Zölibat muss weg!

Mit Krzysztof Charamsa hat ein Priester aus dem Vatikan den Mut bewiesen, mit einem lauten Knall für sein nicht kirchenkonformes Leben geradezustehen. Das sollte seine Kollegen zu Konsequenzen veranlassen: die Abschaffung des Zölibats – auch für Schwule.

Ein Kommentar von Susanne Baller

Monsigniore Krzysztof Charamsa outete sich am 3. Oktober vor der Presse, sein Freund stand ihm bei

Monsigniore Krzysztof Charamsa outete sich am 3. Oktober vor der Presse, sein Freund stand ihm bei

Mit einem polnischen Priester scherte nicht nur ein Schäfchen aus der eng gefassten Moralwelt der katholischen Kirche aus, sondern ein Hirte. Ein Mann, der im Vatikan Mitarbeiter der Glaubenkongregation und Sekretär der Theologenkommission war sowie an zwei päpstlichen Universitäten lehrte. Monsignore Krzysztof Charamsa nutzte den Tag vor Beginn der Bischofssynode, um sich in der mailändischen Tageszeitung "Corriere della Sera", später vor der gesamten Weltpresse zu outen. Ein guter Zeitpunkt, wo gerade das Gremium, das den Papst bei der sogenannten Familienpastoral berät, beieinander ist. Ein sehr guter sogar, weil sie sich mit der Frage befasst, was Familie eigentlich ist. Und Ehe. Im Sinne des Evangeliums. Und Charamsa mal kurz zeigt, was Beziehung ist. Eine homosexuelle Beziehung, die im Evangelium keine sein darf. In der Realität aber schon. Da ist sie sogar Familie, schließlich leben immer mehr Paare offen ihre Homosexualität und werden auch Eltern.
Ideal wäre, wenn nun auch sie in der Agenda für die nächsten drei Wochen Platz fänden. Ebenso wie geschiedene und wiederverheiratete Paare. Als vollwertige Katholiken, für die es keine Sünde ist, zur Kommunion zu gehen. Da den beteiligten Bischöfen die Diskrepanz zwischen gesprochenem katholischen Wort und gelebter (Christen)-Realität bekannt ist, muss es einen anderen Grund geben für ihre Weltfremdheit.

Frisst eine Reform den Katholizismus?

Wenn es um die künftige Ausrichtung der Kirche geht, scheint Papst Franziskus aufgeschlossener als seine Berater, er will keine "Kirche mit verschlossenen Türen". Doch was heißt das konkret? Wohl kaum, dass er geschiedene, wiederverheiratete oder homosexuelle Paare in seinen Gemeinden akzeptiert. Denn so einfach ist das nicht für die katholische Kirche. Eine Reform könnte auch bedeuten, näher an die evangelische Kirche zu rücken. So nah vielleicht, dass sich die Frage stellt, warum die beiden christlichen Institutionen überhaupt noch getrennte Kirchen sind. Warum es überhaupt noch einen Papst gibt.

Die Gesetze der katholischen Kirche und das inzwischen von großen Teilen der westlichen Gesellschaft akzeptierte Familienleben in all seinen Varianten klaffen so weit auseinander, dass Charamsa nicht länger seine Augen, Ohren sowie sein Gewissen davor verschließen mochte. Darf man seinen Aussagen Glauben schenken, ist der Klerus "überwiegend homosexuell", aber eben "auch homophob". Der 43-jährige Charamsa hat sich von der bigotten Lebensweise der katholischen Geistlichen freigemacht. Er wird seine Koffer packen und bei seinem Freund in Barcelona leben. Er zog Konsequenzen, die für seine Kollegen unvorstellbar zu sein scheinen. Wäre der Widerstand gegen den Zölibat größer, das man inzwischen nicht mehr nur mit Ehe-, sondern mit Partnerlosigkeit übersetzen sollte, müssten Priester ihre Gefühle nicht länger verstecken. Müssten nicht offiziell als Neutrum leben – und parallel anderen Sündern die Beichte abnehmen. 

Was ist die "Realität der Familie"?

Die 270 an der Synode teilnehmenden Patriarchen, Kardinäle und Bischöfe kommen aus den verschiedensten Ländern und Gemeinden, in denen sehr unterschiedliche Moralvorstellungen herrschen. Auch wenn nach der katholischen Ethik für alle die gleichen Standards gelten, sieht die Realität nicht bei allen gleich aus. Im streng katholischen Polen herrschen andere Ressentiments als in Nordeuropa. Aus Afrika kommt der härteste Widerstand: Eine Annäherung an Homosexuelle und auch Wiederverheiratete werden von dort massiv blockiert – weil man große Probleme mit Polygamie hat.

Die einleitenden Fragen zur Synode: "Entspricht die Beschreibung der Realität der Familie, wie sie die Relatio Synodi vornimmt dem, was heute in Kirche und Gesellschaft festgestellt werden kann? Welche fehlenden Aspekte können ergänzt werden?" suggerieren Offenheit gegenüber einer veränderten Gesellschaft, doch inkludieren sie nichts, was gegen die Grundlagen des Katholizismus verstößt. Konkret geht es etwa auch um Fragen wie diese: "Was kann getan werden, um die gläubigen Familien zu unterstützen und zu stärken, die treu zum Ehebund stehen?" oder die, wie die Pastoral der Kirche auf die aus der säkularisierten Gesellschaft "folgende Zurückweisung des Familienmodells, der durch das Eheband verbundenen Familie aus Mann und Frau, die für die Zeugung offen ist" reagiert.

Mit anderen Worten geht die Synode mit dem Thema "Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute" der rückwärtsgewandten Idee nach "Wie kriegen wir die Abtrünnigen zurück?" und nicht einem zeitgemäßen Ansatz, der lautet könnte "Wie öffnen wir unsere Kirche so, dass wir nicht immer mehr Katholiken ausschließen?". Die Synode hat gerade erst begonnen. Vielleicht trauen sich ja noch mehr Priester, dem Zölibat den Stinkefinger zu zeigen. Das wäre ein Anfang.

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