leipzig Hörsaalbesetzung an der Uni Leipzig


Protest gegen Kapitalismus und Kürzungen

Protest gegen Kapitalismus und Kürzungen

Die Empfehlungen der »Sächsischen Hochschul-Entwicklungs-Kommission« (SHEK) sehen erhebliche Kürzungen in fast allen Bereichen vor. Die Leipziger Studenten protestierten mit einer Besetzung des Hörsaalgebäudes am 18. Januar 2001. Eine gute Idee, mit der dann aber kaum Kommilitonen angesprochen wurden.

»Hey, komm' rein, setz' Dich hin, hier ist ein Programm, und da drüben gibt¿s dann später Tee und Kaffee.« So zuvorkommend hat mich in zwei Jahren Studium in Leipzig glaube ich noch niemand in der Uni begrüßt. Aber heute ist ja auch alles anders. Heute besetzen die Studenten das Hörsaalgebäude.

Es ist sieben Uhr dreissig, seit einer halben Stunde bereitet eine Handvoll Leute die Besetzung des Hörsaalgebäudes vor. Tische und Stühle sind in Grüppchen zusammengeschoben, das Programm auf ein großes Transparent gepinselt und gut sichtbar aufgehängt. Und, am wichtigsten, die Treppen zu den Hörsälen blockiert. Nur wer eine Klausur schreibt, darf rein. Ein paar Plakate hängen schon: »Damit die Fabriken allen gehören, damit die Unis allen gehören: Kapitalismus abschaffen« steht über der einen Treppe und »Bildung für Menschen, nicht für Profite - Linksruck« über der anderen. Die Hauptorganisatoren sind - unschwer zu erkennen - die Mitglieder der linken Studentengruppe Leipzig (lsg). Mit großer Mühe bringen zwei Mädchen und ein Junge ein weiteres Plakat an: »Mc BSE und die Lebensmittelindustrie«. Was hat denn BSE mit den Uni-Kürzungen zu tun? Eins der Mädchen klärt mich auf. Sowohl BSE als auch die Uni-Kürzungen seien das Produkt »krass kapitalistischer Politik, wo es nur um die Profite geht und nicht um die wahren Bedürfnisse der Menschen«. So ist das also.

Während Rio Reiser aus dem Ghettoblaster »Macht kaputt, was euch kaputt macht!« singt, stellt sich Revolutionsromantik ein, und weil's so schön ist, sprüht eine spanische Austauschstudentin auch gleich noch »A las barricadas« auf ihr Transparent. Wir befinden uns auf einer von den Professoren gutgeheißenen, vom Rektorat genehmigten Besetzung des Hörsaalgebäudes. Um acht versammelt sich die erste Vorlesung an einer Säule, um von der Professorin die wichtigsten Informationen für die bevorstehende Klausur zu bekommen. Gut die Hälfte verlässt danach das Gebäude.

Nee, sagt ein Mädchen eine Stunde später zu ihrer Nachbarin, die Mensa und das Eck-Café sind schon total überfüllt, lass¿ uns lieber woanders hingehen.

Dabei soll doch jetzt, um neun, das Programm anfangen. Ein rothaariger Danny und ein blonder Ole lesen solidarische Grüße aus Berlin, Chemnitz, Freiburg und Dresden vor. Ein Student ist extra aus Hamburg angereist und darf deshalb auch was sagen: »Seit 1977 sind die Ausgaben im Unibereich nicht gestiegen, dabei hat sich die Studentenzahl verdoppelt!« Dieser Satz wird im weiteren Verlauf des Tages bei jeder Diskussion Mantra-artig wiederholt werden.

Und der Satz stimmt. Die Situation ist ernst. Werden die Empfehlungen der Sächsischen Hochschul-Entwicklungs-Kommission (SHEK) befolgt, kommen nur »wirtschaftsnahe« Studiengänge einigermaßen ungeschoren davon. Alle anderen Fakultäten (außer Medizin, Veterinärmedizin und Sportwissenschaft) müssen sich auf teils drastische Kürzungen gefasst machen. Da hilft es nichts, dass zum Beispiel das Fach Geschichte in Leipzig zu 133 Prozent ausgelastet ist. Die Kommission empfiehlt trotzdem die Streichung von zwei bis drei Professuren. An den anderen Fakultäten und Universitäten sieht es ähnlich aus. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Wegfall von rund 20 Prozent der Stellen in den kommenden acht Jahren schon beschlossene Sache ist. Protest ist absolut angebracht.

Heute ist Donnerstag, am vergangenen Dienstag hat die Vollversammlung - es kamen ungefähr 500 Leute - die Besetzung beschlossen. Ins Hörsaalgebäude sind heute - zur besten Zeit, großzügig geschätzt - 300 Studenten gekommen. Von über 25 000 Immatrikulierten.

Den schwarzen Peter für diesen langweiligen, lethargischen Protesttag kann man nicht nur den Organisatoren zuschieben. Die SHEK hat ihren Bericht rechtzeitig zur Prüfungszeit veröffentlicht. Für sorgfältig organisierte Demonstrationen fehlt die Zeit. Dass der endgültige SHEK-Bericht voraussichtlich während der Semesterferien in den Landtag kommen soll, ist sicherlich nach dem gleichen Kalkül beschlossen.

Indem die lsg bei dem für alle Studenten relevanten Thema »Hochschul-Kürzungen« statt konkreter politischer Forderungen nur allgemeine Kapitalismus-Kritik plakatiert gewinnt sie niemanden, der nicht schon ohnehin ihre Meinung teilt. Sie kämpft aber auch für Kommilitonen, die gleich nebenan im Seminargebäude sitzen und nach dem Nach-uns-die-Sintflut-Prinzip versuchen, vor den Kürzungen noch möglichst viel mitzunehmen. Das gilt nicht nur für Studenten. Wessen Stellen werden eigentlich gestrichen?

Ein Bündnis aller Hochschulgruppen, ungeachtet der politischen Fernziele, und gemeinsame Aktionen von Professoren und Studenten sind nicht Sicht. Dabei fehlt es den Studenten an Information und den Hochschulgruppen an einer breiten Basis. Die Initiatoren der SHEK wird¿s freuen. (ks)


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