HOME

muenster: Eine ganz normale Begegnung der dritten Art

Liebe 2000

Liebe 2000

Schon der Titel der Vorlesung hatte mich in seinen Bann gezogen. Ich wollte mein eigenes Liebesleben dem harten Urteil der Wissenschaft unterwerfen. Der prall gefüllte Hörsaal hatte für mich jedoch nur wenig mit meinen romantischen Fantasien und Wünschen zu tun. Vielleicht hat ja auch dieses noch Methode, hoffte ich in meinem unumstößlichen Optimismus und drängte mich durch die Reihen.

Einen freien Platz fand ich ziemlich weit hinten. »Wie im Kino«, schoss es mir durch den Kopf. Dort sitzen die Verliebten ja auch immer in der letzten Reihe. Neben mir saßen Heidrun (64 Jahre) und Erwin (71 Jahre). Überhaupt schien der Altersdurchschnitt im Saal ziemlich hoch. Keine Seltenheit, wie ich später feststellen musste.

Studium im Alter nennt sich die Einrichtung der Universität, die auch Heidrun und Erwin in den Hörsaal gelockt hatte. Seit 1986 hat sich das Seniorenstudium auch in Münster etabliert, quer durch alle Fachbereiche können die rüstigen Rentner ihren Interessen nachgehen und sich weiterbilden. Die Kinder aus dem Haus, das Arbeitsleben hinter sich - so lässt es sich frei und ungezwungen studieren. Während sich der gemeine Student an Klausuren, Referaten und dem Erwerb der Scheine die Zähne ausbeißt, bleiben die »Dritten« von ähnlichen Anforderungen verschont.

Hildegard Ladas und Ursula Levermann, beide Studentinnen im Alter, haben sich mit der Problematik des Zusammentreffens der Studentengenerationen in Münster beschäftigt. Ihren Befragungen nach meinen mehr als 70 Prozent der jungen Studenten, dass sie Lebensweisen, Sichtweisen und andere Wertvorstellungen der älteren Kommilitonen vermittelt bekommen.

Trotzdem entstehen beim Treffen der Generationen auch Konflikte. Fehlende Sachlichkeit, emotionale Reaktionen und die Belehrungen durch die Älteren seien nach der Studie die Hauptkritikpunkte der Jüngeren. 22 Prozent sehen ihren Studienerfolg durch die Studenten im Alter gar gefährdet. Dass so mancher Rentner ein wenig belehrend auf Kommilitonen wie Dozenten wirkt, darf aber eigentlich kaum verwundern. Der Student nebenan im Alter des Enkelkindes, der Professor vielleicht so alt wie der eigene Sohn - und dann soll man sich nicht mal zu Wort melden?

Übersehen wird bei dieser Betrachtung der Dinge, dass der Übergang vom normalen Studium zum Studium im Alter zum Teil fließend werden kann. Wer sich am Anfang ein wenig mehr Zeit lässt und das Ende ein wenig früher einläutet, der kann an der Uni ein wunderbar erfülltes Leben fristen. In 107 Semestern zur Glückseligkeit, sozusagen. Die Studie von Ladas und Levermann plädiert schließlich für mehr Sensibilität im Umgang miteinander und für den Ausbau des Kontaktes untereinander. Auch wenn die Zielsetzung der Studenten in Erstausbildung mit jener der Studenten im Alter nicht übereinstimme, solle die Freude am Lernen verbinden. Übrigens hat mich Heidrun schon nach der dritten Sitzung zum Kaffee eingeladen. Aber davon durfte Erwin nichts wissen.(mk)

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity