Pflege-Serie, Teil 3 Welches Heim für Oma?


Die Zahl der zugelassenen Pflegeheime steigt ständig. Kein Wunder: Neben den bisherigen Betreibern entdecken nun auch Großinvestoren das lukrative Geschäft. Aber wie findet man in diesem riesigen Angebot das passende Haus für seine Angehörigen? stern.de sagt, worauf es bei der Heimwahl ankommt.
Von Brigitte Zander

"Im Pflegeheim verdurstet" - "Wochenlang gefesselt" - "Ein Pfleger für 70 Patienten" - "Skandal: Heimchefin verhaftet". Solche Horrormeldungen über die stationäre Pflegebranche schocken seit Jahren die Bundesbürger. Die Missstände in den rund 9000 Heimen, die über 712.000 Pflegeversicherte versorgen, sind keine aufgebauschten Sensationsberichte, sondern statistisch belegt: Jeder Dritte bekommt nicht genügend zu essen und zu trinken.

Magensonde, weil zum Füttern keine Zeit bleibt

Jeder zehnte Heimpatient leidet sichtbar unter gravierenden Folgen von Pflegemängeln: Die hilflosen Senioren haben Druckgeschwüre, weil sie nicht richtig gebettet wurden, sind unterernährt, werden fixiert, gewindelt, per Magensode ernährt, weil zum Füttern keine Zeit ist, und mit viel zu vielen Psychopharmaka ruhig gestellt. Das stellte der Medizinische Dienst der Krankenkassen in seinem aktuellsten Prüfbericht 2007 fest.

"Ausgerechnet in einem der reichsten Länder der Welt sind alte Menschen derart unwürdigen, lebensbedrohenden Behandlungen ausgesetzt, weil angeblich das Geld nicht reicht, und skrupellosen Heimbetreibern der Profit wichtiger ist als Menschenwürde," empört sich Claus Fussek, der bekannteste deutsche Kritiker der "Pflegemafia".

Künftig gibt's Qualitätsberichte

Das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz PfWG versucht, die Misere zu mildern. Qualitätsberichte über die Heime müssen öffentlich gemacht werden. Pflegebedürftige bekommen gesetzlichen Anspruch auf Rehabilitation. Der Begriff der Pflegebedürftigkeit soll neu definiert werden und künftig auch Altersverwirrte einschließen; sie würden dann mehr Geld für ihre Heimunterbringung bekommen. Doch dieses Herzstück der Reform ist inzwischen auf das Jahresende verschoben. Überhaupt verwässern viel Soll- und Kann-Bestimmungen das angestrebte Ziel. Und Skeptiker wie Claus Fussek befürchten: "Pflegebedürftige haben nicht viel Zeit. Viele werden versterben, bevor bei uns etwas passiert."

Lesen Sie dann morgen im vierten und letzten Teil der Serie: "Es geht auch ohne Heim" - über den Boom alternativer Wohnformen für Senioren.

Umso wichtiger ist es, bei der Heimauswahl für seine Angehörigen zu wissen, worauf es ankommt: Was unterscheidet ein gutes Heim von einem schlechten? Das erfahren Sie in Teil 3 unserer Pflege-Serie.

Im nächsten - und letzten Teil der Serie lesen Sie morgen: "Oma allein zuhaus - neue Wohnformen für Senioren."

Heim-Suche

Die Zahl der zugelassenen Pflegeheime steigt ständig. Neben Kommunen, Wohlfahrtsverbänden und Privatleuten entdecken nun zunehmend Großinvestoren das lukrative Geschäft mit der Pflege. Wie findet man in diesem Angebot ein passendes, gutes Haus?

Beratung kommt erst später

Die Pflegestützpunkte, die auch in diesem Punkt beraten sollen, gibt es noch nicht. Die im PfWG verlangte Transparenz bei der Qualitätsprüfung lässt auch auf sich warten. Wer gutgläubig auf Heime von Wohlfahrtsorganisationen setzt, ist keinesfalls auf der sicheren Seite, wie die Skandale und Mängelbericht über die Häuser von Rot-Kreuz & Co beweisen. Auch ein hoher Preis garantiert keine gute Pflegequalität. Teure Heime pflegen nicht besser als günstige, belegen die Prüfungen des MDK.

Bis das PfWG greift, müssende Heimsuchende wie bisher auf das Insiderwissen von Hausärzten, Bekannten, Selbsthilfegruppen zurückgreifen, und selbst recherchieren. Dabei ist es wichtig, mehrere Heime zu besuchen, zu vergleichen, mit Heimbewohnern, Leitern und Pflegern zu reden. Auf jeden Fall sollte man genau hinsehen: Wie sehen Einzel- und Doppelzimmer aus? Gibt es noch Mehrbettzimmer mit und ohne Trennwände? Wie werden Demenzkranke betreut? Existieren Aktivierungsprogramme? Und wie viel Personal ist für wie viele Bewohner da?

Heimkosten

Die Pflegesätze variieren je nach Pflegestufe, Heim, Ort und Bundesland. Für einen Senior der Pflegestufe 1 hat der "Spitzenverband Bund der Krankenkassen" bundesweit durchschnittliche Monatskosten von 2200 Euro berechnet. Davon übernimmt die Pflegekasse wie bisher nur 1023 Euro. Die durchschnittlichen Heimkosten für Pflegestufe 3 liegen in Deutschland bei 3040 Euro. Der Kassenzuschuss beträgt nach der Reform 1432 Euro. Also muss der Kranke immer gut die Hälfte selbst aufbringen. Kein Wunder, dass Pflegebedürftige mit normaler Rente schnell zu Sozialhilfeempfängern werden. Nach einer aktuellen Statistik der Arbeiterwohlfahrt in München erhält jeder zweite Bewohner ihrer Pflegeheime Sozialhilfe. Oft ist schon nach 19 Monaten das Ersparte aufgebraucht.

Demente im Heim

Die Nichtanerkennung von Altersdemenz als Pflegebedürftigkeit ist ein Geburtsfehler der Pflegeversicherung. Geistig Erkrankte haben oft einen höheren Betreuungsbedarf als körperlich Gehandicapte. Nachbesserungen zögerte die Regierung aus finanziellen Gründen immer wieder hinaus. Denn die Zahl der Anspruchsberechtigten müsste sich vervielfachen, wenn alle Menschen "mit eingeschränkter Alltagskompetenz" auch als pflegebedürftig und damit anspruchsberechtigt gelten würden.

Nun soll ein 30-köpfiges Gremium bis Ende des Jahres die Pflegebedürftigkeit neu definieren. Bis dahin kann der MDK den Altersverwirrten ohne körperliche Gebrechen keine Pflegestufe zuordnen. Sie bleiben in Pflegestufe 0. Das PfWG gesteht den ambulant Betreuten maximal 2400 Euro im Jahr zu (siehe Teil 2: "Wie pflegt man Oma daheim?"). Für den stationären Aufenthalt verlangt das Gesetz, pro 25 demenzkranken Bewohnern einen zusätzlichen Betreuer einzustellen. Dessen Kosten übernehmen die Pflegekassen.

Heim-Prüfung

Bisher wurden Pflegeheime im Schnitt alle fünf Jahre einmal geprüft. Nun muss der MDK aufholen und bis Ende 2010 alle Heime sowie ambulanten Pflegedienste mindestens einmal kontrolliert haben. Ab 2011 wird dann eine jährliche Prüfung obligatorisch - und zwar grundsätzlich unangemeldet. Bei Problemfällen auch nachts oder am Wochenende. Gegen das unangemeldete Auftauchen von Prüfern hatten viele private Betreiber aber auch Wohlfahrtsorganisationen bis zuletzt protestiert. So wehrte sich der Caritasverband Würzburg während der Reformdebatten brieflich beim bayerischen Gesundheitsministerium: unangemeldeten Kontrollen würden "den Tagesablauf im Heim stören".

Mehr Prüfer unterwegs

Um das ehrgeizige Prüfziel zu erreichen, stockt der MDK die Zahl seiner derzeit 120 Heim-Qualitäts-Prüfer um weitere 180 auf. Sie kontrollieren unter anderem:

  • den Gesamtzustand des Heims,
  • Wohnraumgestaltung,
  • Hygiene,
  • Küche,
  • die Arbeit des Personals,
  • Stellenbesetzung,
  • Ernährung,
  • Sturzprophylaxe,
  • Aktivierungsangebote und
  • internes Qualitätsmanagement.

Die Heime müssen sich an neue verbindliche Expertenstandards zur Pflege halten, um beispielsweise das Wundliegen zu verhindern. Im Vordergrund der Prüfung steht künftig die "Ergebnisqualität". Das heißt: Die Prüfer gewinnen ihre Erkenntnisse nicht durch Aktenstudium, sondern vor allem durch genaues Ansehen der Heimbewohner. Sie begutachten den Pflegezustand, wobei sie auf Druckgeschwüre, Mangelernährung und Sauberkeit achten. Und sie fragen jeden nach seiner Zufriedenheit.

Neu ist auch, dass die Pflegekasse künftig das Recht hat, Verträge mit Heimen zu kündigen, die festgestellte Mängel nicht beheben.

Pflege mit Herz

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt will die Menschen-Verwahranstalten mit Fliessbandpflege nach der Devise satt-sauber-trocken in humane Pflegestätten verwandeln. Langfristig soll die Lebensqualität der Bewohner im Mittelpunkt stehen. Das Pflegebudget muss Raum bieten für Streicheleinheiten, fürs Zuhören, Spielen, Spazierengehen.

Aber Pflege mit Herz kostet mehr Zeit und somit auch mehr Geld. Das Expertengremium (siehe Unterpunkt: Demente im Heim), das bis Jahresende an der Neudefinition des Pflegebedürftigkeits-Begriffs bastelt, soll auch darauf eine Antwort finden.

Gläsernes Pflegeheim

Das PfWG fordert mehr Transparenz. Eine Zusammenfassung der seitenlangen MDK-Prüfbericht muss "verständlich, übersichtlich und vergleichbar" an "gut sichtbarer Stelle" (also am besten beim Eingang) in jedem Heim ausgehängt, sowie im Internet und Pflegestützpunkten veröffentlicht werden. Immer versehen mit dem Datum der letzten Prüfung. Das ist lobenswert, aber passiert auch nicht sofort. Bis Ende des Jahres will man sich erst über Umfang und Form der zu veröffentlichen Qualitätsberichte einigen. Angedacht ist ein Ampelschema oder eine Sterne-Auszeichnung wie im Hotel.

Strafe für gute Pflege

Weil Heime an einer hohen Pflegestufe mehr verdienen, fehlte in der Vergangenheit die Motivation, mit den Patienten zu arbeiten, sie durch gute Pflege zu revitalisiert, und ihre Gesundheit zu verbessern. Denn erfolgreiche Rehabilitation bedeutete die Herabsetzung der Pflegestufe. Also eine finanzielle Bestrafung. Wer sich auf seelenlose Fließbandpflege beschränkte, machte den meisten Profit.

Darum haben die Politiker neu den Anspruch der Betroffenen auf Rehabilitation ins Gesetz geschrieben. Ziel einer Heimleitung soll künftig der Erhalt bzw. die Wiederherstellung der Selbständigkeit des Pflegebedürftigen durch Ergotherapie, Krankengymnastik, Spiele und Ansprache sein. Die Kranken sollen z.B. wieder lernten, selbst zu essen und sich ein Stück Brot oder Fleisch selbst zu schneiden. Das kostet Pfleger-Zeit.

"Besonders gute Pflege" honoriert die Krankenkasse neuerdings mit einem einmaligen Pauschalbetrag von 1536 Euro. Damit soll der Verlust durch die Herabsetzung der Pflegestufe ausgeglichen werden. Ob das ein Anreiz für scharf kalkulierende Heimbetreiber ist, wird sich zeigen.

Personal-Schlüssel

Wie viele Krankenschwestern, Pfleger und Hilfskräfte sind nötig, um zehn, zwanzig, fünfzig Pflegebedürftige zu umsorgen? Einheitliche Zahlen dafür gibt es nicht. Für die Relation Kranke: Pfleger ist das Heimgesetz da. Doch im Zuge der Föderalismusreform sind Heimgesetze nun Ländersache. Es gibt also 16 verschiedene Heimgesetze. Dazu einige Rahmenverträge auf Länderebene und viele interne Pflegesatzabkommen zwischen Kassen und Heimen. Eine chaotische Situation.

Kein besorgter Angehöriger kann die Schar der Krankenschwestern und Heimbewohner durchzählen und feststellen: Da fehlen vier. Vergeblich hatte das Kuratorium Deutsche Altershilfe KDA gegen die Verlagerung der Heimgesetzgebung auf die Bundesländer gekämpft, weil dies eine "Nivellierung nach unten" bedeute.

In der alten Heimpersonalordnung war gesetzlich festgeschrieben, dass 50 Prozent des Pflegepersonals aus Fachkräften bestehen muss. 50 Prozent wovon?

Heimarzt

Heimbewohner sind multimorbide: sie leiden unter mehreren Krankheiten gleichzeitig. Üblicherweise wird ein Arzt gerufen, wenn der Zustand eines Patienten sich verschlechtert. Oder der Notdienst, wenn dessen Praxis schon geschlossen ist. Oft lässt der den Kranken schnellstens in die Klinik bringen. Dieses System ist kostenintensiv und für die Pflegebedürftigen ein lebensbedrohendes Risiko. Beides ließe sich mit einem fest angestellten Arzt im Heim oder mit einer Praxis im Haus vermeiden. Doch der jahrelange Kampf um Heimärzte vor Ort ist nur mit einem vagen "Möglich" ins neue Gesetz aufgenommen worden. Ein oder mehrere Heimleiter "können" einen Kooperationsvertrag mit einem Vertragsarzt oder einem Praxisverbund schließen.


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