Streit unter Mietern Wenn Nachbarn nerven


Sie hassen und sie lieben sich, sie fauchen sich an - oder gießen die Blumen des anderen: Millionen deutscher Mieter leben auf engstem Raum: Die meisten friedlich - nur eine Minderheit streitet um jede Kleinigkeit. Eine Annäherung an die gewaltfreie Kommunikation.
Von Axel Hildebrand

Ulrich Sarcinelli, Professor an der Universität Koblenz-Landau, beschäftigt sich seit Jahren mit modernen Staats- und Demokratietheorien. Er hat über die Probleme politischer Kommunikation, über symbolische und inszenierte Politik geschrieben. Es geht um Macht in seinen Schriften und irgendwo immer auch um den Streit. Sarcinelli sagt: Um eine Streitkultur. Es ist die theoretische Begründung für das große Ganze, was Wissenschaftler wie Sarcinelli aufschreiben. Letztlich geht es um die Frage: Wie streiten wir in einer Demokratie, damit die Demokratie demokratisch bleibt?

In Einzelfällen rückt die Polizei an

Man könnte auch fragen: Wie streiten wir miteinander, damit die Hütte nicht auseinander fliegt? Diese Frage stellt sich im Jahr hunderttausendfach in Deutschland, und das vor allem abseits von Parlamenten und Kameras und Glöckchen, die ertönen, wenn einer zu lange redet. Sie stellt sich in Plattenbauten und Reihenhäusern genauso wie in Altbauwohnungen mit gehobener Klientel. Sarcinelli kommt aus der Welt der Theorie. Er sagt: Streit muss nach festen Regeln ablaufen.

50 Millionen Deutsche wohnen zur Miete, verteilt auf 21 Millionen Haushalte. Neben dem friedlichen Zusammenleben - zweifellos die Mehrzahl der Fälle - gehört die Auseinandersetzung mit dem Nachbarn zum Zusammenleben auf engstem Raum dazu. Mieter fauchen einander im Treppenhaus an oder gehen jahrelang grußlos aneinander vorbei. Weil die Musik zu laut, die Kinder zu ungezogen oder der Hauseingang ungefegt sei. In Einzelfällen, berichtet der Hamburger Mieterverein, eskalieren die Streitigkeiten im Treppenhaus und es kommt zu Handgreiflichkeiten. Dann wird die Polizei gerufen.

Mit einem Ohr immer an der Decke

Das ist die Welt von Ingrid Holler. Sie muss die Theorie praktisch durchsetzten. Holler hat ihre Praxis in der Münchener Innenstadt, nur ein paar Schritte von der Isar entfernt, auf Höhe des Freibadbächl. Im Sommer liegen die Münchener hier halbnackt in den Wiesen vor dem rauschenden Bach. Bei Frau Holler klingt nicht alles, was sie sagt, nach Freizeit, aber zumindest ziemlich harmonisch. Frau Holler muss Menschen, die sich Gift und Galle an den Kragen wünschen, wieder zusammenbringen. Sie redet wunderbar sanft.

Holler ist eine Mediatorin, sie wird von Hausverwaltungen oder Mietern gebucht, um Streitigkeiten zwischen den Anwohnern zu schlichten. Unter Mediatoren gibt es verschiedene Schulen, das Harvard-Konzept etwa, die Transaktionsanalyse oder das Konzept der gewaltfreien Kommunikation, welches Holler verfolgt. Hinter dem vordergründigen Streit, sagt sie, stecken Bedürfnisse. Kürzlich schlichtete sie so beispielsweise zwischen einer älteren Dame und einer jungen Mutter, die beiden im selben Haus zur Miete wohnen. Die ältere Frau störte sich am Kinderwagen, den die junge Mutter vor den Briefkästen im Treppenhaus abstellte und der den Durchgang arg verengte.

Dinge passieren einfach

Aus dem gemeinsamen Gespräch, bei denen Mediatoren streng darauf achten, beiden Parteien gleichviel Zeit zu geben, um das Problem aus ihrer Sicht zu beschreiben, nahm Holler folgendes mit: Die alte Dame hatte ein Bedürfnis (Rücksichtnahme auf sie als ältere Frau) und genauso hatte die Mutter eines (Rücksichtnahme auf sie als Mutter). Das kollidierte, weil beide das Gefühl hatten, der andere handle mit einer speziellen Absicht. Als stehe der Kinderwagen dort nur, um die Frau zu ärgern. Und als beschwere sich die ältere Dame nur, um die junge Mutter zu piesacken. "Dabei passieren Dinge einfach", sagt Holler, "es gibt keine rücksichtslosen Bösewichte." Die Kunst sei es, vom schuldhaften Denken wegzukommen.

Es scheint eine nicht geringe Zahl an Mietern zu geben, die ihre Nachbarn genau beobachten und jedes Geräusch oder Verhalten einordnen und interpretieren. "Einige leben mit ihren Ohren an der Decke", sagt die Hamburger Mediatorin Heike Hanhörster: "Sie sind hypersensibilisiert". Das führe so weit, berichtet Andree Lagemann, Rechtsberaterin beim Hamburger Mieterverein, dass sie sich kaum mit etwas anderem beschäftigen würden.

Unsicherheit im Umgang

Die Musik des Nachbarn oder die Unsicherheit, wie man mit der anderen Generation oder Nationalität unter dem gleichen Dach umgehen soll, führen zu seinem Gefühl der Bedrohung, sagen Streitschlichter. "Man fühlt sich in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher", sagt Heike Hanhörster. Das gehe an die Substanz.

Und nun ist es im Mietshaus wie im Parlament: Der Theorie zufolge muss der Streit offen ausgetragen werden, nach klaren Regeln, die alle respektieren. Im Mietshaus sind die Rahmenbedingungen eines klassischen Streitfalls vorhanden: Es gibt unterschiedliche Interessen (zum Beispiel Nachtruhe und den Spaß an lauter Musik) und irgendwann wird sich ein Anlass finden, an dem der Konflikt ausbrechen wird. Nur: Die Auseinandersetzung wird nicht, wie Politikwissenschaftler Sarcinelli es fordert, offen ausgefochten. "Die Menschen reden zu wenig", beklagt Schlichterin Hanhörster. Sie tuscheln mit dem Nachbarn, sie interpretieren allein und irgendwann beschweren sie sich beim Vermieter.

Konflikte quer durch die Gesellschaft

Aus diesem Kreislauf kann nur ausbrechen, wer bereit ist, den Konflikt offen zu besprechen. Etwa mit Hilfe einer Nachbarin oder eines Mediators. Diese treffen konkrete Abmachungen, fertigen ein Papier mit Vereinbarungen an und lassen es von beiden Seiten unterschreiben. Zum Teil übernehmen Mietervereine oder Wohnungsgesellschaften die Kosten dafür, zum Teil zahlen Mieter das selbst. Ingrid Holler nimmt für eine eineinhalbstündige Sitzung 90 Euro pro Person.

Der Streit grassiert in allen Schichten und verläuft quer durch die Gesellschaft. "Die Konflikte haben nichts mit dem Bildungsgrad zu tun", sagt die Hamburger Mediatorin Hanhörster. Aber bei der Bewältigung tut sich eine Gruppe besonders hervor: die Frauen. Meist sind sie es, die den ersten Schritt wagen. Ein Eingeständnis.

Streit lösen, heißt: Konflikt anerkennen

Die Streitenden müssten erst einmal zugeben, dass es einen Konflikt gibt und sie damit alleine nicht klarkommen - das zuzugeben, falle Frauen leichter, hat Mediatorin Holler beobachtet. "In der Tendenz kommunizieren Frauen geschulter", bestätigt Vermittlerin Hanhörster, "sie sind bereit, zuzuhören, anzuerkennen und zu verstehen."

Im Fall der alten Dame und der jungen Mutter kam bei der Streitschlichtung heraus, dass die Mutter oft - mit Einkäufen beladen und dem Kind auf dem Arm - zu gestresst war, um den Kinderwagen an den vorgesehenen Platz im ersten Stock zu stellen. Die Nachbarin passt nun ab und an auf das Baby auf. Sie mag kleine Kinder nämlich sehr gerne.

Lesen Sie dazu auch: Erlaubt oder nicht? Fünf Streifälle zwischen Vermietern und Mietern aus der Praxis - und wie sie gelöst werden können (linke Spalte).

Schönheitsreparaturen

In meinem Mietvertrag stand, dass ich die Wohnung mit einer vorgeschriebenen Farbe renovieren muss. Ich habe nur 14 Monate dort gewohnt, beim Auszug alle Bohrlöcher verspachtelt und mit normaler, weißer Farbe gestrichen. Jetzt behauptet der Vermieter, die Wände seien unsauber gestrichen. Er hat Maler beauftragt und will die Kaution einbehalten. Ist er im Recht?

Nein. Wenn der Vermieter mit den Schönheitsreparaturen des Mieters nicht zufrieden ist, muss er ihn zunächst einmal auffordern, nachzubessern. Erst wenn der Mieter sich weigert oder auch die Nachbesserungen unbrauchbar sind, kann der Vermieter von sich aus Handwerker bestellen.

Unabhängig davon sollten Sie prüfen lassen, ob Sie überhaupt zu Schönheitsreparaturen verpflichtet waren. Denn eine Regelung, die den Mieter verpflichtet, auf jeden Fall beim Auszug zu renovieren, ist unwirksam.

Kratzspuren - kann Vermieter Ersatz fordern?

Der Parkettboden meiner Wohnung ist zerschrammt. Kann der Vermieter Ersatz fordern oder die Kaution einbehalten?

Wenn die Kratzspuren auf normalen Gebrauch zurückzuführen sind, hat der Vermieter keine Ersatzansprüche und muss die Kaution vollständig mit Zins und Zinseszins zurückzahlen.

Schadensersatz kann er nur fordern, wenn zu beweisen ist, dass Sie grob fahrlässig mit dem Parkett umgegangen sind.

Besuch und die Folgen

Ich lebe allein und bekomme jedes zweite oder dritte Wochenende Besuch von meinen beiden Kindern. Mein Vermieter hat jetzt in der Betriebskostenabrechnung beide als "weitere Personen" gerechnet und meine Nebenkosten fast verdoppelt. Darf er das?

Nein. Besuch wird bei der Verteilung der Betriebskosten nicht berücksichtigt. Selbst wenn die "kalten" Betriebskosten im Haus nach Personenzahl verteilt werden, zählen hier nur die Mieter, nicht ihre Besucher.

Mängel nach Einzug

Was muss ich tun, wenn ich nach meinem Einzug Mängel in der Wohnung finde, die bei Besichtigung und Vertragsabschluss nicht ersichtlich waren, jetzt aber mir angelastet werden?

Stellt sich nach dem Einzug heraus, dass die Wohnung verschiedene Mängel hat, müssen sie dem Vermieter sofort gemeldet werden, am besten schriftlich. Der Vermieter muss sich dann um die Beseitigung kümmern. Beruft er sich auf Ihr Verschulden, muss er das beweisen - und nur wenn er das kann, darf er Schadensersatz fordern.

Nachforderungen des Vermieters

Wie lange kann mein Vermieter Nachforderungen an mich stellen?

Geht es um Ansprüche wegen "Veränderung oder Verschlechterung" der Mietsache, weil Sie zum Beispiel Schäden nicht behoben oder Einbauten nicht entfernt haben, hat der Vermieter dazu sechs Monate Zeit. Diese Frist beginnt bei der Schlüsselübergabe. Um eine Verjährung zu verhindern, muss der Vermieter Ihnen einen Mahnbescheid schicken oder Klage erheben. Hat er noch Anspruch auf Miete und kann ihn nicht mit der Kaution verrechnen, verjährt das erst nach drei Jahren.


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