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TEIL 5: Prager Herbst

Liebe Leute, es ist Samstag, 15.16 Uhr, warmes, wirklich goldenes Licht durchflutet die Stadt, und in der Luft liegt dieser leicht süßliche Braunkohlegestank...

Liebe Leute, es ist Samstag, 15.16 Uhr, warmes, wirklich goldenes Licht durchflutet die Stadt, und in der Luft liegt dieser leicht süßliche Braunkohlegestank von den Prager Öfen. Wenn man allerdings einen der Nebeltage mit Nieselregen erwischt, weiß man, warum den Tschechen eine leicht melancholische Ader nachgesagt wird. Aber man muss ja in diese tristen Herbsttage nicht eintauchen - und kann sich stattdessen auf die Uni konzentrieren. Insgesamt ist das Studium hier sehr verschult, manchmal auch stressig: Einige Wirtschaftskurse, etwa in Geldpolitik, werden von fast minderjährigen Überfliegern, die sonst zum Beispiel für die Tschechische Nationalbank arbeiten, gehalten - und die sollen wahrlich kein Zuckerschlecken sein. Aber vor so was hab ich mich sinnvollerweise gedrückt. Scheine werde ich in zwei Volkswirtschaftskursen machen: In »Neoclassical Macroeconomics« lesen wir Wirtschaftswissenschaftler wie Friedman, Fisher oder was weiß ich wen im Original: sehr sinnvoll, aber auch ganz schön dröge. In »Advanced Economics of European Integration« werden die verschiedenen Integrationsstufen durchgesprochen: Was ist eine Freihandelszone, und warum ist eine Zollunion doch gar nicht so prickelnd. Der Kurs ist bei Antonín Turek, der stotternd und in grauenhaftem Englisch versucht, seinen Studenten die Europäische Union zu erklären. Herr TTTTTTTTurek sitzt auf dem kleinen Podium, hat seine Hornbrille mit Brillenband auf seine Halbglatze hochgeschoben, kneift Augen und Augenbrauen angestrengt zusammen und presst etwa 20 Sekunden lang ein »Ppppppppppprofit« heraus. Hat er's geschafft, fällt ihm meist just im selben Moment die Brille auf die Nase runter. Aber sein Kurs wird mir in Deutschland als Seminarschein anerkannt. Kurse zu finden, die anerkannt werden, ist gar nicht so einfach: Meist verlangen die Kölner Profs, dass ich mindestens eine 20-seitige Hausarbeit und eine zweistündige Klausur geschrieben habe. Und auch die Inhalte müssen den Kölner Vorlesungen entsprechen.

Aber man macht Kurse ja nicht nur wegen der Scheine - über den Tellerrand wird auch geschaut: An der Philosophie-Fakultät habe ich den Kurs »Contemporary Jewish Religious Beliefs« belegt, superinteressant. Gestern bin ich mit den 20 Amerikanern, die in dem Kurs sitzen, durch das jüdische Viertel Josefov spaziert, war in vier Synagogen und auf dem alten Friedhof. Außerdem noch einen Kurs zur EU-Integration und zu »Politics in the 20th Century«: Der ist sehr sinnvoll, weil er meine mangelhaften Geschichtskenntnisse aus der 7. Klasse auffrischt: Österreich-Ungarn, die Habsburger, wie entstand die Tschechoslowakei...

Apropos - Tschechisch! Heute: Verben konjugieren, Präsens studovat (studieren). Zur Info: Der Tscheche sagt nicht: ICH studiere, sondern nur »studiere«: Das Personalpronomen ist in der Verb-Endung enthalten und wird sonst umgangssprachlich oder bei besonderer Betonung benutzt...

1. Person Singular: Studuji/u

2. Person Singular: Studujes

3. Person Singular: Studuje

1. Person Plural: Studujeme

2. Person Plural: Studujete

3. Person Plural: Studují/ou

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