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Niederlande Vater hatte seine sechs Kinder jahrelang in Isolation gehalten, jetzt klagen sie ihn an

Das einsam gelegene Haus in niederländischen Ruinerwold
Das einsam gelegene Haus in niederländischen Ruinerwold
© Picture Alliance
Der 68-jährige Niederländer Gerrit Jan van D. hatte jahrelang mit sechs seiner neun Kinder in fast völliger Isolation auf einem einsam gelegenen Bauernhof in Ruinerwold gelebt. Er soll sie geschlagen und psychisch – einige auch sexuell – missbraucht haben. Verurteilt wurde er dafür nicht.

Neun Jahre lang hatte ein niederländischer Mann seine Kinder in seiner Gewalt gehabt. Auf einem abgelegenen Hof im kleinen Dorf Ruinerwold hatte er sich selbst eine Art Naturreligion ausgedacht, nach der er lebte und auch neun seiner zehn Kinder erziehen wollte (der älteste Sohn aus erster Ehe war nie Teil des Kultes). Die mussten fortan von der Welt isoliert aufwachsen, bekamen Schläge und litten auch unter permanenter psychischer Gewalt. Zwei seiner älteren Kinder soll der heute 68-Jährige auch sexuell missbraucht haben, weil angeblich der "Geist der Mutter noch in ihnen gelebt" habe. Die zweite Ehefrau des Mannes war 2004 gestorben.

Im Jahr 2011 nahmen die drei ältesten der gefangengehaltenen Kinder ihren Mut zusammen und flüchteten. Wieso der Vater hiernach nicht aufflog, ist unklar. Tatsache ist aber, dass die in seinem Haus verbliebenen sechs Kinder nie offiziell gemeldet wurden, für die Behörden also gar nicht existierten und von niemandem vermisst wurden. Sie besuchten nie eine Schule. Nachbarn berichteten, dass sie nie eines der Kinder gesehen hätten – nur Gerrit Jan van D. und seinen Kompagnon, einen zum Zeitpunkt der Festnahme 58-jährigen Österreicher namens Josef B. Niemand wusste, dass hier auch zahlreiche Kinder lebten.

Insgesamt neun Kinder lebten auf dem Hof

Nachdem der älteste auf dem Hof verbliebene Sohn, der damals 25-jährige Israel, sich mehrmals nachts aus dem Haus gewagt und unbemerkt das nahe Dorf besucht hatte, rang er sich schließlich 2019 dazu durch, zu flüchten und in der Dorfgaststätte um Hilfe zu bitten. Er habe einen ungepflegten, langen Bart gehabt, schmutzige Kleidung getragen und sich seltsam kindlich ausgedrückt, erinnerte sich der Wirt später. Die Polizei entdeckte daraufhin in einem Kellerraum des Hauses den Vater und die übrigen fünf Kinder. Gerrit Jan van D. und Josef B. wurden verhaftet. Doch inzwischen wurde die Anklage gegen den religiösen Fanatiker fallengelassen – weil er seit einem Schlaganfall zu krank, zu alt und nicht mehr verhandlungsfähig sei.

Für die vier ältesten betroffenen Kinder ist das ein harter Schlag. Nachdem Ende März offiziell wurde, dass van D. auf freiem Fuß bleibt, reichen sie nun zu viert Zivilklage ein – auch, um ihre jüngeren Geschwister zu schützen, die sich nach der jahrelangen psychischen Manipulation teils noch immer nicht von ihrem Vater lossagen konnten. "Die Gerechtigkeit, die Anerkennung der Taten. Das ist das, was ihnen von Anfang an wichtig war", sagt die Anwältin der vier Betroffenen, Corinne Jeekel, der niederländischen Zeitung "NOS"."Dass es endlich ein richterliches Urteil gibt, zu etwas, dass er niemals hätte tun dürfen."

Die heute erwachsenen Kinder wollen Gerechtigkeit

Die Kinder des inzwischen fast blinden, lahmen und geistig verwirrten Mannes hoffen darauf, dass zumindest auf zivilrechtlichem Wege ein Urteil gegen ihren Peiniger gefällt wird. "Ende nächster Woche wird ihm die Vorladung zugestellt", kündigt Anwältin Jeekel an. "Sie ist fast fertig."

Quelle:  "NOS" (Nederlandse Omroep Stichting)

wt

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