HOME

Zwangsversteigerung: Hände hoch

Nirgendwo gibt es Immobilien günstiger zu erwerben als bei Zwangsversteigerungen. Wagemut gehört allerdings dazu.

Für Dirk Bachmann (Name von der Redaktion geändert) heißt es heute: cool bleiben. Um kurz nach neun betritt der kräftig gebaute Mann, die Haare zurückgegelt, zusammen mit seiner Frau den Sitzungssaal des Amtsgerichts Hamburg-Mitte. Ein schlichter Raum mit einfachen Holzstühlen, der Linoleumboden riecht nach Bohnerwachs. Hier entscheidet sich in der nächsten Stunde, ob die Bachmanns ihren Traum vom eigenen Heim - zentral gelegen, großzügig, mit Garten - zu einem überschaubaren Preis verwirklichen können. Die beiden sind auf einer Zwangsversteigerung. Bachmann will um ein Haus im Wert von mehreren hunderttausend Euro pokern. Er wird sich innerhalb weniger Minuten entscheiden müssen, ob er weiter mitbietet oder aussteigt - für ein Haus, das er noch nie von innen gesehen hat und nur über ein Gutachten kennt.

Eine risikoreichere Art, Hausbesitzer zu werden, gibt es nicht. Einerseits. Andererseits bietet sich selten eine bessere Gelegenheit, ein Schnäppchen zu machen, als beim Immobilienkauf vor Gericht. "Einfamilienhäuser gehen im Schnitt um die zehn Prozent unter ihrem Marktwert weg, Wohnungen sogar um die 20 Prozent", schätzt Peter Küsters, Chef des Versteigerungsfachverlages Unika. Zusätzlich spart der Käufer die Maklerkosten von rund fünf Prozent und die Notargebühren.

Gelegenheit macht Bieter. Nach und nach treffen weitere Interessenten ein. Eine junge Asiatin drückt sich an den äußeren Rand des Saals, zwei ältere Paare nehmen Platz. Rechtspfleger Jürgen Jacobs, im blauen Hemd mit goldener Krawatte, den Pullover um die Schulter geschwungen, eröffnet die Auktion. Routiniert liest er die offiziellen Angaben vor. Heute versteigert er ein Einfamilienhaus in Hamburg-Eidelstedt, 257 Quadratmeter Wohnfläche, 865 Quadratmeter Grundstück. Akribisch listet Jacobs jede unbezahlte Rechnung und jeden offenen Posten auf. Danach richtet sich die Höhe des geringsten Gebots. An diesem Morgen sind das: Kehrgebühr 130 Euro, Wassergeld 1.200 Euro, Gerichtskosten 6.000 Euro und noch ein paar Kleinigkeiten - alles in allem 10.703 Euro. Natürlich soll das letzte Gebot weitaus höher liegen. Darauf hofft vor allem der anwesende Gläubiger, der Vertreter der Hamburger Sparkasse. Die Bank will sich die noch offene Restschuld vom neuen Käufer zurückholen, abgezweigt von dessen Schlussgebot.

Die Zuhörer im Saal geben sich gelangweilt, einige starren zum Fenster raus. "Viele kommen aus purer Neugier", sagt Jacobs, "für andere ist es ein Probelauf für eine spätere ernsthafte Versteigerung." Häufig sitzen auch Nachbarn oder Bekannte hier, die den langen Leidensweg der bisherigen Besitzer verfolgt haben. Leute, die es schon immer gewusst haben und nun das bittere Ende nicht verpassen wollen.

Scheidung, Arbeitslosigkeit, Firmenpleite - in Zeiten wie diesen fallen Tausende von Tilgungsplänen in sich zusammen. Sobald die Kreditschulden nicht mehr bedient werden können, drängen Banken rasch auf Versteigerung, um wenigstens einen Teil des verliehenen Geldes wiederzusehen. Knapp 45.000 Immobilien kamen 2003 in Deutschland zwangsweise unter den Hammer - so viel wie noch nie seit 1945. Es ist alles dabei, von der Einzimmerwohnung im Mehrfamilienhaus bis zur Stadtvilla im Nobelvorort.

Rechtspfleger Jacobs hat alle wichtigen Informationen verlesen. Jetzt wird es ernst. "9 Uhr 58 Minuten. Bitte geben Sie Ihre Gebote ab." Eine halbe Stunde ist die offizielle Mindestzeit. Niemand hebt die Hand. Nicht nach fünf Minuten, nicht nach zehn. Bachmann beugt sich zu seiner Frau und berät sich leise. 150.000 Euro hat er sich als Limit gesetzt, keinen Cent mehr. "Eine Obergrenze ist wichtig", sagt auch Jacobs. "Nur zu schnell gibt man sonst im Rausch des Bietgefechts zu viel Geld aus." Experten schlagen zwei Strategien vor. Wer sich seiner Sache sicher ist, steigt mit einem relativ hohen Anfangsgebot ein und schreckt so die übrigen Bieter ab. Wer kaltblütig genug ist, wartet bis zum Ende, um die anderen zu überrumpeln.

Heute warten alle. Eine Wanduhr tickt, leise raschelt es, wenn einer der Anwesenden im Gutachten blättert. Gut sechs Wochen lang hat die abgegriffene, gelbe Plastikmappe zur Einsicht ausgelegen, etwa 20 Seiten stark, mit allen relevanten Angaben zum Haus. Da ist zu lesen, dass der geschätzte Verkehrswert bei 512.000 Euro liegt. Verkehrsberuhigte Lage, Entfernung zur nächsten U-Bahn-Haltestelle: wenige Minuten. Klingt gut, doch dann kommt die Seite mit dem Foto, und schon ist die Ernüchterung da. Ein hässlicher Kasten. Das Flachdach sieht aus, als ob es nicht mehr lange dauerte, bis es durchregnet. Erst 1997 gebaut, blättert schon jetzt an einer Außenwand die Farbe in dicken Placken ab. Bis daraus wieder ein Schmuckstück wird, ist eine Menge Geld nötig.

Schweigen. Plötzlich wird die drückende Stille unterbrochen. "Ich biete 200.000 Euro", verkündet der Mann von der Sparkasse. Nun ist klar: Zum Schleuderpreis geht der zweistöckige Bau nicht weg. Auch wenn das Haus schon zum zweiten Mal angeboten wird und damit die beim ersten Auktionstermin noch vorgeschriebene Untergrenze entfällt, nach der mindestens die Hälfte des Verkehrswerts geboten werden muss. Die Regelung soll Eigentümer davor schützen, dass ihr Grund und Boden weit unter Wert verhökert wird.

Für Dirk Bachmann bedeutet das Gebot: Er ist raus. Ein letztes Mal flüstert er seiner Frau ein paar fragende Worte zu, doch die schüttelt energisch ihren Kopf. Die halbe Stunde, die Auktionator Jacobs angesetzt hat, nähert sich dem Ende. "Wollen Sie sich wirklich diese Gelegenheit entgehen lassen?", preist er das Haus noch einmal an. Die Asiatin springt auf, bittet den Sparkassen-Vertreter um ein Gespräch. Sie ist ohne ihren Ehemann hier, kann sich nicht entscheiden, aber vielleicht könnte man ja hinterher ins Geschäft kommen?

Es ist 10.30 Uhr. Jacobs zuckt mit den Schultern, will zum Ende kommen. "Zum Ersten", er schaut sich um, macht eine kurze Pause. "Zum Zweiten", ein letzter prüfender Blick, "zum Dritten! Das Haus geht an die Hamburger Sparkasse."

Möbel, Antiquitäten und Häuser gibt es auf Auktionen günstiger:

1. Pfandversteigerung:

Amtsgerichte verkaufen regelmäßig die Ausbeute ihrer Gerichtsvollzieher. Diese pfänden alles, was einen gewissen Wert verspricht. Also eher nicht das abgesessene Sofa oder den alten Fernseher, dafür den gut erhaltenen Biedermeierschrank oder Nussbaumsekretär. Die Termine werden in der Lokalzeitung veröffentlicht.

2. Online-Versteigerung:

Die größte Auswahl an gebrauchten Einrichtungsgegenständen bietet das Internet-Auktionshaus Ebay. Von der Fußmatte bis zum Kronleuchter ist alles erhältlich. Auch wer ein komplettes Schlafzimmer für etwa 50 Euro sucht oder eine luxuriöse Büroausstattung, kann hier fündig werden (www.ebay.de). Spezialisiert auf Antiquitäten und Möbel ist der Online-Versteigerer www.onetwosold.de.

3. Auktion:

Um hochwertiges Mobiliar, Silberbesteck oder edle Teppiche zu erwerben, ist die klassische Auktion eine guter Tipp. Eine Adressenliste aller deutschen Auktionshäuser inklusive ihrer Angebote und Termine ist zu finden unter www.kunstmarkt.com.

4. Zwangsversteigerung: Hier bekommen Sie Immobilien aller Art. Von der Wohnung über das Mehrfamilienhaus bis zu großen Baugrundstücken. Die lokalen Termine erfahren Sie beim zuständigen Amtsgericht. Oder, aufgelistet für alle 573 deutschen Amtsgerichte, im Internet unter www.zwangsversteigerung.de.

Besichtigung:

Es empfiehlt sich, möglichst mit einem Sachverständigen das Objekt unter die Lupe zu nehmen. Einen Rechtsanspruch auf Besichtigung gibt es allerdings nicht. Wenn der Noch-Bewohner sich weigert, Sie reinzulassen, sollten Sie einen kräftigen Risikoabschlag im Kaufpreis einrechnen.

Gutachten:

Beim Amtsgericht liegt zu jedem Objekt, das zwangsversteigert werden soll, ein kostenlos einsehbares Gutachten aus. Es ist von einem unabhängigen Sachverständigen erstellt und gibt Auskunft über Alter, Zustand und Ausstattung der Immobilie.

Gebot:

Meistens müssen die Bieter bei Abgabe des Gebots eine Sicherheitsleistung in Höhe von zehn Prozent des Verkehrswertes hinterlegen. Zum Schutz der Gläubiger muss die Versteigerung mindestens 50 Prozent des Verkehrswerts erbringen. Erst wenn das nicht gelingt, kann bei einer zweiten Auktion jeder gebotene Preis akzeptiert werden.

Silke Gronwald / print
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity