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"Ein gutes Jahr": Vom Börsenhai zum Bonvivant

Mit "Alien" und "Blade Runner" hat Ridley Scott Klassiker des Science-Fiction-Genres geschaffen. Vom Weltall beamt er sich jetzt zurück auf den Boden, genauer gesagt auf ein Weingut in der Provence. Dort erlebt Russell Crowe eine Wandlung vom Börsenhai zum Bonvivant.

Max Skinner ist einfach unverschämt erfolgreich: Als Wertpapierhändler an der Londoner Börse ebenso wie bei schönen Frauen. Als Max eines Tages die Nachricht vom Tod seines Onkels Henry bekommt, der auf seinem Weingut in der Provence gestorben ist, hat das Folgen. Denn Max hat nun auch den Besitz des Onkels geerbt, bei dem er als Kind wunderbaren Wochen verlebt hatte. Um den juristischen Teil der Erbschaft abzuwickeln, reist Max in den französischen Süden. So richtig begeistert ist er dabei nicht. Aber das wird sich ändern.

Denn nach seiner Ankunft erwartet den mit seinem Handy und den Aktienkursen verheirateten Mann nicht nur ein ziemlich verkommenes Gut mit allzu leichtlebigem Personal, sondern auch viel mehr Sonne als im ewig regnerischen London. Und er begegnet auf denkwürdige Weise einer bezaubernden einheimischen Schönheit namens Fanny Chenal, in die sich Max prompt verliebt. Komplikationen erzeugt allerdings das Auftauchen einer blonden amerikanischen Mittzwanzigerin. Diese Christie behauptet, die uneheliche Tochter des toten Onkels zu sein, der dem weiblichen Geschlecht zeitlebens sehr zugetan war.

Was dann noch passiert, erzählt der Film "Ein gutes Jahr". Der britische Regisseur Ridley Scott hat mit Russell Crowe einen der derzeit attraktivsten Schauspieler für die Rolle des Max Skinner gewinnen können. Der immer etwas raubeinig wirkende Australier macht sich ausnehmend gut als Börsenhai, der unter südlicher Sonne und mit französischer Weinkultur eine wundersame Wandlung zu jenem Lebenskünstler erfährt, der sein Onkel vorm Tod war. In einigen Rückblenden tritt dieser alte Henry in Gestalt des großen britischen Darstellers Peter Finch auf.

Beim Mittagessen kam die Filmidee

Diese Szenen, in denen Max noch ein kleiner Junge ist, gehören zu den schönsten eines Films, der von Anfang bis Ende gute Laune macht. Die Handlung des knapp zweistündigen Streifens basiert auf dem gleichnamigen Roman von Peter Mayle. Der englische Autor siedelte vor etlichen Jahren nach einer erfolgreichen Werbekarriere nach Südfrankreich über, um dort ein neues Leben zu beginnen. Von seinem ersten Buch "Mein Jahr in der Provence", das 1991 erschien, wurden mehr als fünf Millionen in 28 Sprechen verkauft. Mayle ist ein alter Freund von Regisseur Scott, der in London als Werbefilmer begann.

Bei einem Mittagessen entwickelten beide die Idee zu Roman und Film, denn die Rechte an dem noch gar nicht geschriebenen Buch wollte Scott rechtzeitig erwerben. Mit Crowe hat der Regisseur schon äußerst erfolgreich in "Der Gladiator" zusammengearbeitet. In dem neuen Film der beiden geht es allerdings absolut unblutig und gewaltlos zu. Umso mehr steht Weingenuss (und Weinverdruss) im Mittelpunkt, eigentlich ist das Getränk sogar der heimliche Hauptdarsteller.

Mit der charmant-resoluten Französin Marion Cottilard als Fanny und der frischen Australierin Abbie Cornish als Christie sind die weiblichen Rollen bestens besetzt, ebenso die Nebenrollen. Der Zuschauer verspürt regelrecht die sympathische Lust aller Beteiligten an der Produktion dieses Films. Ridley Scott, der 1979 mit "Alien" und 1982 mit "Blade Runner" moderne Klassiker des Science-Fiction-Genres schuf, hat fürs Kinos ganz verschiedene Stoffe verarbeitet, aber wohl noch nie einen so intimen, unbeschwerten Film wie "Ein gutes Jahr" gedreht. Was zu sehen ist, wird vielen Kinogängern Freude und zwei unbeschwerte Stunden mit viel südlicher Sonne im grauen November bereiten. Und Russell Crowe ab und zu mit seriöser Brille, das hat man schließlich auch noch nicht gesehen.

Wolfgang Hübner/AP / AP