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"Satellites": Marode Trabanten des Sozialismus

In einigen Randgebieten der ehemaligen Sowjetunion scheint die Uhr stehen geblieben zu sein. Der norwegische Fotograf Jonas Bendiksen hat fünf Jahre lang diese Gebiete durchreist und dabei skurrile Momentaufnahmen eingefangen.

Der norwegische Fotograf Jonas Bendiksen erfüllte sich mit 19 einen Traum und reiste für fünf Jahre durch Teile der ehemaligen Sowjetunion. Seine aus Litauen und der Ukraine ausgewanderten Großeltern hatten ihm stets Geschichten aus ihrer Heimat erzählt. Sie berichteten von Enklaven, die sich wie kleine Planeten um Moskau drehten. Dann kam 1991 der Zusammenbruch des sowjetischen Reiches.

Während Russland sich immer moderner präsentiert, überdauerte in einigen dieser Enklaven eine eigentümliche Nostalgie. Eine mühsam aufgebaute Sowjet-Identität war durch das Ende des Kalten Krieges mit einem Mal weg gebrochen, und nicht wenige Landstriche gerieten bei der Suche nach ihrem neuen Selbst ins Straucheln. Bendiksen stieß bei seiner Reise immer wieder auf lähmenden Stillstand: auf Kneipen, in denen man noch immer dem Bildnis des einstigen Großhelden Lenin zuprosten kann. Bisweilen fühlte er sich wie von einer Zeitmaschine zurückversetzt in eine vergangene Ära. Er stieß auf Menschen, die ihn zwar interessiert empfingen, aber einen Rest Paranoia aus fernen Zeiten nicht verbergen konnten.

Das öffentliche Bild der ehemaligen Sowjetunion wird dominiert von den schillernden Profiteuren der russischen Wirtschaft. Was abseits von Moskau geschieht, bleibt hingegen meist unbekannt. Das könnte sich bald ändern: Sollte Rumänien bei der nächsten EU-Erweiterung aufgenommen werden, darf Europa mit Transnistrien einen neuen Nachbarn begrüßen. Offiziell wird der Landstrich im Norden Moldawiens zwar nicht als eigenes Land anerkannt, aber mit einem eigenen Rubel und eigenen Pässen pocht die "Republik" auf ihre Existenz. Russland spielt dabei eine zwielichtige Rolle als heimlicher Unterstützer - ganz verabschieden möchte sich die ehemalige Großmacht von einigen Satelliten offenbar nicht.

Aber auch die fünf anderen Regionen, die Bendiksen bei seinen Recherchen besucht hat, haben eine eigene Geschichte zu erzählen. Immer wieder spricht aus den Fotos die Katerstimmung beim Erwachen aus dem Zusammenbruch des Sowjetreiches, mit dem viele der Träume und Versprechungen wie Luftblasen zerplatzten. Einige von ihnen leben in den Köpfen der Bewohner fort.

akl