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25 Jahre Wiedervereinigung: Mach's noch einmal, Deutschland

Gelassen, selbstbewusst und gastfreundlich – nach 25 Jahren ist die Nation kaum wiederzuerkennen. Jetzt wartet die nächste Jahrhundertaufgabe: die Integration der Flüchtlinge.

Von Walter Wüllenweber

Am 3. Oktober 1990 feierten die Deutschen die Wiedervereinigung vor dem Reichstag

Am 3. Oktober 1990 feierten jubelnde Menschenmassen vor dem Berliner Reichstag, mit Feuerwerk, Deutschlandfahnen und Volksfesttrubel die wiedergewonnene Einheit Deutschlands.

Machen Sie sich ein Kreuzchen in den Kalender. 6. September 2040, ein Donnerstag. An diesem Tag wird der stern mit einer besonderen Ausgabe erscheinen, einem Jubiläumsheft: 25 Jahre Flüchtlinge in Deutschland. Darin werden Sie zahlreiche Artikel finden über Deutsche, die in jenem Spätsommer 2015 vor dem Krieg in Syrien über die Balkanroute flüchteten in ihre neue Heimat. Prominente  Zeitzeugen, Politiker, Fernsehstars, Wirtschaftsbosse und Fußballnationalspieler, werden noch einmal von dem historischen Moment erzählen, als sie – irgendwo auf einem Acker in Ungarn, am Strand von Kos oder eng zusammengepfercht im dunklen Laderaum eines Kleintransporters – auf ihrem Smartphone die frohe Botschaft von Angela Merkel lasen, der Kanzlerin der Flüchtlinge: „Das Grundrecht auf Asyl kennt keine Obergrenze.“

Wenn in den vergangenen 25 Jahren im Kopfkino der Deutschen ein Film fürs Nationalgefühl gezeigt wurde, dann lief eine Endlosschleife aus Bildern vom Mauerfall: Menschenmassen, die auf Trabbis klatschen und „Wahnsinn“ schluchzen. In 25 Jahren wird womöglich ein anderes Programm laufen: Münchner klatschen im Bahnhof für Flüchtlinge, halten „Welcome“- Schilder hoch und stecken strahlenden Kindern Schokolade und Teddybären zu. Und die Neuankömmlinge rufen: „Alhamdulillah!“, Gott sei Dank! 

Münchner begrüßen die ankommenden Flüchtlinge am Bahnhof

Willkommenskultur: Tausende Freiwillige helfen den Flüchtlingen und dem überforderten Staat, hier am Hauptbahnhof München.

Heute blickt Deutschland zurück auf 25 bewegte Jahre seit der Wiedervereinigung. Am 20. September 1990 stimmten sowohl die Volkskammer der DDR als auch der Bundestag dem Einheitsvertrag zu. Am 3. Oktober feierte sich die Nation vor dem Reichstag. Ein Viertel Jahrhundert später ist das Zusammenwachsen zweier Gesellschaften noch nicht ganz vollendet. Aber fast. In einer Forsa-Umfrage für den stern halten fast 80 Prozent der Bundesbürger die Vereinigung der beiden deutschen Staaten alles in allem für einen Erfolg.

Kaum Angst vor Flüchtlingen

Und schon kommt die nächste Jahrhundertaufgabe. Die Aufnahme und vor allem die Integration von Millionen Flüchtlingen wird die kommende Epoche prägen. In keiner Schublade steckt ein Plan zur Bewältigung der riesigen Probleme, die der Flüchtlingsansturm zweifellos verursachen wird. Doch statt eines Plans gibt es etwas völlig Neues in Deutschland: Zuversicht. Nicht nur die Kanzlerin glaubt: „Wir schaffen das.“ Zwei Drittel der Deutschen befürworten die Aufnahme der Flüchtlinge. Und das im vollen Bewusstsein der vielen offenen Fragen. Forsa hat nach den größten Befürchtungen gefragt. Die hohe Zahl der Flüchtlinge kommt in der Hitliste der Ängste gerade mal auf Platz acht. Die Deutschen wissen, dass Millionen heute noch Fremde ihr Land grundlegend verändern werden, aber sie fürchten sich nicht.

Was ist nur aus der guten, alten „German Angst“ geworden? Über Jahrzehnte war sie das Markenzeichen der Deutschen. Angst vor dem Ungewissen, Angst vor der Zukunft, Angst vor Veränderung. In Deutschland galt stets null Toleranz gegenüber jedem Risiko. Die deutsche Versicherungswirtschaft ist weltweit die Nummer eins. Und jetzt lässt sich die Vollkasko-Nation auf das Abenteuer Flüchtlinge ein, das sich – mit Ausnahme Schwedens – kein anderes westliches Land zutraut. Was ist da passiert? Was hat diese 180-Grad-Wende des Nationalcharakters bewirkt? 

Mit einem Fehlstart in die Einheit

Ein Grund sind die Erfahrungen mit der deutschen Einheit. Auch sie war eine Expedition in eine unbekannte Zukunft, vor allem für mehr als 16 Millionen Ostdeutsche. Auch beim Einigungsprozess dominierte in den Anfangsjahren die Skepsis. Die Ossis mussten es sich gefallen lassen, dass ihr komplettes Leben in der DDR infrage gestellt wurde. Die Wessis mussten zahlen. Die Nachbarländer fürchteten, die gescheiterte DDR werde den ganzen Kontinent in eine Krise stürzen. Und danach sah es lange aus.

Der Politik unterliefen gravierende Fehler: Die überforderte Treuhandanstalt versetzte der ohnehin maroden DDR-Wirtschaft den Todesstoß. Statt mit Jobs versorgte Norbert Blüm, Helmut Kohls ewiger Arbeitsminister, die früher Werktätigen mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Seine Methode zur Finanzierung der Einheitskosten über die Sozialversicherung führte beinahe zum Kollaps des Systems. Die Zahl der Arbeitslosen stieg auf über fünf Millionen. Der Sozialstaat musste dringend reformiert werden. Doch dazu waren die Deutschen und ihr Einheitskanzler viele Jahre lang nicht bereit „Reformstau“ wurde zum Wort des Jahres 1997. Die Geschichte der ersten eineinhalb Jahrzehnte des wiedervereinigten Deutschlands ist eine Geschichte des Scheiterns.

Helmut Kohls Versprechungen für die Wiedervereinigung erfüllten sich erst nach vielem Scheitern

Einheitskanzler: Die Versprechen Helmut Kohls, hier am 3. Oktober 1990, erfüllten sich erst mit großer Verzögerung - und nur zum Teil.

Ohne Gerhard Schröder wäre Helmut Kohls Einheit ein Rohrkrepierer geblieben. Seine Hartz-Reformen haben Schröder 2005 die Kanzlerschaft gekostet, aber Deutschland auf die Erfolgsspur gebracht: Die Massenarbeitslosigkeit wurde niedergerungen. Und in der Finanzkrise haben sich Politik und Wirtschaft als wetterfest erwiesen. Nach und nach haben sich inzwischen auch die Lebensverhältnisse in Ost und West angenähert. Die Arbeitslosenquote in Thüringen und Sachsen ist heute niedriger als in Nordrhein-Westfalen oder Bremen. Sogar Helmut Kohls Versprechen wurde so gut wie eingelöst: Es geht keinem schlechter, aber vielen besser.

Die Welt sitzt auf der Tribüne und beobachtet

Das hat viel Kraft gekostet. Doch dass sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft durch diese dicksten Bretter bohren konnten, trotz aller Irrtümer und Rückschläge, diese Erfahrung hat die Deutschen selbstbewusst gemacht. Zum ersten Mal zeigte sich die neue Wir-schaffen-das-Mentalität im März 2011. Als im Atomkraftwerk in Fukushima der Reaktorkern schmolz, stieg Deutschland beinahe über Nacht aus der Atomkraft aus. Die Energiewende ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Wenn es klappt, könnte die Verheißung von einer sicheren und sauberen Energieversorgung Wirklichkeit werden.

Die Welt sitzt auf der Tribüne und verfolgt Deutschlands Weg. Viele drücken die Daumen. Aber kein anderes Land traut sich das Wagnis selbst zu. Trotz seiner Stärke wird Deutschland – außerhalb Griechenlands – nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen. Das ist auch ein Ergebnis des Sommermärchens von 2006. Staunend entdeckte die Fußballgemeinschaft der Welt das freundliche Gesicht ihrer Gastgeber. Und die Deutschen feierten sich zum ersten Mal völlig befreit als ganz normales Volk.

Die Fußball WM 2006 war für Deutschland ein Sommermärchen

Sommermärchen: Die Welt entdeckte bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 das freundliche Gesicht ihrer Gastgeber.


Deutschland: Die gelassene Nation

Deutschland hat die Wiedervereinigung zum Erfolg geführt. Die einstige Angstnation wagt sich an die Energiewende. Und die Nachfolger der Rumpelfußballer haben 2014 die brasilianische Seleção in deren Stadion leichtfüßig ausgetanzt. Wer das alles schafft, muss wegen ein paar Chaostagen bei der Aufnahme der Flüchtlinge nicht gleich hektische Flecken bekommen. Renate Köcher, Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach, nennt das Land inzwischen „die gelassene Nation“.

Bei der Wiedervereinigung haben die Deutschen wichtige Lektionen gelernt: Es war teurer, es war schwieriger, und es dauerte länger, als man sich das hätte vorstellen können. Aber: Am Ende wurde es ein Erfolg. Genauso könnte in 25 Jahren die Bilanz der Flüchtlingspolitik aussehen. Es wird teurer: Die aktuellen Ausgaben für Schlafcontainer oder warme Mahlzeiten sind nur Kleingeld. Der Staat wird Tausende neue Lehrer einstellen, Tausende Sozialarbeiter, Tausende Polizisten, Tausende Beamte in der Flüchtlingsverwaltung. Es müssen so viele Sozialwohnungen gebaut werden wie seit den 60er Jahren nicht mehr. Und natürlich wird ein großer Teil der Flüchtlinge von der Stütze leben. Das sind Peanuts, verglichen mit den Kosten der Bankenrettung, aber es wird um ein Vielfaches teurer, als irgendein Verantwortlicher heute zugeben kann.

Mauerfall: Nach der Eröffnung eines Teils der deutsch-deutschen Grenzübergänge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 reisten Millionen DDR-Bürger für einen kurzen Besuch in den Westen. Die Wiedervereinignung dauerte länger - aber sie war ein Erfolg.

Mauerfall: Nach der Eröffnung eines Teils der deutsch-deutschen Grenzübergänge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 reisten Millionen DDR-Bürger für einen kurzen Besuch in den Westen. Die Wiedervereinignung dauerte länger - aber sie war ein Erfolg.

Integration ist nicht die Paradedisziplin der Deutschen 

Es wird schwieriger: Besonders zu Beginn des Einigungsprozesses hat die Politik haarsträubende Fehler gemacht. Nichts deutet darauf hin, dass dies bei der aktuellen Jahrhundertaufgabe anders laufen könnte. Auch in der Flüchtlingspolitik wird Deutschland Fehler machen. Die ersten sind längst passiert. Fremde zu integrieren ist keine Paradedisziplin der Deutschen. Die Willkommenen müssen nicht nur die deutsche Sprache lernen, sondern auch die deutschen Regeln des Zusammenlebens. Und auch die Willkommensgemuss etwas lernen: Wie setzt man diese Regeln durch?

Deutschlands größte und wichtigste Integrationsmaschine ist die Arbeitswelt. Obwohl fast täglich neue Daumenpeilungen über den Ausbildungsstand der Neuankömmlinge veröffentlicht werden, weiß in Wahrheit niemand, wie gut die Flüchtlinge zu den Anforderungen des heimischen Arbeitsmarkts passen. Ein Asylantrag ist so kompliziert wie eine Steuererklärung, aber welche Qualifikation Asylbewerber haben, danach werden sie nie gefragt. Immerhin zeigen erste Erfahrungen: Erstaunlich viele Flüchtlinge können tatsächlich fast aus dem Stand bei deutschen Unternehmen anfangen. Und sie werden gebraucht. Vor allem im Süden ist der Arbeitskräftemarkt leer gefegt. Wahr ist aber auch: Die erstaunlich vielen gut Ausgebildeten sind dennoch eine Minderheit.

Ansturm zum idealen Zeitpunkt

Es dauert länger: Die Aufnahme der Flüchtlinge wird ein Marathonlauf. Jetzt, in der hektischen Startphase, schlägt der Puls naturgemäß hoch. Deutschland hat sich noch nicht warmgelaufen. Noch sind die Behörden überfordert damit, die Neuankömmlinge überhaupt zu registrieren. In dieser Phase fällt es schwer, das gesamte Rennen im Blick zu behalten. Doch wie bei der Wiedervereinigung ist auch bei dieser Jahrhundertaufgabe die Perspektive von Jahren und Jahrzehnten entscheidend.

Die Aufnahme der Flüchtlinge ist eine Investition in die Zukunft. Wie bei jeder Investition, muss zuerst gezahlt werden. Mit einer „Rendite“ ist so bald nicht zu rechnen. Dennoch ist die Aufnahme der Flüchtlinge nicht allein eine Frage der Menschlichkeit. Auch mit dem Kalkül des Ökonomen ist sie eine sinnvolle und notwendige Investition. In den vergangenen 25 Jahren war Deutschland mit der Wiedervereinigung beschäftigt. Die immensen Gefahren des demografischen Wandels bekamen dabei nicht die notwendige Aufmerksamkeit. Ohne Zuwanderung verfügt der deutsche Arbeitsmarkt bis 2030 über neun Millionen Arbeitskräfte weniger. Niemand hat eine Idee, wie die alternde Gesellschaft ihren Wohlstand halten kann. Ohne Zuwanderung. Heute brauchen die Flüchtlinge Deutschland. Aber bald
braucht Deutschland die Flüchtlinge.

Deutschland muss die Menschen nehmen die kommen

Die USA, Kanada oder Australien suchen sich ihre Zuwanderer so aus, dass sie sofort das Bruttoinlandsprodukt steigern. Aufgrund der geografischen und der politischen Lage ist das für Länder in Europa unmöglich. Deutschland muss die Menschen nehmen, die kommen. Und Geld, Zeit und Mühe investieren, damit die Zuwanderer – vor allem ihre Kinder – die fehlenden Arbeitskräfte ersetzen. Im Jahr 2030. Die Chancen stehen gut: Ein Drittel der Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche, ein weiteres Viertel ist unter 25 Jahre alt. Deutschland muss hoffen, dass gerade die Jungen bleiben, wenn sich die Lage in den Herkunftsländern einmal stabilisiert.

Hätte sich ein Zukunftsplaner den idealen Zeitpunkt für den Flüchtlingsansturm aussuchen können, seine Wahl wäre auf 2015 gefallen. Deutschland ist mit der Wiedervereinigung so gut wie durch. Die Wirtschaft ist stabil. Wolfgang Schäubles Staatssäckel wird jährlich mit Rekordeinnahmen aufgefüllt. Die Deutschen haben ihre Zukunftsangst überwunden und sind so offen gegenüber Fremden wie noch nie in ihrer Geschichte.

Phase des Arbeitskräftemangels hat gerade begonnen

Trotz Pegida und trotz der erschreckenden Angriffe auf Asylbewerberheime: Deutschland ist eines der wenigen Länder Europas, in dem rechtspopulistische Parteien in den vergangenen 20 Jahren keine Chance auf Mitgestaltung hatten. Und die Phase des Arbeitskräftemangels hat gerade erst begonnen. Noch bleibt genug Zeit, die Flüchtlinge zu integrieren und auszubilden.

Wenn die Deutschen das ferne Ziel nicht aus den Augen verlieren und sich von Rückschlägen nicht beirren lassen, dann gibt es eine große Chance, dass sich auch die letzte Lehre aus der Wiedervereinigung in der Flüchtlingsfrage wiederholen wird: Am Ende wird es ein Erfolg. Mach’s noch einmal, Deutschland!

Dieser Text ist erschienen in der stern-Ausgabe Nr. 40 vom 24.9.2015

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(