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Jugend und Sex: Die Abgeklärten

Für die Teenager von heute ist Sex so selbstverständlich wie früher das Knutschen. Sie tun's einfach. Spaß haben sie nicht immer dabei: Denn die Reizflut aus Werbung und Medien setzt sie mächtig unter Druck.

Sie taucht rosa bemalte Lippen in den Milchschaum, streicht blondierte Strähnen von geschminkten Wangen und erzählt, wie es so war, als sie mit der Kindheit Schluss machte. Vor zwei Jahren, als sie an die neue Schule kam, dem Reiz des Nikotins verfiel und auch der Lust, über Sex nicht nur zu reden. Wie sie begann, sich bei H&M G-Strings zu kaufen und in der Drogerie zu stöbern, dort, wo die Kondome liegen. Wie sie mal ihren besten Freund fragte, was man beim Blasen machen muss und welche Stellung für die Jungs am schönsten ist. Wie sie ihn nach Monaten dann endlich fand, den Jungen, mit dem es passieren sollte. Sie war ja schon 14, und er sah gut aus. Wie sie es dann taten, nachmittags bei ihm zu Hause, ganz locker und, klar, mit Verhütung, und danach immer wieder, ein ganzes Jahr lang, "er war halt meine große Liebe". Bis sie sich stritten und erkannten, es mache wohl keinen Sinn mehr. "Ach ja, die Männer", seufzt Nadine und inhaliert mit großer Geste einen Zug aus der Marlboro, "ich weiß gar nicht, ob ich das noch mal will, den ganzen Stress." Sie ist heute 15 und sagt, sie fühle sich schon richtig reif.

Abends, wenn ihm langweilig ist, dann guckt er ihn manchmal. Von einem Freund hat er ihn, auf CD, und der Freund hat ihn aus dem Internet. "Kein Problem", sagt Matthias, "bei Google 'Ficken' oder 'Titten' eingeben, und wenn du Glück hast, wird dein Alter nicht gecheckt." Nein, erregt ist er nicht beim Porno-Gucken, eher amüsiert. "Das ist zum Totlachen, wenn die mit ihren riesen Teilen rummachen." Matthias ist 14 und geht mit Nadine in die neunte Klasse, Hauptschule Wertingen, Kleinstadt bei Augsburg. Man spricht Schwäbisch und weiß Bescheid.

Die beiden Schulfreunde sitzen da, zurückgelehnt zwischen Cappuccino und einem überfüllten Aschenbecher, und geben die abgeklärten Experten. Palavern von ihrem "ersten Mal", als würden Vorstandsvorsitzende von ihren albernen Streichen in der Grundschule erzählen. Schwärmen von ihren Lehrern, die in der sechsten Klasse im Aufklärungsunterricht alles über Kondome und Tampons erzählten, von ihren Freunden, mit denen sie über alles reden können, ja sogar über intime Sachen wie "Wichsen und so". Und meinen, das mit dem Sex werde völlig überschätzt. "Ein Mädchen", sagt Matthias, "kann ich mir gerade echt nicht leisten." Die Suche nach einer Lehrstelle ist wichtiger, genügend Zeit zum Boarden und für ein Bier, abends mit den Kumpel. Und ja, okay, das "erste Mal" sei auch "nicht unwichtig." Damit man sich auskennt. Damit man mitreden kann. Damit man erwachsen ist.

Teenager von heute wollen früh reif sein,

weil sie mitspielen möchten in der Welt der Großen. Und was ist die Eintrittskarte, wenn nicht das erste Mal? Sex macht erwachsen, und Sex ist überall: im Fernsehen, im Kino, in der Werbung, in Magazinen, im Internet und in der Mode. Kein Wunder, dass Teenager diesem Reizvollen Sperrfeuer nicht entkommen. "Jugendliche waren noch nie so aufgeklärt wie heute", sagt Marita Völker-Albert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). "Über die groben Fakten weiß jeder 13-Jährige Bescheid."

Und sie tun es: Jeder zweite 16-Jährige hatte schon Geschlechtsverkehr, wie eine Forsa-Umfrage im Auftrag des stern unter 1000 Jugendlichen zwischen 14 und 19 ergab. Vor drei Jahren waren es nach einer BZgA-Befragung in diesem Alter erst 40 Prozent der Mädchen und 37 Prozent der Jungs. Heute haben es mit 19 Jahren dann fast alle mal erlebt, wie die stern-Umfrage ergab.

Sex von und mit jungen Menschen - das klang auch vielversprechend für die Fernsehmacher von RTL. Seit Freitag vergangener Woche stöckeln Elfklässlerinnen über die Schulflure eines Gymnasiums und quieken Sätze wie "Ich habe keine Lust, mein ganzes Leben lang zu blasen." Der Pubertätsklamauk "Schulmädchen", dessen Pilotfolge vor drei Wochen mehr als sechs Millionen Zuschauer vor den Fernseher lockte, ist der Versuch, den derben Oral- und Anal-Humor von amerikanischen Kassenschlagern wie "American Pie" auf deutsche Klassenzimmer zu übertragen. Doch der überzogene Witz funktioniert nicht immer, oft verkommt die gezielte Übertreibung zum Klischee: Wenn der blonde Englischlehrer von leicht bekleideten 16-Jährigen mit einer Sexpille im Videoraum verführt wird, klingt das eher nach der geheimen Sehnsucht eines Drehbuchautors in der Midlifecrisis.

Trotzdem glaubt Hauptdarstellerin Laura Osswald, 21, an eine tiefere erzieherische Botschaft für die Jugend. Und welche, bitte? "Wir zeigen den Mädchen, dass sie nicht alles machen sollten, um einen Typen zu beeindrucken." Im Film sieht man dann, wie sich Zickenanführerin Stella ihre Brüste auf Melonengröße aufpumpen lässt, um die Hauptrolle im Schultheater zu bekommen. Vielleicht ließ auch deswegen die bayerische Kultusministerin und Strauß-Tochter Monika Hohlmeier beim Sender RTL anfragen, ob es wirklich nötig sei, die verruchte Schule ausgerechnet "Franz-Josef-Strauß-Gymnasium" zu nennen. RTL will jetzt umtaufen.

Medien liefern Jugendlichen

schon lange vor der Pubertät eine Menge Drehbücher über sexuelles Verhalten. "Die Jugendlichen sind regelrecht 'overscripted', und es ist für sie schwer, die vorgefertigten Schablonen abzuschütteln", sagt der Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt. Eigene Träume, Unsicherheit und Angst prallen auf eine öffentliche Inszenierung, in der Sex in allen Varianten funktioniert, ästhetisch perfekt, stundenlang und ganz ohne Pannen. In dieser Flut von wenigen Fakten und vielen Fiktionen das Drehbuch für das eigene Leben zu finden ist für die Pubertierenden extrem schwer.

Vor allem für die Jungs. Mädchen sind die Forscheren beim Kennenlernen. Mädchen sind auch fixer, wenn es um den ersten Sex geht. Sie ergreifen häufiger die Initiative und erleben ihr erstes Mal früher als die Jungs. Sexualforscher Gunter Schmidt sieht einen "radikalen Umbruch" im Geschlechterverhältnis. "Das konservative Bild, dass vor allem Jungen darauf aus sind, möglichst früh ihr erstes Mal zu erleben, gilt seit einigen Jahren nicht mehr." Von dem neuen Selbstbewusstsein der Mädchen fühlen sich die Jungs dann überrumpelt.

Sportliche Figur und ein schönes Gesicht, so wie Jennifer Lopez oder Jessica Alba, das Mädchen, das im Film "Honey" mitspielt. So soll sie also sein, die Traumfrau, da ist man sich einig, im ersten Stock des Jugendtreffs Waaghäusl in Planegg bei München. Marco, Patrick und Dominik geben die Lässigen, weite Skater-Shirts, schwere Halsketten, Füße auf dem Tisch, an den Wänden hängen Fotos von Lopez und Jeanette Biedermann. Aber irgendwie, sagt Marco, komme es doch "auf einen ehrlichen Charakter" an. Deshalb findet es der 14-Jährige gar nicht so gut, dass er das erste Mal schon hinter sich hat, "das war einfach viel zu früh". Kumpel Patrick findet Mädchen, "die ein bisschen schüchtern sind", viel attraktiver. Er ist mit seiner Freundin jetzt neun Monate zusammen und will mit dem ersten Sex noch warten. "Man muss sich doch erst richtig kennen lernen", sagt er, und das kann dann schon mal dauern, bis man "16 ist oder 17".

Von "offensiven Mädchen und hilflosen Jungen" ist auch in einer Untersuchung der BZgA aus dem Jahr 2002 die Rede. Jungen machten sich große Sorgen um das "Wohlbefinden" ihrer Partnerin beim Sex und hätten häufig Versagensängste. "Früher hat die Jungen am meisten beschäftigt: Krieg ich rechtzeitig einen hoch?", sagt der Hamburger Forscher Schmidt. "Heute fragen sie: Genüge ich überhaupt dem Mädchen, bin ich sensibel genug?" Mit ihren Fragen bleiben die Jungen meist allein: Sie reden mit ihren Freunden selten über Gefühle, wie das Mädchen mit ihrer besten Freundin tun. Sie reden auch seltener mit den Eltern, "weil es einfach peinlich ist", wie der 14-jährige Dominik sagt. Sie gehen nicht wie Mädchen zum Arzt, um sich beraten zu lassen. Sexualforscher Schmidt stellt fest: "Viele Jungen wissen nicht, wie sie mit der weichen Seite der Sexualität umgehen sollen. Sie kompensieren das mit Ruppigkeit und machomäßigem Gequatsche."

Deshalb brüllen sie im Kino, wenn in "American Pie" das Mädchen dem Jungen unter dem Restauranttisch einen Blow-Job besorgt, und rätseln abends im Bett, warum ihnen das Händchenhalten mit der Freundin so peinlich ist. Deshalb prahlen sie auf dem Schulhof von den Vorzügen des Analverkehrs in öffentlichen Toiletten und erkundigen sich später beim Jugendtelefon, ob sie ihrer Traumfrau eine SMS oder lieber einen Brief schreiben sollen. Im wahren Leben sind die Teenager eben doch noch eher früh als reif. Jungen wie Mädchen.

"Hallo Beraterteam. Mein Freund hat gesagt, wir sollen doch Analverkehr machen. Wir haben uns für nächste Woche verabredet, und ich habe Angst, dass ich was falsch mache. Bitte sagt mir, was ich tun muss", mailt die 13-jährige Jenny in einem Internetforum. Beim Dr.-Winter-Team, einem Beratungsangebot des Gesundheitsamts Böblingen, meldet sich der 16-jährige "bla": "Warum ist Sperma in Pornos eigentlich immer richtig weiß?" - "Es ist kein Sperma. In der Regel wird bei Pornoaufnahmen getrickst", beruhigt Teammitarbeiter Albert Mayer den Jüngling. Ingrid Petersen*, Beraterin beim bundesweiten Kinder- und Jugendtelefon, bemerkt vor allem bei den jungen Mädchen großen Druck: "Viele machen sich Sorgen, wenn sie 15 sind und noch keinen Freund haben. Dann rufen sie an und fragen: Was stimmt mit mir nicht?"

"Wenn die Teenager ihre Vorstellungen von Sex in ihr eigenes Leben umsetzen wollen, wird es schwierig", stellt auch die Münchner Frauenärztin Eva-Maria Jung bei ihren jungen Patientinnen fest. "Die vorgegebenen Bilder setzen enorme Leistungsstandards." Von diesen Ängsten erfährt die Ärztin meist erst am Ende der Untersuchung. "Dann zappeln sie auf ihrem Stuhl, und ich merke: Da ist doch noch was." Ob es denn wirklich so sei, dass Frauen immer zum Orgasmus kämen, wollen die 15-Jährigen wissen. Ob es sein kann, dass mit ihrem Körper was nicht stimme, wenn es bei ihnen eben nicht so ist. "Und 90 Prozent aller Mädchen", erzählt Jung, "wollen nur eines wissen: Macht die Pille dick?"

Auf solche Fragen finden Teenager nur schwer Antworten. Zu peinlich. Niemand soll merken, dass es Dinge gibt, die man vielleicht doch noch nicht so genau weiß. Aber wie dünn ein Mädchenkörper sein muss, wie groß die Muskeln eines Jungen, und wie schmutziger Sex auszusehen hat, das bekommen sie jeden Tag vorgeführt. Ungefragt, aber doch irgendwie geil.

Auf Plakaten von H&M und Palmers posieren schlanke Mädchen in Unterwäsche. Ein Autohersteller zeigt ein Paar, das auf dem Fahrersitz loslegt. In der "Bravo" (Zielgruppe ab zehn) gesteht die Punk-Sängerin Pink: "Ich lecke gerne Körperteile ab." Und im Musikvideo auf MTV schwänzeln leichte Bikinigirls um den Hip-Hopper Jay-Z herum. "Big Pimpin" (große Zuhälterei) heißt der Titel, und der schwarze Sänger rappt: "Du weißt, ich schlage sie, ficke sie, liebe sie, verlasse sie, weil ich sie verdammt noch mal nicht brauche." Zwar sagte jeder zweite der 14- bis 19-Jährigen in der stern-Umfrage, er halte solche Sexszenen in Filmen oder Musivideos für "unrealistisch" - doch gerade viele Jungs finden sie auch "ansprechend" (54 Prozent) und "anregend" (45 Prozent). Es überrascht dann nicht, wenn nach Angaben des Frankfurter Sexualforschers Volkmar Sigusch zwei Drittel der Mädchen im Alter zwischen 16 und 17 Jahren bei einer Befragung aussagten, schon mindestens einmal sexuell attackiert worden zu sein.

Details über sexuelle Techniken

und Anregungen für das eigene Liebesleben suchen sich Minderjährige vermehrt in Filmen oder Magazinen, die für sie eigentlich noch gar nicht gedacht sind: Knapp 60 Prozent aller vom stern befragten Jugendlichen haben schon mindestens einmal einen Sexfilm gesehen. Teenager suchen in pornografischen Darstellungen eine "Gebrauchsanleitung, die erogene Zonen, Lustpunkte und Stellungen erklärt", vermuten Forscher der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung in Wien.

Technisches Wissen statt echter Freundin. Umfassender Wortschatz statt echtem Freund. Gefühlte Reife statt echter Erfahrung: Möge bloß niemand hinter die pickelige Fassade schauen. Also, sagt Forscher Sigusch, "inszenieren die Jugendlichen ihr Selbst auf geradezu schrille Art und Weise, sobald sie aus der Haustür auf die Bühne treten". Die Bühne: Schule, Straße, Disco. Der Fundus: die Wäscheabteilung bei H&M.

Schick und sexy soll es sein, das Outfit für den Abend. Ein tief ausgeschnittenes Top, enge Hosen und, klar, "schöne Unterwäsche", sagt Malou und wühlt mit ihrer Freundin Yasmin bei H&M in Berlin zwischen schwarzer Spitze, rosa Tangas und BHs mit Snoopy-Aufdruck. "Ich mache mich ja nicht nur für mich zurecht", sagt die 14-Jährige. "Den Jungs will ich schon auch gefallen." Und deshalb trägt sie beim Ausgehen die Haare offen, "denn das", doziert sie, "ist ein Symbol für Weiblichkeit".

Mit dem Sex werde sie noch warten, sagt Yasmin, aber Knutschen, das müsse in ihrem Alter schon sein. Bei der Unterwäsche bevorzugen die Mädchen schwarze Strings. "Manche ziehen ihre Hosen extra so zu recht, dass man ganz viel davon sehen kann", sagt Yasmin. "Das ist doof, aber ein bisschen rausblitzen kann er ja, das ist sexy." Strings in allen Farben und Formen, lässt das Produktmanagement von H&M verlauten, seien bei jungen Mädchen ab zwölf im Kommen.

Dabei schlummern hinter der aufreizenden Fassade der Teenager oft ganz bodenständige Träume: ein Häuschen im Grünen, mehrere Kinder und ein Porsche vor der Tür. Seit dreieinhalb Jahren sind Peggy, 16, und Daniel, 19, aus Hamburg zusammen und träumen von der gemeinsamen Zukunft. Peggy war gerade mal zwölf, als sie ihn kennen lernte. Beim Spaghetti-Essen folgte die Erkenntnis, dass Peggy Daniel liebt ("Ich konnte mit ihm über alles reden") und Daniel Peggy ("Peggy kam mir reifer vor als Lina, also habe ich mich für sie entschieden"). Heute streiten sie sich manchmal, weil Daniel keine Liebesbriefe schreibt oder Peggy einem anderen Jungen hinterher guckt, aber schlafen trotzdem fünfmal in der Woche miteinander. "Sex ist halt wichtig." Irgendwann wollen sie zusammenziehen. "Wir sind superglücklich", sagt Peggy.

Auch Dominik, 14, aus Planegg träumt von der ewigen Liebe: "Mit 26 oder so eine Frau fürs Leben, Kinder und ein Haus hier in der Gemeinde", sagt er. Und Nadine, das blonde Mädchen aus Wertingen, schwärmt von einer Kleinfamilie, "irgendwo auf einem Bauernhof, bloß nicht in der Stadt".

Angesichts solcher Biederkeit der Söhne und Töchter

sind dann selbst die Eltern erstaunt. Zwar pflegen die meisten ein offenes Verhältnis zu ihren Kindern, lassen den Freund oder die Freundin zu Hause übernachten, schleppen ihre 14-jährige Tochter zum Frauenarzt, doch wenn die junge Dame dann abends mit einem halben Kleiderfetzen auf dem Leib und dicker Spachtelmasse im Gesicht aus dem Badezimmer huscht und verkündet, sie treffe sich jetzt mit ihrem 21-jährigen Liebhaber, bleibt große Ratlosigkeit auf dem heimischen Sofa zurück. In die wahre sexuelle Lebenswelt ihrer Teenager haben Mama und Papa keinen Einblick: Zwei von drei Jugendlichen gaben in der stern-Umfrage an, "selten" oder "nie" mit ihren Eltern über das Thema Sex zu reden. "Eltern sollten sich offen halten für das, was die Kinder besprechen wollen, sie aber nicht bedrängen", sagt die Sexualtherapeutin Elisabeth Raffauf. Wenn zu Hause allerdings absolute Funkstille beim Thema Sex herrscht, kann das zu bösen Überraschungen führen. So erfährt etwa die Mutter, dass sie mit 36 Jahren schon Oma wird.

Knapp 13000 minderjährige Mädchen werden pro Jahr in Deutschland schwanger. In Großstädten wie Berlin ist die Zahl in den vergangenen sieben Jahren um fast 30 Prozent gestiegen, die der Abtreibungen sogar um knapp 60 Prozent. In einer Gesellschaft, in der Sex auch im Teeniezimmer kein Tabu mehr ist, überkommt die allermeisten Jugendlichen das erste Mal wie ein Regenschauer aus heiterem Himmel. Drei Viertel aller vom stern Befragten gaben an, ihr erster Sex sei "spontan und überraschend" passiert. "Die Jugendlichen haben keine moralische Hemmschwelle mehr im Kopf", sagt Experte Schmidt. "Sex ist nichts Verruchtes, nichts Verbotenes, Sex ist von den Eltern toleriert und darf einfach auch passieren."

Zwar sagen vier von fünf Jugendlichen, sie würden niemals ohne Kondom mit einer neuen Liebe ins Bett gehen; oft genug aber bleiben im Eifer des Gefechts Gedanken an Verhütung und Aids auf der Strecke. "Der Aids-Schock der 80er Jahre wirkt nicht mehr", sagt Marita Völker-Albert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. "Gerade bei den jüngeren Teenagern müssen wir da aufpassen."

"Klar haben wir in der Schule darüber geredet", sagt Matthias aus Wertingen. "Aber das ist doch vor allem ein Problem in der Dritten Welt." Er habe außerdem gehört, dass die Inkubationszeit der Krankheit bei 20 Jahren liege. Dann wäre er 34, "und das ist ja schon richtig alt".

Mitarbeit: Eva Lehnen, Dirk Liedtke, Hannes Ross, Eva-Maria Schnurr, Inka Schmeling

Von Martin Knobbe und Isadora Tast