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Ein Bild und seine Geschichte: Von Napalm und Nagellack

Bomben machen keinen Unterschied zwischen Soldaten und Kindern. Im Juni 1972 verbrennt Kim Phucs Kindheit im Napalm-Inferno. Auf den Tag genau 35 Jahre später ist Fotograf Nick Ut wieder zur Stelle, als eine Kindheit endet. Doch diesmal riecht es nach Nagellack statt Napalm.

Von Philippp Gülland

Ruhig ist es in Trang Bang, in der südvietnamesischen Provinz Tay Ninh ducken sich flache Hütten zwischen Dschungel und Reisfelder. Kim Phucs Heimat ist eine subtropische Idylle - und Schauplatz eines Krieges, den niemand so recht versteht. Sie selbst wohl am allerwenigsten. Die Welt der Neunjährigen ist in Ordnung: spielen, im Restaurant der Eltern helfen, groß werden. Der Familie gehört ein kleines Stück Land direkt neben der Cao Dai Pagode, wo sie oft beten. Die Religion Cao Dai ist eine Mischung aus Christentum, Buddhismus und Taoismus, die in Vietnam weit verbreitet ist.

Seit kurzem tauchen oft nordvietnamesische Soldaten und Vietcong-Kämpfer in Trang Bang auf, der Krieg erreicht die kleine Siedlung - auch Südvietnams Strategen und ihre amerikanischen Berater interessieren sich plötzlich für das Dorf. Hier gilt es den Feind zurückzuschlagen oder zumindest seinen Vormarsch aufzuhalten.

Das Ende einer Idylle

Hip ist es in Los Angeles, der Stadt der Engel an Kaliforniens sonniger Küste. Zwischen Pazifik und Rocky Mountains recken sich dutzende Wolkenkratzer hinauf in den Smog, der die Metropole wie eine trübe Käseglocke umschließt. Hier ist Paris Hilton zu Hause. Bunt ist die Welt der Fünfundzwanzigjährigen, und schillernd: Selbstvermarktung, Singen, Schauspielern, Shoppen, Partys. Die Hotelerbin genießt ihr Leben in vollen Zügen. Hiltons Alltag ist eine ausgeklügelte Inszenierung, die niemand so recht versteht, sie selbst wohl am allerwenigsten. Im Mai 2007 kollidiert das Glamour-Leben mit der Realität: Im Jahr zuvor schon betrunken am Steuer aufgefallen, wird sie wenige Monate später wieder angehalten - nachts ohne Licht und ohne gültigen Führerschein. Für den Verstoß gegen ihre Bewährungsauflagen verurteilt ein kalifornisches Gericht sie zu 45 Tagen Haft. Hiltons Jetset-Kindheit ist vorbei, "The Simple Life", Titel ihrer TV-Show, bekommt eine ganz neue Bedeutung.

Alltag und Albtraum

21 Jahre alt ist der vietnamesische AP-Fotograf Nick Ut im Jahr 1972. Seit seinem 14. Lebensjahr macht er Bilder vom Krieg. Im Morgengrauen lädt er Kameras, Splitterschutzweste und Proviant ins Auto. Er und sein Fahrer verlassen Saigon auf der Route 1, einer der umkämpften Hauptverkehrsadern des Landes - von südvietnamesischen und amerikanischen Einheiten mit Mühe freigehalten, von Vietcong-Scharfschützen ständig ins Visier genommen.

Ut soll von den Kämpfen bei Trang Bang berichten. Ein Fotoauftrag wie so viele davor: aussteigen, beim Batallionskommandeur vorstellen, den Truppen folgen, Bilder machen. Mittags fordert der Kommandant der südvietnamesischen Einheiten Luftunterstützung an, der Beginn eines Albtraums. Gelber Rauch markiert das Zielgebiet, als südvietnamesische Bomber eine Stunde später das Dorf überfliegen, Napalmbomben fallen. Wo eben noch die Hütten von Trang Bang standen, fressen die Flammen des zähflüssigen Brandstoffs alles Leben. Inmitten des Infernos steht das Kind Kim Phuc: unbewaffnet und garantiert kein Vietcong. Die haben sich längst zurückgezogen.

Der AP-Fotograf denkt später zurück: Eine Frau mit schweren Napalm-Verbrennungen am linken Bein sei ihm begegnet, auch eine Mutter mit Baby, dessen Haut sich ablöste. Und dann kam Kim Phuc: "Während ich fotografierte, hörte ich ein Kind schreien und sah dieses junge Mädchen, das sich die brennenden Kleider vom Körper gerissen hatte. Sie rief immer wieder zu ihrem Bruder links neben ihr.

"Mit seiner Leica M2 dokumentiert Ut die verzweifelte Flucht des verängstigten Mädchens. "Sie rief immer wieder 'Nong qua, nong qua! - Zu heiß, zu heiß', während sie auf uns zukam." Nick Ut und sein Kollege Christopher Wain versuchen die Wunden des Mädchens mit Wasser aus ihren Feldflaschen zu kühlen, dann bringen sie das schwer verletzte Kind ins Krankenhaus im 20 Kilometer entfernten Cu Chi. Der Fotograf drängt die Ärzte, das Mädchen sofort zu behandeln, erzählt ihnen vom Angriff, dem unvorstellbaren Leid und Kim Phucs ebenso unglaublicher Flucht.

Alltag und Anstaltskleidung

8. Juni 2007: Ut lebt in Los Angeles. Auch dort arbeitet der 56-Jährige für AP. Und auch an diesem Tag gelingt ihm ein Bild, das um die Welt geht. Wieder ein weinendes Mädchen - doch ein anderer Schmerz. Hiltons Tränen haben mit denen Kim Phucs vor 35 Jahren ungefähr so viel gemeinsam wie Nagellack und Napalm.

Die exhibitionistische Blondine ist wieder auf dem Weg ins Century Regional Detention Center im nahen Lynwood. Ihr Berufungsverfahren ist gescheitert, die Anstaltskluft liegt schon bereit. Später erinnert sich der Fotograf: Die Straße vor Hiltons Anwesen sei überfüllt gewesen mit Fotografen, und da das Tor mit einer Plane verhängt war, seien das Fotografieren schwierig gewesen. Er habe weit weg gestanden. Aber: "Ich hatte Glück, das Foto zu kriegen. Ich habe auf ihre blonden Haare fokussiert." Und ja, im Verhältnis zu damals sei seine Arbeit "sehr anders".

35 Jahre, ein Fotograf und zwei Bilder, deren Geschichte gegensätzlicher nicht sein könnte, und noch durch einen weiteren Zufall ins Groteske gezogen wird: Hiltons Lieblingsspruch lautet "That's Hot" und ist patentiert.