HOME

Ein Bild und seine Geschichte: Napalm und Unschuld

Bomben machen keinen Unterschied zwischen Guerillas und Kindern - im Juni 1972 ist die neunjährige Kim Phuc zur falschen Zeit am falschen Ort, als wieder eine Bombe keinen Unterschied macht und Ihre Kindheit verbrennt.

Von Philipp Gülland

Ruhig ist es in Trang Bang, in der südvietnamesischen Provinz Tay Ninh ducken sich einige flache Hütten zwischen Dschungel und Reisfelder. Kim Phucs Heimat ist eine subtropische Idylle - und Schauplatz eines Krieges, den keiner versteht, sie selbst wohl am allerwenigsten. Die Welt der Neunjährigen ist in Ordnung: spielen, im Restaurant der Eltern helfen, groß werden. Der Familie gehört ein kleines Stück Land direkt neben der Cao Dai Pagode, wo sie oft beten. Cao Dai ist eine Mischung aus Christentum, Buddhismus und Taoismus, die in Vietnam weit verbreitet ist. Seit Kurzem tauchen oft nordvietnamesische Soldaten und Vietcong-Kämpfer in Trang Bang auf, der Krieg erreicht die kleine Siedlung - auch Südvietnams Strategen und ihre amerikanischen Berater interessieren sich plötzlich für das Dorf, hier gilt es den Feind zurückzuschlagen oder zumindest seinen Vormarsch aufzuhalten.

Einundzwanzig Jahre alt ist der vietnamesische AP-Fotograf Nick Ut, seit seinem vierzehnten Lebensjahr macht er Bilder vom Krieg. Im Morgengrauen lädt er Kameras, Splitterschutzweste und Proviant ins Auto. Er und sein Fahrer verlassen Saigon auf der Route 1, einer der umkämpften Hauptverkehrsadern des Landes - von Südvietnamesischen und amerikanischen Einheiten mit Mühe freigehalten, von Vietcong-Scharfschützen ständig ins Visier genommen. Ut soll von den Kämpfen bei Trang Bang berichten, wo nordvietnamesische Einheiten und Vietcong-Kämpfer die Straße fest in ihrer Hand haben.

Gegen halb acht erreichen der Fotoreporter und sein Fahrer das Dorf fünfunddreißig Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Saigon. Bisher ist es ein Fotoauftrag wie so viele davor: Aussteigen, beim Bataillonskommandeur vorstellen, den Truppen folgen, Bilder machen. "Wir kamen an hunderten Flüchtlingen aus dem Dorf vorbei. Sie schliefen und kochten neben der Straße, hofften auf ihre Rückkehr nach Ende der Kämpfe. Es war der dritte Tag der Auseinandersetzungen in der Gegend", erinnert sich Nick Ut später in einem Interview. Am Mittag fordert der Kommandant der südvietnamesischen Einheiten Luftunterstützung an, der Beginn eines Albtraums. Gelber Rauch markiert das Zielgebiet, als südvietnamesische Bomber eine Stunde später das Dorf überfliegen - Napalmbomben fallen. Wo vor kurzem die Hütten von Trang Bang standen, tilgen die Flammen des zähflüssigen Brandstoffs jedes Anzeichen von Leben. Inmitten des Infernos steht Kim Phuc: neun Jahre alt, unbewaffnet, garantiert kein Vietcong - die hatten sich ohnehin schon lange zurückgezogen.

Flugzeuge drehen ab, hinterlassen Rauchsäulen

Nick Ut beobachtet das schreckliche Schauspiel aus einiger Entfernung, einen Kilometer außerhalb des Dorfes, zusammen mit anderen Journalisten. Die beiden Flugzeuge drehen ab, hinterlassen Rauchsäulen und den Geruch von Napalm. Für einen Augenblick legt sich gespenstische Stille über die Reisfelder. Dann kommen die Überlebenden: schwer verbrannt, verstört und vor Angst und Schmerzen schreiend, eilen sie auf Soldaten und Reporter zu. Der AP-Fotograf denkt später zurück: Eine Frau mit schweren Napalm-Verbrennungen am linken Bein sei ihm begegnet, auch eine Mutter mit Baby, dessen Haut sich ablöst - die Folgen der bestialischen Waffe.

Dann kommt Kim Phuc: "Während ich fotografierte, hörte ich ein Kind schreien und sah dieses junge Mädchen, das sich die brennenden Kleider vom Körper gerissen hatte. Sie rief immer wieder zu ihrem Bruder links neben ihr." Mit seiner Leica M2 dokumentiert Ut die verzweifelte Flucht des verängstigten Mädchens. "Sie rief immer wieder 'Nong qua, nong qua!' - 'Zu heiß, zu heiß' während sie auf uns zukam." Nick Ut und sein Kollege Christopher Wain versuchen die Wunden des Mädchens mit Wasser aus ihren Feldflaschen zu kühlen, dann bringen Ut und sein Fahrer das schwer verbrannte Kind ins Krankenhaus im zwanzig Kilometer entfernten Cu Chi. Der Fotograf drängt die Ärzte, das Mädchen sofort zu behandeln, erzählt ihnen vom Angriff, dem unvorstellbaren Leid und Kim Phucs ebenso unglaublicher Flucht.

Der Redakteur will das Foto nicht senden

Erst jetzt, als er sicher ist, alles für die junge Vietnamesin getan zu haben, macht er sich auf den Rückweg nach Saigon. Acht Filme bringt er zurück. Eilig werden die Negative entwickelt und ausgewählt, auch das bekannte Motiv von Kim Phuc ist darunter. Acht Abzüge werden für die Übertragung per Bildfunk vorbereitet, vierzehn Minuten braucht jedes Bild durch die Leitung. Aber ausgerechnet das entscheidende Motiv will ein Redakteur nicht senden lassen: ein nacktes Kind, auch noch frontal, das verstößt 1972 klar gegen die Firmenpolitik. Eine Diskussion bis in die Chefetage in New York entbrennt, Firmenpolitik einerseits und Nachrichtenwert andererseits müssen abgewogen werden. Nick Ut und der Fotochef des Saigoner Büros, Horst Faas, setzen sich durch, das Bild wird gesendet - und überall gedruckt. Ein Kind, zwei Flugzeuge, Brandbomben, unvorstellbares Leid und der entscheidende Moment - die Rezeptur für Ikonen ist oft bitter.