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Nachruf: Rolf Gillhausen 1922-2004

Als Art Director und Chefredakteur des stern hat er Europas größtes Magazin über Jahrzehnte geprägt. Ein Nachruf von stern-Autorin Birgit Lahann.

Als der Schah 1979 aus Teheran flieht, ruft Rolf Gillhausen mich zu sich ins Büro, gibt mir seine Lupe und sagt: Suchen Sie mal zu Ihrem Persien-Text die besten Fotos raus. Wir brauchen mindestens zehn Doppelseiten. Und lässt mich mit 1000 Diapositiven allein. Als er zurückkommt und meine Auswahl ansieht, sagt er: Alles Gurken! Dann haben wir drei Stunden am Leuchttisch gesessen, und Gillhausen hat mir das Sehen beigebracht.

Gurken, das war das Bitterste, was er einem Bildreporter sagen konnte. Als die stern-Fotografen das Wort nicht mehr hören konnten, montierten sie eines Nachts das drei Meter hohe Pappmaché-Gemüse ab, das am Hamburger Mittelweg vor der Kneipe "Die Gurke" stand, schleppten es zum nahe gelegenen "Affenfelsen", dem damaligen Sitz des stern, und stellten das Monstrum in seinem Zimmer auf.

Aber wenn Gillhausen Gurke sagte, wusste er, worüber er sprach, denn er war mit seiner Leica vom Schwarzmarkt in den 50er Jahren ein glanzvoller Fotograf. In einer Oktobernacht 1956 ist er in München auf einer Party. Irgendwann in der Nacht hören sie Nachrichten: Volksaufstand in Ungarn. Russische Panzer rollen auf Budapest zu. Es gibt Schüsse, Verletzte, Tote. Noch vom Fest weg schnappt sich Gillhausen, seit 1952 beim stern, einen Reporter, und los geht's über Österreich nach Ungarn. Gillhausen sitzt oben in jenem Baum, an dem ein verhasster Geheimdienstler von wütenden Demonstranten gelyncht wird. Er fotografiert, wie staatliche Folterknechte in die Menge schießen. "Abrechnung ohne Gnade" heißt die stern-Reportage, und die Öffentlichkeit ist schockiert.

Darf ein Fotograf bei solchen Grausamkeiten auf den Auslöser drücken? Er muss, sagte Gillhausen, der ja selbst entsetzt und bewegt war. Aber ein Zeuge habe nun mal eine andere Empfindung als ein Täter. Seine Fotos gehen damals um die Welt. "Life" druckt sie nach. Das war der Ritterschlag.

Zwei Jahre später steht er mit dem Autor Joachim Heldt im Fahrstuhl, als Henri Nannen zusteigt. Wir würden gern eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn machen, sagt Gillhausen. Dann macht doch, sagt der stern-Chef. Die beiden landen am Ende in China und kommen mit einer Riesengeschichte zurück. Diese Fotos, sagt Robert Lebeck, und die aus Ungarn, Afrika und Indien sind Meilensteine der Fotografie, besser als die Bilder des vielgerühmten Franzosen Henri Cartier-Bresson. Als der Boxer Peter Müller den Ringrichter k.o. schlägt, ist Gillhausen der Einzige, der auf den Auslöser drückt.

Robert Lebeck, der große stern-Fotograf, hat Gillhausens Arbeit immer verehrt. Die beiden lernen sich kennen, als Adenauer die deutschen Kriegsgefangenen aus Russland zurückholt. Und wenn sie nicht durch die Welt reisen, spielen sie bei Lebeck in der Heimhuder Straße Schach. Gill, sagt Lebeck, war ein ungeduldiger, schneller Spieler. Er stürmte los ohne Uhr und lange Überlegung. Nein, er war kein Stratege. Und wer verlor, forderte Revanche. Das ging bis tief in die Nacht hinein bei Wein und Schnitten.

Und beide waren verrückt nach Kunst. Sie sammelten und tauschten. Schröder-Sonnenstern gegen Hundertwasser. Gill, sagt er, hat auch mal den berühmten Egon Erwin Kisch von Christian Schad gehabt, den halbnackten rasenden Reporter mit Tattoos, der heute in der Hamburger Kunsthalle hängt. Aber dann plötzlich, in den Sechzigern, legt er seine Leica weg. Sagt: Ich war immer ein guter Autofahrer, aber nie ein guter Fotograf. Er will was anderes, will das Blatt machen, wird 1963 zum Oberauge des stern. Er kauft die besten Fotografen ein und verlangt von ihnen das Allerbeste. Mit schweißnassen Händen, sagt Tom Jacobi, heute Art Director des stern, standen wir da mit unseren Fotos und warteten auf sein Urteil, das oft vernichtend war. Wie viele sind weinend mit ihren Bildern aus seinem Zimmer geschlichen.

Er konnte ganz schwer loben, sagt Peter Thomann. Wenn er ein Foto von mir länger als drei Sekunden ansah, also dann war das schon was. Und bloß keine Kommentare! Bloß keine Bilder erklären! Oder sagen: Das Wetter war schlecht oder die Sonne zu grell. Interessiert nicht. Es interessiert nur das Foto. Und wehe, wenn einer nur eine kleine Auswahl präsentierte. Gill wollte in Bildern wühlen. Lustvoll und vampirös.

Sein größtes Lob, sagt Volker Hinz, hieß: Na, das ist ja doch noch ganz gut geworden. Dann waren von 500 Dias zehn übrig geblieben. Mit denen saß er dann im Schneidersitz auf dem Boden und konzipierte ein Layout. Er war ein Bildergläubiger, ein Jäger, der seine Reporter antrieb und losscheuchte. Es kann doch nicht angehen, sagt er nach dem Attentat auf Papst Johannes Paul II., dass auf keinem Agenturfoto der Täter zu sehen ist! Also los. Ab nach Rom. Fragt überall rum. Fragt Gruppen, Schulklassen, Touristen, Nonnen, was weiß ich. Der Petersplatz war voll. Fast alle haben fotografiert. Kauft ihnen die Filme ab.

Und dann saß er da mit der Lupe am Leuchttisch, prüfte einen Film nach dem anderen, sackte irgendwann weg, schlief ein, wachte nachts wieder auf, und um sechs Uhr früh war er gefunden, der Attentäter mit erhobener Schusswaffe. Gill war großzügig und verschwenderisch, hellsichtig - und frustriert, wenn er gute Reportagen aus Platzmangel nicht drucken konnte. Da erfand er "Geo" und wurde 1976 der erste Chefredakteur des Blattes.

Beim Speisen, Trinken und Erzählen war er ein Bacchus, fröhlich, sinnlich, witzig. Er hatte es gern, wenn man ihn mit Freunden zum Essen einlud. Kicherte sein vergnügtes Lachen, wenn Johannes Mario Simmel wilde Leidensgeschichten aus Monte Carlo erzählte, trank reichlich Rotwein, wurde nie platt, schwätzte nie rum, suchte immer die nächste Geschichte, fand mindestens zwei am Abend.

Und als er um drei mit Simmel ins Taxi steigt, fragt der: Wo müssen Sie hin? Weiß ich nicht. Also dann erst mal ins "Atlantic", sagt Simmel. Als er vorm Hotel aussteigt, fragt der Fahrer Gillhausen: Und wo müssen Sie nun hin? Sag ich nicht, sagt Gill vergnügt. Und wurde früh im stern gesichtet. Das war die Adresse, die er auch im heitersten Zustand nie vergaß.

Er lebte im stern mit dem stern und war mitverantwortlich, als die gefälschten Hitler-Tagebücher erschienen. Da war er entsetzt. Hatte es, ähnlich wie Nannen, so laufen lassen. Unpolitisch. Die Fachleute haben ja geprüft. Und dann kommt er nach dem Desaster an, will retten, was nicht mehr zu retten ist. Stürzt zu Hause auf der Treppe, erscheint mit vergipstem Arm, das Blut quillt ihm aus dem Verband, und er sitzt da, bleich und stumm. Gillhausen verlässt den stern Anfang 1984 - nach 32 Jahren.

Der süchtige Seher und Sucher war der erfolgreichste Art Director Europas. Ein Mann mit 35 Goldmedaillen für seine stern-Gestaltung, ein Mann ohne Familie, ein Mann mit vielen Frauen. Einmal hat es eine Verlobung gegeben. Das war auf der Reeperbahn mit der stern-Autorin Eva Windmöller. Den Verlobungsring hat sie kurz vor ihrem Tod Gills langjähriger Freundin geschenkt, einer von zweien, die ihn auf seinem mühseligen Weg zum Tod begleitet haben. Sie ist in seiner letzten Nacht bei ihm geblieben. Das Letzte, was sie ihn sagen hört, ist: Mach das Licht aus! Am nächsten Morgen schläft er ruhig. Bevor sie geht, legt sie ihm die Lieder von Frank Sinatra auf, die er so gern hört. Und als die Tür ins Schloss fällt, singt der Old Boy: I did it my way.

Birgit Lahann / print