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Bildband "Soviet Bus Stops": Die Sowjetunion - Heimat der verrücktesten Bushaltestellen

In der Sowjetunion herrschten nicht nur Platte und Monotonie - bei Haltestellen durften Baumeister und Architekten verrückt spielen. Fotograf Christopher Herwig hat diese Perlen im untergegangenen Imperium wiederentdeckt.

Nach der Revolution gab es in der UdSSR einen Aufbruch der Architektur. Nie Dagewesenes  wurde errichtet, kühn und mutig - so wie der neue Mensch sein sollte. Unter Sowjet-Diktator Josef Stalin war Schluss mit solchen Sperenzchen, er setzte den imperialen Zuckerbäckerstil durch. Designexperimente gab es nur noch bei spektakulären Einzelprojekten, mit einer Ausnahme: Den Wartehäuschen für Bus und Bahn - hier wurden alle Architektenträume wahr.

Die Wartehäuschen sind kunstvolle Einzelstücke. Bevor diese Zeugnisse des Sowjetmenschen endgültig zerfallen, hat sich Fotograf Christopher Herwig auf eine 30.000 Kilometer lange Reise gemacht, um sie in einem Bildband zu konservieren. Er bereiste das ehemalige Imperium vom Schwarzen Meer bis in die zentralasiatische Steppen, um 159 Bilder zusammenzutragen. "Der Geschmack des Sowjet-Imperiums ist fantastisch", schreibt Jonathan Meades im Vorwort.

Es gibt nichts, was der Fotograf nicht gefunden hätte. Expressionistische Quader im Stil der 20er Jahre Avantgarde, Dolmen-Dome wie aus der Steinzeit und blau besetzte Schalen, die wie eine Miniaturausgabe der Moscheen Timur Lengs wirken. Jeder Stil, jedes Material wurde benutzt. Beim Wartehäuschen bewahrte sich der sonst oft so lähmende Sowjet-Staat seine jugendliche Frische. Die Haltestellen waren der Ort, an dem Baumeister und Architekten frei waren von der Monotonie der zentralen Planung, hier konnten sie das Fantastische und das Lokale zelebrieren.

Professor Konstantinas Jakovlevas-Mateckis erinnert sich in dem Band an die 1960er Jahre: "Wir wollten die ersten moderne Straße zwischen Vilnius und Kaunas errichten. Die Bushaltestellen waren ein Mittel, der Monotonie der Sowjetzeit zu entkommen und unsere lokalen Traditionen zu feiern."

Gepackt hatte es Herwig im Jahr 2002, als er mit dem Fahrrad durch das Baltikum radelte. "Da haben sie mich angesprungen. Kaum raus aus Litauen bemerkte ich überall diese kostbaren Haltestellen." Zuerst hielt sich der Stil noch zurück. Pastellfarben ließen die Buden wie Puppenhäuser erscheinen, und je weiter er ins Reich der untergegangenen UDSSR reiste, umso verrückter wurden die Bauten. "Manche Häuschen waren vollkommen wahnsinnig. Es war, als habe jeder Unterstand eine eigene Persönlichkeit. Da habe ich gemerkt, dass ich nur Klischees über die Sowjetunion im Kopf hatten. Da gab es Millionen von Menschen mit Visionen, die die Grenzen der Kreativität weiter ausdehnten."

Soviet Bus Stops 32 Euro

Fotograf Christopher Herwig