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Reportage der Woche

Kambodscha: Einblick in einen Ort, den es so eigentlich nicht geben darf

Er reist und fotografiert für sein Leben gern – für uns berichtet Lars Schreiber von seinem Abenteuer in Kambodscha. Über die stillgelegten Goldminen von Preah Meas - in denen sich Menschen tummeln, die nach verbotenem Glück suchen.

Zwei Männer hängen über einem Mineneinstieg

Arbeiter beim Einfahren in die Mine, Sicherheitsbestimmungen gibt es keine. Die Männer tragen teilweise nur Flip-Flops. Das Gestell zum Herunterlassen besteht aus einem stabilen Stock und eine paar Seilen.

Ich war bereits einige Male in Kambodscha und habe mich in dieses kleine Land in Südostasien schon bei meinem ersten Besuch verliebt. In Phnom Penh lerne ich jemanden kennen, der den Bürgermeister von Sen Monorom kennt. In dessen Guesthouse soll ich einchecken, da er mir vermutlich am schnellsten weiterhelfen kann, meinen Weg zu den Goldminen von Preah Meas zu finden. Am Rande von Sen Monorom finde ich das Guesthouse relativ problemlos. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass die Minen, von denen man hier durchaus gehört hat, nicht im Einflussgebiet des hiesigen Bürgermeisters liegen, eine Fahrt dorthin zudem beschwerlich und die gut 60 Kilometer nur mit einem Offroader zu überwinden sind: Straßenbefestigungen existieren nicht, eher ein ausgefahrener Weg, der sich staubig und voller tiefer Riefen durch die Landschaft zieht.

Etwas frustriert entschließe ich mich nach zwei Tagen vergeblichen Suchens dazu, eine nahegelegene Bar aufzusuchen und den Abend mit ein paar Bier zu vollenden. Das Schicksal schlägt manchmal seltsame Haken. Diese Bar gehört dem lokalen Biermanager, der die Region mit dem guten Angkor-Bier beliefert. Neben den benachbarten Orten unter anderem auch das kleine Dorf Preah Meas, wo sich die Minen befinden.

Es geht los!

Jetzt gilt es zu klären, wann die nächste Lieferung stattfindet und ob der Biermanager oder sein Angestellter mich mitnehmen würde. Weil ich jeden Abend in der Bar bin, entwickelt sich eine Art Freundschaft – nach zwei Tagen des Wartens soll es losgehen. Ich fahre mit einem Angestellten mit dem Motorrad vor und der Transporter, ein umgebauter Toyota Hilux, mit dem Bier hinterher. Gut vier Kilometer weit sind wir mit dem Roller gekommen, als sich das Automatikgetriebe verabschiedet. Also heißt es: auf den Biertransport warten, den Roller im Gebüsch verstecken, ab aufs Dach und über Geröll, durch Flüsse und über schottrige Pisten weiterfahren.

Unterwegs halten wir ein paar Mal an, um einen kleinen Teil der Lieferung abzuladen. Nach gut vier Stunden stehen wir mitten im Nirgendwo und weit entfernt von allen Vorstellungen, die sich wohl eine angehende Braut macht, wenn sie an ihren Ehering denkt.

Abseits vom Abseits

Der Ort wirkt auf den ersten Blick menschenleer. Man hört nur die Motoren der Schleifsteine und den der Zugmaschine, die Mensch und Material aus den Schächten zieht. Ab und zu klingelt es, was, wie sich später herausstellt, signalisiert, wann der nächste Trupp in einen der Schächte einfahren darf. Unter Planen versteckt, vor Sonnenschein geschützt, stehen kleine Loren, Schienen und Maschinen.

An den Rand des Areals reihen sich kleine Shops, vor denen sich der ein oder andere in der Sonne ausruht. Hier ist unser erster Halt in Preah Meas: Bier abladen, einer der Gründe für den Fahrer, warum wir hier sind. Argwöhnisch beäugen mich die Einheimischen. Weiße sieht man hier selten und gar nicht gut finden sie den Grund meines Besuchs: Neugier und Fotografie. Ein paar Reporter haben hier bereits ihr Glück versucht, sind aber gescheitert. Diesen Ort hier soll es aus Sicht der Bewohner, Betreiber und Minenarbeiter offiziell lieber nicht geben. In einem Land, wo man mit einer Panzerfaust auf eine Kuh schießen kann, wenn die Bezahlung stimmt, ist mein oberstes Gebot: erst einmal sachte rantasten.

Erfahrung hilft weiter

Da ich von anderen Reisen ähnliche Situationen kenne, hilft mir die "Backpacker auf der Suche nach einem Abenteuer, der auch noch mit einem Biertransporter kommt"-Masche weiter. Meine Kamera lasse ich erstmal in meinem Rucksack. So ist der ein oder andere bereit, mir ein paar Ecken zu zeigen, zu denen wohl niemand Zutritt hat, der seine Kamera direkt draufhält. Dabei geht es den Menschen nicht darum, dass sie nicht fotografiert oder interviewt werden möchten, sondern vielmehr darum, keinen Ärger mit ihrem Boss, dem Minenbetreiber zu bekommen.

Der größte Teil der Leute, die hier arbeiten, sind sozusagen Freiberufler, die von dem profitieren, was in der Ladung nach oben gefördert wird. Mit einfachen Flip-Flops und ohne Sicherung seilen sie sich in die bis zu ein paar hundert Meter tiefer liegenden Minen ab. Die Schächte sehen im ersten Moment alle gleich aus. Am Ausgang befindet sich eine kleine Schiene, auf der so etwas wie eine Lore steht, die den Abraum aus dem Loch bringt; ein Loch im Boden, durch das an einfachen Seilen die Menschen und das Material hoch und runter befördert werden. Alles wirkt simpel und willkürlich, doch über die Jahre hat sich ein fester Ablauf entwickelt: Nachts wird gesprengt, tagsüber geräumt und gestemmt.

Eine eigene Routine

Der Abraum wird in jeder Schicht nach oben und zu den Steinmühlen gebracht. Hier wird er zu Staub zermahlen und das enthaltene Gold mit Quecksilber gebunden. Das Quecksilber wird aufgekocht und verdampft. Übrig bleibt ein kleiner Haufen Gold/Glück, der die Arbeiter mit Geld versorgt, um ihre Familien zu unterstützen – oder aber in das Bier zu investieren, das wir heute gebracht haben.

Es gibt findige Leute, die kondensieren das verdampfte Quecksilber erneut. Insgesamt eine sehr belastende Arbeit für Mensch und Umwelt: Überall befinden sich große Lachen von den Spülstellen des Restmaterials, die das ganze Areal wie eine Mondlandschaft aussehen lassen. Hinzu kommt, dass keine Landkarten oder Ähnliches existieren, nach denen neue Tunnel und Löcher in das unterirdische Gestein gebohrt und gesprengt werden. Jeden Monat stirbt jemand, weil ein Schacht zusammenstürzt, da bereits ein paar Wochen zuvor nur einen Meter darüber von einer anderen Mine aus ein Tunnel gegraben worden war.

Der LTE-Empfang ist ausgezeichnet ...

Dennoch geht es dem Dorf alles in allem anscheinend sehr gut. Auf dem kleinen Markt sehen die Früchte im Vergleich zu denen in der Provinzhauptstadt bedeutend frischer aus und der LTE-Empfang ist hier sogar ausgezeichnet. Was die Menschen ignorieren, ist die Natur.

Nicht nur Kambodschaner, Vietnamesen, Laoten und Chinesen suchen hier ihr Glück in einer Goldader. Am Ende der Welt treffe ich auch einen Engländer, der in Flüssen nach Gold sucht. Vermutlich haben wir beide den gleichen Gesichtsausdruck, als wir uns zufällig begegnen, und wohl gedacht: "Was macht der hier? Aber er muss ja irgendwie cool sein, wenn er hierher gefunden hat." Wenn man einem Menschen an solch einem Ort begegnet, hat das etwas Magisches. Wir haben uns kurz unterhalten und für einen intensiven Austausch in Sen Monorom verabredet.

Aber das ist eine andere Gesichte.

Weitere Bilder von Lars Schreiber finden Sie auch in unserer VIEW Fotocommunity

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