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WAS MACHT EIGENTLICH...: Frl. Menke

Mit dem Song "Hohe Berge" komponierte und sang Frl. Menke eine Hymne der "Neuen Deutschen Welle". Die Single verkaufte sich über 200.000 Mal. Heute fährt die Hamburgerin Pakete aus.

Frl. Menke

Frl. Menke

Frl. Menke, erklären Sie bitte noch mal allen Unwissenden: Was war die Neue Deutsche Welle?

Wir haben vor 20 Jahren versucht, am Zeitgeist orientierte Musik zu machen. Mit deutschen Texten. So wie es heute deutschen HipHop gibt, gab es Anfang der Achtziger deutschen Punk und New Wave - die Neue Deutsche Welle.

Sie waren eines ihrer Aushängeschilder.

Damals gab es eine Aufbruchstimmung, und ich war froh, dabei zu sein. Eigentlich schwärmte ich nicht nur für Nina Hagen und Udo Lindenberg, sondern auch für Roxy Music und Stevie Wonder.

Eine seltsame Mischung.

Ich habe schnell kapiert, dass ich nicht die Seele habe, um so was wie Stevie Wonder oder Marvin Gaye zu singen. Ich bin eben ein Kind aus der Nordheide. Deshalb habe ich mir gedacht: Mach was Deutsches, das dir entspricht.

Als Fräulein Menke trugen Sie eine Art Dirndlkleid mit beachtlichem Dekollet?, und Ihr erster großer Hit hieß »Hohe Berge«. Entsprach Ihnen das Bild dieser Alpen-Lolita?

Nein, aber ich wollte das deutsche Klischee des Schlagerstars persiflieren. Ich mochte diese Uschi-Glas-Filme, diese Heimatschinken in Technicolor. Das hatte so was Beruhigendes. Aber natürlich meinte ich das alles ironisch.

Haben die Leute das verstanden?

Zum Teil überhaupt nicht. Manche schickten mir Briefe und schrieben: Ach, Fräulein Menke, wir lieben die Berge auch so sehr wie Sie!

Sie waren ein Vorbild für die Spießer?

Ich wollte das genaue Gegenteil: »Hohe Berge« war eine Art von Befreiungsschlag für mich. Ich arbeitete damals als Verlagsangestellte bei meinem Vater in der Firma und tippte Briefe ab. Ich war 22 und wollte einfach raus.

Die Neue Deutsche Welle war spätestens 1984 vorbei. Wie ging es für Sie weiter?

Ich habe zwei Kinder großgezogen. Meine Tochter Alice ist heute 14, mein Sohn Ivo ist zwölf. Außerdem habe ich ziemlich erfolgreich Musik für Fernsehwerbung gemacht.

Und jetzt ?

...arbeite ich bei UPS und fahre Pakete aus.

Wie bitte? Fräulein Menke düst im Sauseschritt durch Hamburg und schleppt Kisten und Kartons?

Ja, seit vier Jahren. Jeden Vormittag von sieben bis eins. Ich nutze das als bezahltes Krafttraining. Auf der Bühne muss ich fit sein. Wieso sollte ich viel Geld fürs Fitnesscenter ausgeben, wenn ich mit diesem Krafttraining sogar Geld verdienen kann?

Wie oft stehen Sie noch auf der Bühne?

Ich habe zwei oder drei Auftritte im Monat - meist NDW-Partys, wo alle alten Kollegen wieder zusammen sind: Markus, Geier Sturzflug, Peter Schilling...

Empfinden Sie es als Makel, als ehemaliger Popstar heute hart für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten?

Ich sehe das ganz pragmatisch: Ich muss fit für die Bühne sein, und ich muss Geld verdienen. Zugegeben: Jemand wie Nena kann auch ohne Paketdienst leben.

Sie nicht?

Ich habe vor Jahren ein Haus gekauft, das abbezahlt werden muss. Ich komme zurecht, aber ich lebe von der Hand in den Mund.

Werden Sie am Steuer eines Lieferwagens von Ihren Kunden erkannt?

Selten. Und wenn mich jemand erkennt, dann lache ich und sage: Passen Sie auf, morgen kommt Tony Marshall.


Zur Person: Franziska Menke (40) lebt mit ihren beiden Kindern und einer guten Freundin vor den Toren Hamburgs in Maschen. Dort besaß ihr Vater Joe Menke ein eigenes Musikstudio und produzierte unter anderem die Country-Band Truck Stop. Als Frl. Menke verkaufte die Sängerin zwischen 1982 und 1992 rund 2,5 Millionen Platten. Ihre größten Hits der Neuen Deutschen Welle waren neben "Hohe Berge" "Traumboy" und "Tretboot in Seenot".

Interview: Tobias Schmitz

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