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TV-Kritik

Dschungelcamp, Tag 6: Die Dschungel-Sprechstunde ist eröffnet

Die bislang stumme Nicole Mieth macht im Dschungelcamp endlich mal den Mund auf. Thomas Häßler muss noch herausfinden, dass Herumgammeln nicht spielentscheidend ist. Hanka mausert sich derweil wortgewandt zur Favoritin.

Von Simone Deckner

Geriet am Pool ins Plaudern über ihre Ex-Freunde: Gina-Lisa Lohfink (l.)

Womöglich hat sie das alles von langer Hand geplant: die Stille. Das Schweigen. Dieses gewisse Nichts. Um geheimnisvoll zu wirken, also, so geheimnisvoll wie man wirken kann, nachdem man sich pünktlich zum Start des Dschungelcamps für ein großes Männermagazin ausgezogen hat. Bislang war Nicole Mieth die Antithese zu den übrigen Campbewohnern, die gefühlt reden und reden und reden und reden und reden, so als würden sie pro Wort bezahlt. An Tag 6 im Dschungel – man denke sich jetzt bitte eine dramatisch betonte "Prominent!"-Vox-Moderatorenstimme dazu – war es dann soweit: "Nicole Mieth bricht ihr Schweigen!"

Gut, sie hatte keine Wahl. Die Zuschauer wollten sie neben Schnatterinchen Hanka in der Dschungelprüfung sehen. Vielleicht wollten sie aber einfach nur sicher gehen, dass "die Nicki" (Hanka) wirklich sprechen kann. Sie kann: "Mega!" kann sie sagen. Und "Ich habe mich geschnitten", nachdem sie sich beim Zubereiten des Abendessens in den Finger gesäbelt hatte. Die Fragen der Dschungelprüfung zu beantworten, überließ die Soap-Schauspielerin zuvor aber lieber Hanka, während beide an einem Windmühlenflügel festgeschnallt durch die "ungefähr 52 Grad" (Sonja Zietlow) heiße Luft segelten. In regelmäßigen Abständen regnete es dazu wie üblich Getier.

Und Fragen: Wie heißt die Regenbogenhaut des Auges? Die Strecke vom Kreismittelpunkt zur Kreislinie ist der …? Nicht auszudenken, wären an Hankas Stelle Blitzbirnen wie Sarah Joelle oder Jens Büchner befragt worden: "Wie, was, Regenbogenhaut? Rechts oder links? Äh, sorry! Das Schwarze oder das Weiße jetzt?" "Boah ey, ich kann kein Mathe! Krass, was für 'ne Kreislinie? Wovon redest Du?!" Blieb allen erspart, Hanka sei Dank. Zwölf Sterne gab es. Jackpot. Und eine befreit wirkende Hanka, die die "echte, ursprüngliche Hanka" wieder zu entdecken begann: "Die war nämlich eine Abenteurerin."

Als denkende Frau unter Posern

Man muss das hier ja in aller Deutlichkeit sagen: Hanka gilt als verrückt, dabei steht sie offen zu ihren Ängsten. Das ist mutig. Sie lässt etwa niemanden darüber im Unklaren, dass sie sich davor ekelt, andere anzufassen. Es sei denn, dieser andere schlägt Wurzeln. (Kurzer Einschub: Da der letzte gute Witz über Menschen, die Bäume umarmen, circa 1991 gerissen wurde, bleibt diese Beobachtung der Dschungelkameras an dieser Stelle unkommentiert.)

Hanka steht auch dazu, dass sie sich vor der Boshaftigkeit ihrer Mitcamper fürchtet. Dabei entgeht ihrem durch Lebenserfahrung (Immobilienmaklerin!) erworbenen Röntgenblick nichts: weder das kalkulierte Posieren einer Sarah Joelle, noch das künstliche Getue einer Kader oder das Proll-Posing eines innerlich völlig verkümmerten Homo oeconomicus namens Honey. In einem Camp, in dem geglättete Gesichter, aufgeblasene Brüste und teil- bis totaltätowierte Körperteile als Norm gelten und nicht etwa als Ausdruck panischer Angst, nicht dazu zu gehören, muss sich eine denkende Frau wie Hanka naturgemäß wie eine Außerirdische vorkommen.

Thomas Häßler und Frl. Menke: War da was?

Man darf nach fast einer Woche Dschungelcamp auch über Enttäuschungen sprechen. Dass "Hau ab, Du bist kein Alkohol und Du bist auch kein Bier"-Gröhler Jens Büchner nicht abends am Lagerfeuer den kategorischen Imperativ von Kant dekonstruiert – geschenkt. Dass Sarah-"Mir egal wie du mich nennst, du kannst mich auch Dumpfbacke nennen"-Joelle nicht jeden Morgen nach der Dusche die denkwürdigsten Sätze der feministischen Autorin Laurie Penny zitiert – sei's drum! Dass ein geföhnter Gockel, den RTL kurzerhand als "prominent" erklärt, weil er sich nicht schämte, seiner Ex-Freundin vor laufender Kamera einen rein zu würgen, im Dschungel weiter den selbstverliebten Suppenkasper gibt – wen juckt es?

Dschungelcamp, Tag 6: Insekten, Beichten und Intrigen: Der sechste Tag in Bildern
Dschungelcamp

Nanu, wer lauscht denn da? Botox-Boy Florian hört heimlich zu, als Sarah Joelle und Kader auf einer Liege tuscheln. "Ich beobachte alle. Ich muss immer sagen, was ich denke, und wenn ich das in mich reinfresse, ist das für mich selber nicht gesund", sagt Sarah Joelle. Florian Wess spinnt sich daraufhin seine eigene Intrige zusammen.


Andere aber machen es sich aber doch zu leicht. Es gibt ja mit Thomas "Icke" Häßler und Frl. Menke zumindest zwei Camp-Insassen, deren Karriere nicht nur darauf gründet, dass sie irgendwann mal in irgendeinem Trashformat des Privatfernsehens irgendwie gar nichts gewonnen haben. Der Mann war Welt- und Europameister im Fußball, nicht bloß Achter beim TV total Stock Car Crash Challenge von Stefan Raab! Jetzt tut er so, als hätte RTL ihn als prominenten Pritschentester engagiert – für viel Geld, versteht sich. Da kennt er sich als Fußballprofis ja aus. Erst teuer eingekauft, dann die halbe Saison auf der Bank gesessen. Wenn Häßler nicht gerade bräsig herumliegt, lässt er sich manchmal von Mallorca-Jens umarmen. Aber das tangiert einen, der früher Reportern klangvolle Sätze wie "Ich bin körperlich und physisch topfit" ins Mikrofon diktierte, vermutlich auch nicht weiter.

Oder was ist mit Frl. Menke? Mit "Treetboot in Seenot" und "Hohe Berge" spielte sie gleich zwei unkaputtbare Gassenhauer der Neuen Deutschen Welle ein. Für die Jüngeren: Bitte mal bei YouTube checken! Famos, wie sie im hellblauen Dirndl beziehungsweise im dunkelblauen Matrosen-Outfit arschlangweilige Altherrenveranstaltungen wie die "ZDF Hitparade" aufmischte. Sieht man sie heute unmotiviert durchs Camp schlurfen und sich nie einmischen, weil dass die Leute mit sich selber ausmachen müssen, fällt einem nur noch die (im Nachhinein betrachtet) prophetische Liedzeile aus ihrer eigenen Feder ein: "Schatz, es ist kein Land zu sehen."

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Maximales Desinteresse bei Kader

Im übertragenen Sinn gilt das auch für Gina Lisa. Die ließ sich am Bach darüber aus, dass sie immer an die falschen Männer gerate. "Die meisten haben mich verarscht, ich lasse mir so viel gefallen, dabei koche ich und backe und mache alles." Einwurf der Diven-Beauftragen Kader L.: "Schatz, du musst dich doch nicht über Kochen und Backen definieren. Du brauchst einen Mann, der dich auf Händen trägt!" Am Ende des Tages möchte womöglich eine Gina Lisa auch bloß "glücklich sein". Leider hakten ihre Anteilnahme nur heuchelnden Zuhörer nicht weiter nach, als sie seufzte: "Ich habe manchmal gedacht, ich habe mein Lachen verloren." Timm Thaler, übernehmen sie!

Und dann war da noch das: Die erfahrenen Reality-TV-Darsteller Kader und Marc schieben Nachtwache. Marc: "Sag, wo kommst du her?" Kader, genervt: "Lass mal, wir müssen nicht reden!" Betretenes Gesicht beim Amerikaner. Der dennoch einen zweiten Anlauf startet: "Okay, ik mökte a Book schreiben, wenn I turn 40." Kader, maximal unbeeindruckt: "Was? Warum? Wer will das lesen?" Gespräch beendet. Hanka schlief schon. Sonst hätte sie den Satz, der ihr bei der erfolgreichsten Dschungelprüfung der bisherigen Staffel spontan aus dem Mund gerutscht war, direkt noch einmal in den Dschungel rufen können. Sie hätte ihn rufen können wie eine moderne Jane, das Tongerät war ihr vorher ohnehin in den See geplumpst. Es war ein Satz, so kraftvoll, dass sie ihn schon heute auf ein T-Shirt ihrer Wahl drucken könnte: "Halte fest, was scheiße ist!"

Geriet am Pool ins Plaudern über ihre Ex-Freunde: Gina-Lisa Lohfink (l.)