Prozess um Auto-Anschlag
Überlebende schildern Anschlag: "Dieses unsägliche Leiden"

Der Kinderwagen vor dem Auto des Täters. (Archivbild) Foto: Christoph Trost/dpa
Der Kinderwagen vor dem Auto des Täters. (Archivbild) Foto
© Christoph Trost/dpa
Im Prozess um den tödlichen Auto-Anschlag von München vor einem Jahr schweigt der Angeklagte zur Tat – doch andere sprechen, auch wenn es schwerfällt.

"Dieses unsägliche Leiden, was da war", sagt er und stockt. Er habe die später gestorbene Mutter gesehen und wie Ersthelfer versuchten, sie zu reanimieren. Auch den Kinderwagen, in dem das zweite Todesopfer, die kleine Tochter der Frau, gesessen habe, habe er gesehen. "Ich kannte die alle nicht, aber die Bilder habe ich." 

Im Prozess um den Anschlag auf eine Verdi-Demonstration in München hat ein Überlebender vor dem Oberlandesgericht (OLG) München von diesen fürchterlichen Bildern berichtet, die er seither im Kopf hat. "Mir sind die Szenen sehr in Erinnerung."

"Mitten im Satz ist er weg"

Der 1978 geborene Mann war gemeinsam mit Kollegen auf der Demonstration der Gewerkschaft Verdi und hatte sich nach eigenen Angaben gerade mit den anderen Männern an das Ende des Zuges begeben und ein Selfie gemacht, als das Auto des Angeklagten heranraste. 

Für ihn sei das Fahrzeug wie aus dem Nichts gekommen, sagt der Zeuge. Er habe sich noch ganz normal mit seinem Kollegen unterhalten. "Ich frag' ihn nach den Befindlichkeiten von seiner Mutter, er antwortet und mitten im Satz ist er weg."

Etwa 20 Meter entfernt habe er seinen Kollegen dann verletzt auf dem Boden liegen sehen. Er habe sich um ihn gekümmert, "weil er bewusstlos war und ich nicht wusste, ob er überhaupt noch lebt". Leichenblass sei der Mann gewesen – und er selbst wahnsinnig erleichtert, als sein schwer verletzter Kollege nach einigen Minuten wieder zu sich kam: "Ich hab' mir gedacht, dass er das nicht überlebt hat und war dann so dankbar, dass er sich bewegt."

Aufprall für Schwerverletzten wie "schwarzes Loch"

Der Schwerverletzte selbst kann sich an den Aufprall nicht erinnern. Wie "ein schwarzes Loch" sei das, sagt der 1981 geborene Mann, als er später mit seiner Zeugenaussage dran ist. "Das erste Licht" sei sein Kollege gewesen, auf dessen Schoss liegend er wieder aufwachte.

Sein vierfach gebrochener Unterschenkel und das gerissene Kreuzband bereiteten ihm heute keine Schmerzen mehr, sagt er. Das Implantat – die Platten und Schrauben – müssten bald entfernt werden. "Joggen ist nach wie vor mein großes Ziel", erzählt er. Aktuell fehle noch die Kondition, aber da käme er wieder hin, das hätten ihm auch die Ärzte versichert.

"Ich bin sicherlich nicht der Einzige, der das Kapitel gerne abschließen und sich auf das neue Leben konzentrieren würde", sagt er. Und abschließend angesprochen auf seine Familie: "Wir leben jeden Tag in dem Bewusstsein, dass wir dankbar sind, dass ich noch lebe."

Mehr als 40 Verletzte

Mehr als 40 Menschen waren verletzt worden, als ein heute 25 Jahre alter Afghane vor etwas mehr als einem Jahr in die Demonstration in der Nähe des Münchner Stiglmaierplatzes gerast war. Eine Frau und ihre zwei Jahre alte Tochter starben. Die Ermittler gehen von islamistischem Terrorismus als Motiv aus.

Der Zeuge, der als Erster von mehreren Überlebenden vor Gericht aussagt, wurde damals nur leicht an der Hand verletzt, als das Auto vor etwas mehr an einem Jahr an ihm vorbeiraste und seinen Kollegen erfasste: "Ich muss im Grunde den Spiegel mitgenommen haben – oder der Spiegel mich." In seiner Aussage scheint der Mann immer wieder mit den Tränen zu kämpfen, muss manchmal innehalten, durchatmen, die Augen schließen. 

"Auch ein Kind auf der Straße gesehen"

"Ich habe auch ein Kind auf der Straße gesehen, welches von der Polizei aus dem Kinderwagen herausgeholt wurde", sagt er. Er erinnere sich daran, dass die Menschen versucht hätten, das Auto hochzuheben – wohl um Verletzte darunter zu befreien. 

Regelmäßig auf dem Weg zur Arbeit komme er am Tatort vorbei, wenn ein Auto besonders schnell fahre, mache ihm das Sorgen: "Ich bin umsichtiger im Straßenverkehr." Ob er nochmal an einer Demonstration teilnehmen werde, könne er heute noch nicht sagen. Eigentlich finde er es wichtig, gewisse Themen in die Öffentlichkeit zu holen, aber: "Im Moment meide ich Großveranstaltungen."

Zeuge feiert "zweiten Geburtstag"

Schon einen Tag nach dem Anschlag habe er wieder gearbeitet, sagt der Mann – "um die Kollegen zu beruhigen". Körperliche Folgen habe er nicht davongetragen, von den Splittern in seiner Hand seien nicht einmal Narben geblieben. "Ich hab' halt mehr diese Bilder im Kopf und das ist schon etwas, wo ich dran knabbere." 

In der kommenden Woche will er mit seinem Kollegenteam essen gehen, "um unseren zweiten Geburtstag zu feiern, weil: Wir haben das überlebt".

dpa

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