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Aus Liebe zum Tier: Der mit dem Rehbock kuschelt

Walfried Sander ist Bio-Bauer und Winzer. Aber kein gewöhnlicher. Denn vor zwei Jahren fand er ein halbtotes Rehkitz. Er nahm es zu sich, zog es mit der Flasche auf und es blieb bei ihm - im Zelt.

Von Denise Wachter

Es klingt wie aus einem romantischen Disneyfilm. Ein Bauer findet ein Rehkitz, zieht es auf und es weicht ihm nicht mehr von der Seite – selbst nachts nicht. Die beiden teilen sogar das Nachtlager.

Alles begann mit einem Unfall vor zwei Jahren: Walfried Sander erwischt mit seinem Mähdrescher ein Reh. "Rehe ducken sich oft im Feld und laufen nicht gleich weg, wenn wir Bauern mähen. Das passiert sogar ziemlich häufig", sagt Bauer Sander.

Normalerweise ruft man dann einen Jäger, damit er das Reh erschießt. Das tat Sander auch. Doch dann stellte sich heraus, dass sich etwas im Bauch des toten Rehs bewegte. Das Reh war schwanger. Bauer Sander handelte sofort und machte einen Notkaiserschnitt. Das Kitz wollte er unbedingt groß ziehen. Leider verstarb es schon zwei Wochen später.

"Er wollte unbedingt ein Rehkitz großziehen"

"Danach war Waller restlos infiziert mit dem Rehvirus. Er wollte unbedingt ein Rehkitz groß ziehen und telefonierte die Nachbarschaft ab", erinnert sich Freund und Winzer Dirk Würtz. Einige Tage später finden Nachbarn ein Rehkitz für Walfried Sander - sein "Böckchen", wie er es liebevoll nennt.

Walfried Sander ist Bauer aus Leidenschaft. Seit über dreißig Jahren ist sein Hof, der im Herzen von Rheinhessen liegt, Demeter zertifiziert. Neben der Züchtung von Angus-Rindern baut er hauptsächlich Weizen an und macht auch seinen eigenen Wein.

Das Rehkitz wurde womöglich vom Auto angefahren und zog sich einen Schädelbruch zu. Raben und Krähen hatten bereits kräftig auf dem Kitz rumgehackt und es verstümmelt. Seitdem liegt der Kopf auch etwas schief. Der Tierarzt prognostizierte dem kleinen Reh, namens Skippi, keinerlei Überlebenschancen. Doch das Tier war stärker. Liebevoll umsorgt wurde es vom Bio-Bauern Sander und seiner Frau Petra Sander.

Im Winter frieren ihm die Augen zu

Zuerst schlief das Reh im Bett des Bio-Bauern, doch dies wurde bald zu ungemütlich. Deshalb wollte der Bauer das Reh in den Garten "auswildern". Eigentlich nur, um zu sehen, ob sich das Reh zurecht findet, schlug Bauer Sander ein Zelt im Garten auf. In der Nacht jedoch schlich sich das Rehkitz zu ihm ins Zelt.

Seit diesem Tag, vor gut zwei Jahren, schläft der Bauer mit dem Rehbock in einem Zelt. Egal ob Sommer oder Winter. Und auch, wenn Walfried Sander im Winter die Augen zufrieren. Er bleibt beim "Böckchen". Er kaufte sich einen Wohnwagen, stellte ihn im Garten ab und schlief nicht, wie man meinen könnte, im Wohnwagen, sondern im Vorzelt des Wohnwagens. Denn "Böckchen" wollte nicht im Wohnwagen schlafen.

Er ist konsequent und fühlt sich total wohl dabei

"So lange es dem Böckchen gut geht, geht es uns auch gut", sagt Bauer Sander. Das findet auch seine Frau Petra: "Wir sind so glücklich, dass wir Skippi retten konnten. Mein Mann und ich haben schon vorher getrennt geschlafen, weil er so geschnarcht hat", sagt Petra Sander lachend. Deshalb sei es ihr gleich, ob er im Haus oder im Garten schläft.

"Am Anfang fanden die meisten es ziemlich süß. Die Tatsache, dass er jetzt immer noch bei seinem Rehbock lebt, finden viele wohl sehr schräg", sagt Dirk Würtz. "Aber, wenn man Waller kennt, dann weiß man, dass der einfach so ist. Er ist konsequent, er macht das bis zum Ende und er fühlt sich total wohl dabei."

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