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DDR-Produkte: Was'n das?

Tja, liebe Wessis: In der DDR waren die Produkte da oben so bekannt wie Dr. Oetker oder Milka. Den Geschmack des Ostens hat Jutta Voigt in ihrem Buch beschrieben - und dazu: Honeckers Leibgericht und den "Operativstab Speisekartoffel"

Lange hat sie an den Sozialismus geglaubt - "zwei Jahrzehnte", sagt sie im Interview. Jutta Voigt ist 65 Jahre alt. Unterstellt, dass man mit 18 politisch mündig ist, dürfte ihre Überzeugung bis in die späten 70er Jahre Bestand gehabt haben - da war sie schon Reporterin für die DDR-Wochenzeitung "Sonntag" und auf der Suche "nach dem proletarischen Werktätigen. Den Arbeiter fanden wir Intellektuellen ja toll. Das waren unsere Helden". Dem Sozialismus konnte sie dann doch nicht treu bleiben, zu groß die Widersprüche. Beobachtet und geschrieben aber hat sie immer weiter. Bis zur Wende beim "Sonntag", nach der Wende beim Ost-West-Blatt "Freitag", da galt sie schon als eine der herausragenden Beobachterinnen deutsch-deutscher Umtriebe. Bis vor kurzem schrieb sie für die "Zeit" ihre "Menschen im Café", ein prima Arbeitsplatz, denn Jutta Voigt hat sich immer für Essen und Trinken interessiert: Ihr Buch "Der Geschmack des Ostens" ist eine Abrechnung mit dem Leben in der Mangelwirtschaft, sie schreibt über den starren Blick auf westlichen Überfluss und den Jäger Honecker, der Wildfleisch verabscheute. Ganz anders übrigens als Frau Voigt: Die wählte, nach dem Interview, Wildschweinkeule.

Frau Voigt, haben die Machthaber in der DDR ihr Volk wirklich gezielt mit Fleisch und Schnaps ruhig gestellt, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?
Es wurde gegessen und getrunken, was das Zeug hielt, der Mangel feuerte den Appetit mächtig an. Die Macht der Herrschenden in der DDR hing tatsächlich vom Essen ab. Die sozialistische Utopie stand und fiel mit dem Vorhandensein oder dem Fehlen von Tomatenketchup; gab es kein Schweinefilet, wackelte der Thron. Wenn der Proletarier - und der war ja das Ideal dieser Gesellschaft - nach der Arbeit keine anständige Fleischportion auf dem Tisch vorfand, dann wurde er wild. 17 Millionen Wildgewordene können einer Regierung schon Angst machen - Honecker war davon überzeugt, dass der Aufstand vom 17. Juni 1953 auf die Erhöhung der Marmeladenpreise zurückging. Das Politbüro hatte panische Angst vor jeder Versorgungslücke. Wenn das Volk murrte "Der Kaffee schmeckt nicht", oder es gab mal wieder keinen Würfelzucker - dann zitterten die Genossen und fragten sich bang: "Wo vermissen sie den Würfelzucker mehr, im Norden oder im Süden?" Antwort: "Im Süden." Dann wurde der gesamte Würfelzucker des Landes nach Sachsen verbracht.

Würfelzucker war im Politbüro ein Thema?


Klar. Es gab ja auch einen "Operativstab Speisekartoffel".

Aber es musste doch niemand Hunger leiden?
Natürlich nicht. Aber die alltägliche Erfahrung, dass es immer irgendwas nicht gab, dieses Gefühl des Mangels hörte in der DDR einfach nicht auf. Und spätestens in den 70er Jahren tauchte auch dort der Wunsch nach dem Besonderen auf - das aber war schwierig zu kriegen. Meist landete man doch wieder bei Schweinekamm vom Grill, mit viel Wodka. War auch nicht schlecht, aber eben nichts Italienisches oder Chinesisches.

Immerhin war die DDR beim Fleischverbrauch an der Weltspitze, und Alkohol trank man, wenigstens zur Wendezeit, dreimal so viel wie im Westen.


Nicht nur zur Wendezeit. Schnaps, Bier und Sekt wurden 40 Jahre lang in rauen Mengen getrunken. Die Regierenden mühten sich, ihre Bürger bei Laune zu halten, es gab - besonders zum Ende der DDR hin - immer wieder Sonderetats für italienischen Wein. Der konnte kosten, was er wollte, die Leute sollten sich fühlen wie im Westen.

Aber die Menschen sind trotzdem noch in Intershops gerannt und haben sich Tic Tac oder Mon Chérie gekauft. Warum eigentlich?
Es ging weniger um die wirklichen Dinge als um den "Duft der großen, weiten Welt", um ein Stück aus dem bunten Reich der Illusion, das die Fernsehwerbung jeden Abend in die ostdeutschen Wohnzimmer entsandte. Es war grotesk: Ich habe in der DDR immer nur Kaffee getrunken, jahrzehntelang habe ich mich über den schlechten Kaffee geärgert. Seit der Wende trinke ich nur noch Tee. Verrückt, oder? Tee gab es im Osten nun wirklich jederzeit.

Erstaunlicherweise hat ja gerade Honecker fast frugal gelebt. Makkaroni mit Tomatensauce war sein Leibgericht, schreiben Sie ...


Und Kassler in allen Varianten, kalt, warm, mit Sauerkohl und ohne. Unheimlich finde ich, dass Honecker, der große Jäger, nichts aus dem Wald gegessen hat, keine Pilze und schon gar kein Wild. Er hat die Tiere nur totgeschossen.

Und hat nichts aus dem Westen kommen lassen?
Nicht so viel wie andere, seine Frau Margot war dagegen. Manche der Wandlitzer Genossen haben sich lieber griechischen Spargel aus West-Berlin bringen lassen als den zu essen, den ihr Koch frisch vom Feld geholt hatte, wie dieser nach der Wende traurig anmerkte.

Gab es in der DDR denn Feinschmecker?


Wir waren keine Feinschmecker, noch heute haben Ostler einen anderen Geschmack als Westler: Sie mögen immer noch lieber das Schärfere und Deftigere, weniger das Raffinierte. Kochen war nicht so wichtig: Fast alle haben ja mittags in der Kantine gegessen - die Kinder im Kindergarten oder in der Schule, die Erwachsenen in der Betriebskantine, die Frauen haben ja alle gearbeitet. Gekocht wurde nur am Wochenende, da ist man freitags eben ein bisschen früher aus dem Betrieb nach Hause gegangen, wenn man sich beim Fleischer nach Rouladen anstellen wollte. Wir waren echte Beutel-Bürger. Den Einkaufsbeutel aus Dederon hatten wir immer dabei, es konnte ja irgendwo irgendwann was geben.

Und was konnte man im Gemüseladen in den Beutel tun?
Weißkohl, Rotkohl und Äpfel. Die gab es immer, nur wollte natürlich keiner andauernd nur den Gelben Köstlichen oder Rohkostsalat oder Weißkohleintopf essen. Und so fragte man mit nie versiegender Hoffnung: Haben Sie Tomaten? Haben Sie Apfelsinen? Haben Sie Spargel? "Haben Sie?" - die typische Ostfrage.

Und die Verkäuferinnen hatten die Macht?


Klar, die hatten die Verteilungsmacht, und die ging nach Sympathie und Westkaffee. Wer ab und an mal Jacobs Krönung aus dem Westpaket als kleines Dankeschön über die Ladentheke reichte, dem hob die Fleischverkäuferin ungarische Salami auf.

Wann gab's regulär mal was Besonderes?


Im Sommer gab es, zwei- oder dreimal pro Saison, Erdbeeren und Kirschen, sandige, rote, wohlschmeckende Erdbeeren und dicke Knupperkirschen. Vier Wochen vor Weihnachten wurden Südfrüchte importiert, es hatte alles seine Zeit. Meine Mutter brachte als Überraschung mal eine Wassermelone mit, eine seltene Frucht. Die habe ich meiner achtjährigen Tochter Charlotte aufgeschnitten und dann die Küche verlassen. Als ich zurückkam, war die Melone weg. Ganz weg. Wie sie geschmeckt hat, habe ich gefragt. Sagt das Kind: "Das Grüne nicht so, Mama, nur das Rote". Sie hatte die Melone mit Stumpf und Stiel verspeist.

Dann war es mit dem Mangel gar nicht so schlimm, oder?
Man gewöhnt sich an alles. An den Frust, wenn es was nicht gab. An die Lust, eine Mangelware zu ergattern. An den Triumph, wenn man die Beute ins Nest tragen konnte, das war so ähnlich wie heute die Schnäppchenjagd.

Haben Sie auch einen speziellen Jagdinstinkt entwickelt?


Ja, nach Immergut zum Beispiel, der DDR-Kaffeesahne. Wenn die HO in meiner Straße Immergut geliefert bekam, verbreitete sich das wie ein Lauffeuer.

War ein Restaurantbesuch auch so ein Glücksspiel?


Das war wie Roulette, meistens verlor man. Das Essen war kalt, der Kellner dienstunwillig. Sie hatten das Missverständnis verinnerlicht, dass im Sozialismus keiner mehr dienen sollte, und beherzigten es bis zur Dienstverweigerung. Man konnte auch gewinnen im Restaurant-Roulette. In so einem Fall wurde man freundlich bedient, das Essen schmeckte und war zudem billig. Das war dann die Ausnahme von der Regel. Es fehlte die Mitte. Es gab massenhaft HOGs, das heißt HO-Gaststätten mit Bockwurst/Brot, Schnitzel mit Mischgemüse und Gulaschangebot. Und es gab die Interhotel-Restaurants mit vier Sternen, Sonderklasse-Zeichen und Chateaubriand auf Gärtnerinnenart. Da war es richtig vornehm. Arrogante Kellner schreckten einfache Leute mit der gestelzten Frage: "Möchten die Herrschaften speisen?" und ließen sie vor dem Eingang 20 Minuten warten, bevor sie "platziert" wurden.

Sie beschreiben aber auch den zuvorkommenden Service im Bruderland Tschechoslowakei. Waren die Kellner nur in der DDR so ausgesprochen unfreundlich?
Ich glaube, dass in der DDR radikaler als anderswo galt: Die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen ist abgeschafft, also bediene ich niemanden. Das war die Crux der DDR: Dass alles gut gedacht war. Und meistens schlecht endete.

Interview: Stephan Draf / print
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