Gutes aus dem Küchengarten Ist es nicht schön, gartelnd politisch zu sein?


Noch vor zwanzig Jahren wurde über das Gartensterben in Städten gesprochen. Heute erlebt "Urban Gardening" eine wahre Renaissance. Auf Dächern, Terrassen und Balkonen werden die Städte immer grüner.

Schon bemerkt? Gärtnern ist politisch. Plötzlich finden sich ein paar Menschen zusammen und bauen ihr Gemüse selbst an. Die Krautgärtner in München oder die Stadtgärtner in Berlin-Tempelhof sind ein schönes Beispiel dafür. Oder eine Gruppe von Menschen beschließt, den unansehnlichen Stadtpark in einen essbaren Park zu verwandeln (Beispiel Andernach).

Je mehr es an solchen Initiativen gibt, desto größer wird der Druck auf die Politik. Sie muss sich an einem bestimmten Punkt zu ihren Stadtgärtnern bekennen. München fördert per Stadtratsbeschluss das Urban Gardening, in Linz gibt es einen eigenen Beauftragten dafür und in Wien findet man in der Verwaltung Ansprechpartner für das eigene Gartenprojekt. In Graz formieren sich die Stadtgärtner zum Verein um eine Grundlage für die Beurteilung ihrer Gärten im Flächenwidmungsplan zu erwirken und Tipps für neue Gartenprojekte zu geben.

Urban Gardening, das passt in den aktuellen Trend von "Green Cities". Städte, die grün sind. Die Energie erzeugen, Lebensmittel, Artenvielfalt. Schon gewusst? Biologische Vielfalt findet man heute in den Städten – vor zwanzig Jahren noch schrieb ein Studienkollege über das Gegenteil davon, nämlich über das Artensterben in den Gärten von Graz. Heute dreht sich der Trend um. Viele Wildpflanzen, die es früher am Land gab, tauchen jetzt in städtischen Hinterhöfen auf. Der ländliche Raum gilt als ökologisch verarmt, wegen der industriell betriebenen Agrarwirtschaft. Gut, an der tragen wir ebenfalls unseren Anteil, wenn wir zu billigen industriell erzeugten Produkten greifen. Und die Bauern mit unserem Wunsch, möglichst billig viel Nahrung zu konsumieren in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale drängen. Was dabei heraus kommt, hat Elisabeth Zacharia in ihrem Buch "Warum Kühe lachen und Hühner nicht weinen" eindrücklich beschrieben. Mir ist der Appetit nach Lektüre des Buches gehörig vergangen.

Gärtnern ist also politisch. Es macht uns munter für das Wesentliche. Wir begreifen plötzlich, was auf unseren Tellern landet. Wir erkennen: Hallo, die eigenen Erdbeeren schmecken ja viel besser! Wir beginnen Fragen zu stellen, woher die Eier kommen, der Salat, die Zucchinis und Tomaten. Wer Fragen stellt, ist politisch aktiv. Denn hinter Fragen stehen Entscheidungen. Konsumentscheidungen. Das hat der Gartenfachhandel übrigens verstanden. Er bietet jetzt eigens abgepacktes Saatgut für Stadtgärtner an, und eigene Hochbeete und Topfkonstruktionen gleich dazu. Natürlich zum "Sonderpreis".

Ich bin eine Küchengärtnerin mit Bodenhaftung. Ich benötige diese Sonderpreis-Produkte für den Stadtgärtner nicht. Radieschen bleibt Radieschen. Salat bleibt auch Salat. Nur Bio muss es sein. Weil ich nicht will, dass mein selbst gezogenes Gemüse ein Hybrid aus Rumäniens Zuchtbetrieben ist. Dem Land, das als Eintrittspforte für Gen-Technik in Europa gilt (Filmtipp dazu: We Feed the World).

Ich will nicht untätig zusehen, wie täglich die Fläche von hundert Fußballfeldern versiegelt wird. Das ist der Richtwert für Deutschland. In Österreich sind es zwanzig Fußballfelder täglich, die verloren gehen an den Asphalt, an Verkehr und Immobilien. Dafür sollen/dürfen wir jetzt Balkone bepflanzen, quasi als Ausgleich. Ist das nicht verrückt?

Also, gehen wir hinaus und "schnappen" uns jene Flächen, die für Investoren (noch) uninteressant sind, auf denen man aber einen Selbstversorgergarten errichten kann. Damit wir die Menschen, die dort leben zusammenarbeiten lassen, über kulturelle und Herkunftsgrenzen hinweg. Kreativ, multi kulti. Ist es nicht schön, gartelnd politisch zu sein?


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